Modul 5: Risikobewertung und Verbesserung der Sicherheit

COVID-19-Pandemie in Deutschland
Risikobewertung
Kommunikation mit Opfern über Sicherheitsmaßnahmen und Risikoeinschätzung
Erstellung eines Sicherheitsplans
Unmittelbares Risiko von Selbstmord und Selbstverletzung
Modulares Instrument – Integration der Risikobewertung in die Ersthilfe bei häuslicher Gewalt

Einführung ins Thema

Viele Opfer, die Gewalt erlitten haben oder erleiden, haben Angst um ihre Sicherheit. Andere Opfer denken vielleicht nicht, dass sie einen Sicherheitsplan brauchen, weil sie nicht erwarten, dass die Gewalt sich wiederholt oder eskaliert. Man sollte erklären, dass Täter/innen häuslicher Gewalt in den meisten Fällen nicht von selbst aufhören: Häufig setzt sich die Gewalt fort und kann mit der Zeit schlimmer werden und häufiger auftreten.
Die Beurteilung und Planung der Sicherheit ist ein fortlaufender Prozess – nicht nur ein einmaliges Gespräch. Man kann helfen, indem man die besonderen Bedürfnisse und die Situation der Opfer mit ihnen bespricht und jedes Mal, wenn man sie sieht, ihre Optionen und Ressourcen erkundet, wenn sich ihre Situation ändert. Es ist immer wichtig anzusprechen, ob es sicher ist, nach Hause zurückzukehren.

Lernziele

In diesem Modul wird vorgestellt, was bei der Risikobewertung von Patientinnen und Patienten, die Opfer häuslicher Gewalt geworden sind, beachtet werden muss und welche Schritte notwendig sind, um die Sicherheit der Opfer zu verbessern. Des Weiteren wird vorgestellt, welche Schritte bei akuter Selbst- oder Fremdgefährdung der Opfer unternommen werden müssen.


IMPRODOVA: Häusliche Gewalt zu Katastrophenzeiten

Das Video zeigt, welchen Einfluss Katastrophen auf die Rate an Fällen häuslicher Gewalt haben.


COVID-19-Pandemie in Deutschland

Im März 2020 wurden in den 16 Bundesländern zu unterschiedlichen Zeitpunkten lokale Lockdowns wegen der Risiken der Covid-19-Pandemie von den Behörden angeordnet. Die Durchsetzung der Quarantänevorschriften war hierbei unterschiedlich geregelt. Im April kam jedoch fast ganz Deutschland zum Stillstand: Home-Office und Online-Unterricht wurden eingeführt. In der Mehrzahl der Bundesländer wurden der reguläre Schulbesuch und die Kinderbetreuung nicht vor Ende der Sommerferien wieder aufgenommen. Im September begannen die Infektionsraten, wie in fast allen europäischen Ländern, wieder stetig zu steigen. Dies führte im November zur Wiedereinführung von lokalen Lockdowns im ganzen Land. Ein wesentlicher Unterschied zum ersten Lockdown bestand darin, dass diesmal Kinderbetreuung und Schulen bisher offenblieben.

Häusliche Gewalt in Zeiten der Pandemie

Quarantäne, Ausgangsbeschränkungen, geschlossene Schulen, Homeoffice, Kurzarbeit, finanzielle Sorgen und Zukunftsängste – all diese Faktoren haben das Potential, erhöhten partnerschaftlichen und familiären Stress hervorzurufen. Es wird daher vermutet, dass es zu einem deutlichen Anstieg von Gewalttaten zu Hause kam und weiterhin kommen wird. Zum Höhepunkt der Lockerungen im Juni 2020 verzeichnete etwa die Berliner Gewaltschutzambulanz einen Anstieg von 30 Prozent der Fälle im Vergleich zum Vorjahr. Die Zahl der registrierten Kindesmisshandlungen stieg im ersten Halbjahr 2020 fast um ein Viertel an (Quelle: https://www.t-online.de/gesundheit/id_88776802/haeusliche-gewalt-hier-finden-opfer-und-taeter-hilfe.html).


Risikofaktoren

  • Gesundheitliche und psychische Probleme können sich während eines Lockdowns verstärken, da gesundheitsrelevante Serviceleistungen nur eingeschränkt zugänglich sind. Dies kann sich wiederum negativ auf den Gesundheitszustand Einzelner auswirken, ihr Stressniveau erhöhen und eine Zunahme gewalttätiger Übergriffe begünstigen.
  • Mit der wirtschaftlichen Unsicherheit oder Arbeitslosigkeit gehen finanzielle Sorgen einher, die destruktive Bewältigungsmechanismen verstärken können.
  • Gewalt hat immer auch etwas mit Machtanspruch zu tun. In Zeiten von Krise und Isolation und damit verbundener gefühlter Hilflosigkeit, Kontrollverlust und Machtlosigkeit ist Gewalt vermeintlich ein Mittel, um Kontrolle und Macht zurückzugewinnen.
  • Sprachbarrieren, Schließungen von Anlaufstellen oder der Fakt, dass Sozialarbeitende aufgrund der Schutzmaßnahmen nur noch eingeschränkt vor Ort sind, können den Zugang zu Unterstützungsangeboten deutlich erschweren.
  • Opfer könnten zudem aus Angst davor, sich mit COVID-19 anzustecken, zögern, Unterstützungsangebote in Anspruch zu nehmen.
  • Die soziale Distanzierung kann die sozialen Kontakte Einzelner so stark einschränken, dass sich die Opfer, ohne die Nähe und Ermutigung von Bezugspersonen, nicht trauen, Hilfe zu suchen. Ebenso werden Bezugspersonen, Bekannte oder Außenstehende wie Arbeitgebende oder pädagogische Fachkräfte nicht auf das Problem aufmerksam und können nicht unterstützend agieren. Andererseits sind Nachbarn und Nachbarinnen wachsamer und präsenter und aufgrund der Ausgangsbeschränkungen als protektiver Faktor zu berücksichtigen.

Hell- und Dunkelfeld

Fast alle zuständigen Stellen weisen darauf hin, dass gerade in Fällen häuslicher Gewalt Anzeigen bei der Polizei oft mit zeitlicher Verzögerung eingehen, und dass Vorfälle stattdessen öfter von Bezugspersonen gemeldet werden (Quelle: Angaben der Ministerien und Polizeidienststellen in den Bundesländern; https://www.t-online.de/nachrichten/deutschland/id_88788090/corona-und-haeusliche-gewalt-so-gross-ist-das-problem-in-ihrem-bundesland.html). Die coronabedingten Einschränkungen haben genau das aber oft schwierig gemacht, weil diese sozialen Kontakte fehlten. Deshalb könnten womöglich noch mehr Fälle als sonst unerkannt geblieben sein. Viele Stellen gehen folglich von einer hohen Dunkelziffer aus, die schon in normalen Zeiten zwei Drittel beträgt.

Diese Logik bietet einen Erklärungsansatz dafür, warum es neben einer Zunahme von gemeldeten Fällen häuslicher Gewalt in manchen Gegenden zu einem Rückgang der Zahlen kam. Dies könnte dadurch erklärt werden, dass der Täter oder die Täterin immer zu Hause anwesend war, sodass das Opfer keine Möglichkeit hatte, Hilfe zu rufen und/oder eine Straftat anzuzeigen, ohne eine Eskalation zu riskieren.

Einblicke in die Erfahrungen von Opfern und in die Inanspruchnahme von Unterstützungsleistungen während der Zeit des Lockdowns liefert eine repräsentative Umfrage von Steinert und Ebert (https://toolbox-opferschutz.at/sites/toolbox-opferschutz.at/files/inline-files/Studie_COVID.pdf).

Dass es derzeit noch kein gesichertes Gesamtbild in Bezug auf die Zu- oder Abnahme von häuslicher Gewalt für Deutschland gibt, liegt an den unterschiedlichen Daten, die die Bundesländer bislang zur Verfügung gestellt haben. Einige machen Angaben zur Zahl der Opfer häuslicher Gewalt, andere zum Aufkommen entsprechender Fälle. Ein belastbares Gesamtbild für Deutschland zu häuslicher Gewalt wird es laut Bundesfamilienministerium erst Ende des Jahres 2020 geben. Belastbare Daten liefert dann die Jahresauswertung der polizeilichen Kriminalstatistik (Quellen: Angaben der Ministerien und Polizeidienststellen in den Bundesländern; https://www.t-online.de/nachrichten/deutschland/id_88788090/corona-und-haeusliche-gewalt-so-gross-ist-das-problem-in-ihrem-bundesland.html;https://www.tagesschau.de/inland/haeusliche-gewalt-corona-101.html).


Häusliche Gewalt in Zeit der COVID-19-Pandemie in den EU-Ländern

In Zeiten der COVID-19-Pandemie wurde auch in den EU-Ländern verstärkt über häusliche Gewalt berichtet. Jedes einzelne Land hat Maßnahmen ergriffen, um Opfer häuslicher Gewalt auch während der Pandemie zu unterstützen und vor weiterer Gewalt zu schützen.

Nationale Aktionspläne

Das Dokument „The COVID-19 pandemic and intimate partner violence against women in the EU“ (Die COVID-19-Pandemie und Gewalt in Paarbeziehungen gegen Frauen in der EU) bietet einen vorläufigen Überblick über die Maßnahmen, die in der gesamten EU zur Unterstützung von Gewaltopfern während des COVID-19-Ausbruchs (von März bis Ende September 2020) ergriffen wurden, stellt Beispiele für vielversprechende Praktiken vor und gibt erste Empfehlungen für die EU und deren Mitgliedstaaten, wie Opfer während der Pandemie sowie in anderen potenziellen Krisen besser unterstützt werden können.

Obwohl weitere Studien erforderlich sind, um das Ausmaß der Herausforderungen vollständig zu erfassen, können die Ergebnisse dieser Studie genutzt werden, um die Themen zu identifizieren, die weiter erforscht werden sollten, um damit zur Entwicklung nationaler Strategien zur Prävention geschlechtsspezifischer Gewalt und zur Krisenvorsorge beizutragen.

Die Studie ergab, dass die Einführung von Maßnahmen zur Pandemiebekämpfung in der gesamten EU mindestens sieben Hauptherausforderungen für die Dienstleistungsanbieter mit sich brachte:

  • Sicherstellung der Kontinuität der Leistungserbringung,
  • Finden neuer Wege für die Bereitstellung von Unterstützung,
  • Bewältigung eines großen Bedarfs an Dienstleistungen,
  • Umgang mit der Überlastung des Personals von Dienstleistungsanbietern,
  • Erreichen der Opfer,
  • Risikoabschätzung der Situation, in der sich Opfer befinden,
  • unzureichende Finanzierung.

Alle EU-Mitgliedstaaten haben als Reaktion auf COVID-19 Änderungen vorgenommen oder neue Maßnahmen zur Unterstützung und zum Schutz von Frauen, die Opfer von Gewalt in Paarbeziehungen sind, und ihren Kindern eingeführt. Umfassende Aktionspläne, die sich speziell mit dem Thema Gewalt in Paarbeziehungen im Zusammenhang mit der COVID-19-Pandemie befassen, oder detaillierte Leitlinien für Notfallmaßnahmen wurden jedoch nur in wenigen EU-Mitgliedstaaten etabliert. Darüber hinaus waren all diese nationalen Strategien und Aktionspläne reaktiv, das heißt, sie wurden erst nach dem Ausbruch von COVID-19 entwickelt und umgesetzt und wurden nur selten durch zusätzliche Finanzmittel unterstützt.

Nur drei Mitgliedstaaten führten Aktionspläne ein, die sich speziell mit Fragen der Gewalt in Paarbeziehungen im Zusammenhang mit der COVID-19-Pandemie befassten. Irland, Spanien und Litauen zählen zu den EU-Ländern, die einen nationalen Aktionsplan gegen häusliche Gewalt während der Pandemie eingeführt haben. Während Spanien und Litauen die Koordination zwischen ihren Gesundheits-, Polizei- und Justizdiensten verstärkt haben, ist Irland noch einen Schritt weitergegangen und hat 160.000 Euro für die Unterstützung von Notunterkünften und Hotlines für die Opfer häuslicher Gewalt aufgebracht. Irische Gerichte haben Fällen häuslicher Gewalt Priorität eingeräumt und die Zahl der Anhörungen aus der Ferne ausgeweitet. Die Polizei überprüfte zudem Frauen, die in der Vergangenheit bereits Gewalt erlebt haben.

Gesetzgebung

In 14 Mitgliedstaaten wurden als Reaktion auf COVID-19 neue Gesetze oder Änderungen an bestehenden Gesetzen verabschiedet. Die häufigste Art der Gesetzesänderung zielte darauf ab, die Kontinuität der Dienste zur Unterstützung weiblicher Opfer und ihrer Kinder sicherzustellen – entweder speziell während des Lockdowns oder in Notfallsituationen im Allgemeinen. Rechtsvorschriften, die verhindern sollten, dass Opfer im Rahmen eines Lockdowns oder von Quarantäne mit den Tätern in eine Falle geraten, waren weniger verbreitet. Selbst dort, wo solche Rechtsvorschriften eingeführt wurden, konzentrierten sich die Mitgliedstaaten darauf, den Opfern alternative Unterbringungsmöglichkeiten zur Verfügung zu stellen und sicherzustellen, dass sie nicht strafrechtlich zur Verantwortung gezogen würden, wenn sie trotz Lockdowns reisen würden. Weniger Augenmerk wurde darauf gelegt, den Täter aus der Wohnung zu entfernen oder die polizeilichen Verfahren oder die Justizsysteme zu ändern, um die Strafverfahren fortzusetzen. Wie die nationalen Richtlinien und Aktionspläne wurden auch die meisten gesetzgeberischen oder gerichtlichen Maßnahmen während des Lockdowns eingeführt und waren als vorübergehend gedacht.

In Lettland, Estland, der Slowakei und Frankreich sind die Regierungen nun gesetzlich dazu verpflichtet, Frauen, die zu Hause Gewalt ausgesetzt sind, alternative Unterkünfte zur Verfügung zu stellen. Estnische Gerichte sind befugt, einstweilige Verfügungen gegen gewalttätige Partner und Partnerinnen zu erlassen, um das Opfer vor Obdachlosigkeit zu schützen und den Täter oder die Täterin zur Rechenschaft zu ziehen.

Sensibilisierungskampagnen

Fast jedes EU-Land führte Sensibilisierungskampagnen durch, um Opfer häuslicher Gewalt über verfügbare Hilfen zu informieren. In Griechenland, Finnland und Portugal richteten sich diese beispielsweise speziell an Geflüchtete und Personen mit Migrationshintergrund, während sich andere Länder an Frauen aus Roma-Gemeinschaften, LGBTIQ+-Frauen oder Hörgeschädigte wandten. Aufklärungskampagnen können außerdem Zeugen und Zeuginnen häuslicher Gewalt dazu ermutigen, Opfer zu unterstützen, indem sie klare Anleitungen zu Hilfsangeboten bieten.

Wackelige Unterstützungssysteme

Die Mitgliedstaaten erkannten grundsätzlich an, dass es wichtig sei, die Verfügbarkeit von Kommunikations- und Unterstützungsinstrumenten für die Opfer während der COVID-19-Pandemie auszubauen. Dies führte zur Etablierung neuer digitaler Zugangswege, die es Frauen, die Opfer von Gewalt in Paarbeziehungen sind, erleichtern sollen, Hilfe zu erhalten. Beispiele hierfür sind Handy-Apps, verschiedene Formen von Instant-Messaging-Diensten und neue E-Mail-Dienste, wobei die Dienstleister ihre Betriebszeiten und ihre Kapazitäten zur Unterstützung von Opfern in verschiedenen Sprachen erweitert haben. Maßnahmen, die Kindern, die von Gewalt in Paarbeziehungen betroffen sind, passgenaue Unterstützung bieten, waren jedoch rar.

Die COVID-19-Pandemie hat gezeigt, dass die Unterstützungssysteme für Opfer häuslicher Gewalt in den meisten EU-Ländern auf wackeligen Beinen stehen. Die Mitarbeitenden von Notunterkünften und Beratungsstellen waren mit der gestiegenen Nachfrage und dem erhöhten Leiden der Opfer überfordert. Sie fühlten sich nicht auf die Situation vorbereitet, aus der Ferne Unterstützung zu leisten und den Opfern nicht mehr von Angesicht zu Angesicht helfen zu können. Gleichzeitig mussten sie selbst ihre Arbeit an die neue Situation (z. B. Homeoffice, Kontakte reduzieren, Kinder betreuen) anpassen. In Deutschland war deshalb beispielsweise das Hilfetelefon „Gewalt gegen Frauen“ nicht durchweg besetzt.

Schlussfolgerungen
  • Nur sehr wenige Mitgliedstaaten haben umfassende nationale Richtlinien oder einen Aktionsplan verabschiedet, der sich mit Gewalt in Paarbeziehungen im Kontext von COVID-19 befasst.
  • Um die Kontinuität der Leistungserbringung während der COVID-19-Pandemie zu gewährleisten, wurden die Opferunterstützungsdienste in einer begrenzten Anzahl von Mitgliedstaaten per Gesetz als wesentlich eingestuft.
  • Gesetzliche Maßnahmen, die zusätzliche Unterbringungsmöglichkeiten für Opfer vorsehen, waren häufiger als solche, die die Täter aus dem Umfeld entfernen.
  • Engpässe bei der Unterbringung von Opfern in Unterkünften aufgrund von COVID-19-Beschränkungen lösten sektorübergreifende Initiativen aus.
  • Das Fehlen einer ausreichenden Finanzierung und Anleitung durch die nationalen Mitgliedstaaten stellte eine zusätzliche Belastung für die Dienstleistungsanbieter dar.
  • Alle Mitgliedstaaten erkannten die Notwendigkeit an, dass es wichtig ist, das Bewusstsein für das Risiko eines Anstiegs der Gewalt in Paarbeziehungen im Zusammenhang mit der Pandemie zu schärfen.
  • Es gab einen begrenzten Fokus auf die Bereitstellung spezieller Unterstützung für Kinder und benachteiligte Gruppen, die von Gewalt in Paarbeziehungen betroffen sind.

Quellen:

The COVID-19 pandemic and intimate partner violence in the EU.

https://www.hilfetelefon.de/


Spezielle Rolle von Polizei, Gesundheitssektor und sozialem Sektor während der COVID-19-Pandemie

Polizei
  • Die Aufmerksamkeit der Polizei liegt in Zeiten des Lockdowns und der Pandemie auf der Einhaltung und Kontrolle staatlich angeordneter Maßnahmen.
  • Insbesondere zu Beginn des Lockdowns könnten Polizeikräfte möglicherweise darauf verzichtet haben, einen Täter oder eine Täterin der Wohnung zu verweisen, wenn sich dieser oder diese in Quarantäne befand, weil unklar war, wie in solchen Fällen zu verfahren ist.
Gesundheitssektor
  • Die Aufmerksamkeit des medizinischen Personals konzentriert sich während der Pandemie hauptsächlich auf medizinische Maßnahmen im Zusammenhang mit der Pandemie. Fälle häuslicher Gewalt können so leichter übersehen werden. Bei Opfern häuslicher Gewalt besteht auch die Angst, in ein Krankenhaus zu gehen und sich dort mit Corona anzustecken. In einigen Fällen ist während eines Lockdowns der Zugang zu Krankenhäusern nur in schweren akuten Fällen möglich.
Sozialer Sektor
  • Weltweit fanden Schulschließungen in etwa 190 Ländern statt. Neben dem direkten Verlust von Bildung erfolgte auch ein Verlust sozialer Kontakte. Indikatoren und direkte Anzeichen für häusliche Gewalt haben damit ein hohes Risiko, übersehen zu werden.
  • Im sozialen Sektor können Termine mit Klienten und Klientinnen nicht mehr persönlich stattfinden. Viele Kontaktstellen müssen schließen und Termine werden abgesagt oder stark reduziert.
  • NGOs, Opferhilfe- und Beratungsdienste berichten von einer gestiegenen Nachfrage nach Beratung und/oder Unterstützung in vielen Teilen Deutschlands. Weiterführende Analysen sind nötig, um zu belastbaren Daten zu gelangen, welche Dienste stark nachgefragt sind und gestärkt werden müssen, und welche Dienste weniger gefragt sind und evtl. der bestehenden Situation noch besser angepasst werden müssen.

Empfehlungen zur Bekämpfung und besseren Detektion häuslicher Gewalt während der Pandemie

Die Lockdown-Maßnahmen zur Eindämmung des Coronavirus im Frühjahr 2020 rückten auch das Thema der häuslichen Gewalt vermehrt in die öffentliche und polizeiliche Aufmerksamkeit.

In den Medien, der Politik und von NGOs wurde berichtet, dass unter den Corona-Bedingungen vor allem Frauen und Kinder verstärkt Gewalt erfahren würden. Der Direktor der EU-Agentur für Grundrechte hat die Staaten aufgefordert, nicht nur Frauen während der Pandemie zu schützen, sondern „ihre Maßnahmen zur Beendigung der Gewalt gegen Frauen in Zukunft zu verstärken“. Auch das Europäische Institut für Gleichstellungsfragen (EIGE) hat Forderungen an die EU und ihre Mitgliedstaaten unterstützt, die Coronavirus-Pandemie als Gelegenheit zu nutzen, ihre Bemühungen zum Schutz der Frauenrechte zu verstärken (Quelle: https://eige.europa.eu/printpdf/news/eu-rights-and-equality-agency-heads-lets-step-our-efforts-end-domestic-violence).

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) und die UN-Frauen haben die Bedeutung der Datenerhebung während der COVID-19-Pandemie unterstrichen. Sie sei ein entscheidendes Instrument, um nachteilige Auswirkungen auf gewaltbetroffene Frauen und Mädchen abzuschwächen und Präventionsstrategien für künftige Krisen zu entwickeln (Quelle: https://www.unwomen.de/aktuelles/corona-eine-krise-der-frauen.html; https://www.unwomen.de/fileadmin/user_upload/Corona/gender-equality-in-the-wake-of-covid-19-en.pdf). Für die Zukunft sei es von entscheidender Bedeutung, dass die Forschung sofortige und längerfristige politische und praktische Antworten liefert.

Folgende Empfehlungen wurden formuliert:

  • Strafverfolgungsbehörden müssen sicherstellen, dass Vorfälle häuslicher Gewalt hohe Priorität erhalten, und dass die im Zusammenhang mit COVID-19 auftretenden Gewaltmanifestationen bekämpft werden.
  • Der Gesundheitssektor muss Opfern häuslicher Gewalt stets den Zugang zu Informationen und Dienstleistungen im Bereich der sexuellen und reproduktiven Gesundheit gewährleisten.
  • Unterstützungsdienste des sozialen Sektors sollten verstärkt Online-Krisenunterstützungsdienste wie Hotlines und Chats anbieten. Notfallbetreuungen/Tagesbetreuungen sollten auf alle Familien ausgeweitet werden – nicht nur auf Elternteile, die in systemrelevanten Berufen tätig sind.

Ziel ist es, Gewalt gegen Frauen in verschiedenen Krisensituationen zu reduzieren und frauenspezifische Bedürfnisse in Notfallplänen zu berücksichtigen.

  • Verabschiedung nationaler Aktionspläne zur Verbesserung der langfristigen Reaktion auf geschlechtsspezifische Gewalt in Krisenzeiten
  • Umsetzung von Maßnahmen zum Schutz der Opfer und ihrer Kinder vor den Tätern durch schnelle Abschiebung des Täters

Verbesserung des Zugangs zu Unterstützungsdiensten und Begrenzung der Auswirkungen von COVID-19 – und anderen potenziellen Krisensituationen – auf die Funktionalität von Unterstützungsdiensten

  • Verabschiedung einer nationalen Gesetzgebung, die sicherstellt, dass Unterstützungsdienste für Frauen, die Opfer von Gewalt in Paarbeziehungen geworden sind, und ihre Kinder als wesentliche Dienste während des Ausnahmezustands anerkannt werden
  • Einführung von Hilfetelefonen und Kommunikationsinstrumenten, die den Opfern die Möglichkeit geben, in Krisenzeiten diskret Unterstützung zu erhalten
  • Bereitstellung zusätzlicher Mittel, um die Kapazitäten von Hilfsdiensten zur Unterstützung von Frauen, die Opfer von Gewalt in Paarbeziehungen sind, und ihren Kindern in Krisenzeiten zu erweitern
  • Aktualisierung der Verfahren von Dienstleistungsanbietern zur Risikobewertung von Opfern, um die Erbringung von Dienstleistungen aus der Ferne und nicht nur im persönlichen Umfeld zu ermöglichen
  • Evaluierung der Maßnahmen zum Schutz von Frauen, die Opfer von Gewalt in Paarbeziehungen geworden sind, und ihrer Kinder in Krisenzeiten, um zukünftige Maßnahmen zu verbessern
  • Entlastung des Personals von Dienstleistern durch Einführung von Maßnahmen, die das Wohlbefinden des Personals fördern
  • Aufklärungskampagnen, um die Opfer darüber zu informieren, wo und wie sie sich in Krisensituationen an Unterstützungsdienste wenden können
  • Umfassende Aus- und Fortbildung für Fachkräfte, die Gewaltopfer unterstützen
  • Austausch von Wissen und Praktiken unter den Mitarbeitern von Unterstützungsdiensten, um die effektive Bereitstellung von Fernberatung für weibliche Opfer und ihre Kinder zu erleichtern

Die deutsche Bundesregierung hat eine Strategie zur Bekämpfung häuslicher Gewalt veröffentlicht, die vier Maßnahmen umfasst (https://www.bundesregierung.de/breg-de/aktuelles?query=Hilfetelefon):

  • Hotline-Dienst rund um die Uhr in 18 Sprachen;
  • eine neu gestartete Initiative, um die Sensibilität und Bereitschaft der Öffentlichkeit zu erhöhen, auf häusliche Gewalt zu reagieren bzw. einzugreifen, wenn häusliche Gewalt auftritt. Opfer sollen ermutigt werden, Unterstützung anzufragen. Zusätzlich soll die Sichtbarkeit der verfügbaren Angebote (Opferhilfe und -unterstützung) erhöht werden;
  • Runder Tisch zur Eindämmung von Gewalt gegen Frauen, um finanzielle Unterstützung und Opferhilfe vor Ort miteinander zu verbinden, da es Lücken und große regionale Unterschiede gibt;
  • ein mit 30 Mio. € p.a. dotiertes Förderprogramm „Gemeinsam gegen häusliche Gewalt“, das in den Ausbau von Opfer-Beratungs- und Schutzeinrichtungen in Deutschland investiert.

Eine umfassende Übersicht zu den politischen Maßnahmen, die weltweit ergriffen werden, bietet der COVID-19 Global Gender Response Tracker, der zusammen von UN Women und UNDP ins Leben gerufen wurde.


Was können Gewaltopfer während einer Pandemie selbst tun?
  • Wenn sich Gewaltopfer nicht an die Polizei oder Hilfseinrichtungen wenden wollen, weil sie den staatlichen Institutionen nicht vertrauen oder bereits schlechte Erfahrungen gemacht haben, kann mit Hilfetelefonen oder -chats der erste Schritt aus der Gewaltsituation getan werden, falls das zu Hause gefahrlos möglich ist. Weitere Hilfe wird dann möglich.
  • Es ist wichtig, dass Opfern immer wieder bewusst gemacht wird, dass die Schuld nie bei ihnen liegt und dass das, was gerade passiert, Unrecht ist. Eine klare Stellungnahme und Verurteilung der Gewalt in den Medien – gerade zu Pandemiezeiten – helfen, dass die Betroffenen sich weitere Unterstützung suchen.
  • Die Sorge vor den wirtschaftlichen Folgen nach einer Trennung kann es Gewaltopfern erschweren, einen Ausweg aus ihrer Situation zu finden: Einige Opfer sind finanziell vom Partner oder der Partnerin abhängig, beispielsweise weil sie aufgrund der Pflege von Familienmitgliedern und der Kinderbetreuung nicht mehr in vollem Umfang einer bezahlten Arbeit nachgehen können, oder weil sie im Zuge der COVID-19-Pandemie entlassen wurden. In Deutschland haben wir glücklicherweise ein funktionierendes Hilfesystem für die Abmilderung der finanziellen Härte, die Opfer häuslicher Gewalt nach einer Trennung trifft. Das ist in anderen Ländern nicht der Fall.
  • Schriftliche Informationen über Gewalt in Paarbeziehungen und häusliche Gewalt sollten im öffentlichen Raum in Form von Plakaten und Broschüren oder Faltblättern verfügbar sein, die in privaten Bereichen wie Waschräumen zur Verfügung gestellt werden (mit entsprechenden Warnungen, sie nicht mit nach Hause zu nehmen, wenn sich dort der Täter oder die Täterin aufhält). Das Anbieten eines QR-Codes, der zu einer Website mit weiteren Informationen führt, kann hier Abhilfe leisten. Die Plakate, Broschüren oder Faltblätter sollten sich an weibliche und männliche Opfer häuslicher Gewalt richten und keine Stereotype bedienen. Die Benennung konkreter Ansprechpersonen vor Ort und die Breitstellung von Telefonnummern von Beratungsstellen oder Internetseiten, die (anonyme) Beratung anbieten, können einen Beitrag dazu leisten, dass sich Opfer häuslicher Gewalt Hilfe suchen.
  • Wer in Apotheken nach „Maske 19“ fragt, bekommt keinen Mund-Nasen-Schutz, aber dennoch Hilfe. Dahinter verbirgt sich ein Codewort, das Gewaltopfer immer dann nutzen können, wenn sie häusliche Gewalt erfahren (Quelle: https://zonta-union.de/node/14563).

Hier finden Opfer Hilfe:

  • Bei akuter Bedrohung: den Polizeinotruf 110 anrufen. Namen, Adresse, weitere Infos und gegebenenfalls Waffenbesitz des Täters oder der Täterin nennen und betonen, dass sofort Hilfe benötigt wird. Bis die Polizei kommt, sich selbst und etwaige Kinder in Sicherheit bringen, zum Beispiel bei Nachbarn und Nachbarinnen oder in Geschäften.
  • Hilfetelefon „Gewalt gegen Frauen“ (für Betroffene und das Umfeld): 08000/116016. Mehr Infos und Kontaktmöglichkeiten unter https://www.hilfetelefon.de
  • Hilfetelefon „Sexueller Missbrauch“: 0800/2255530

Was können Gewalttäter und Gewalttäterinnen tun, um ihr Verhalten zu verändern?
  • Auch während einer Pandemie gibt es für Täter und Täterinnen von Partnerschaftsgewalt Hilfe in Form von Online-Beratungs-, Therapie- und Trainingsprogrammen. Die bundesweite, kostenfreie und anonyme Hotline 0800/7022240 etwa bietet telefonische therapeutische Hilfestellungen für Männer an, die befürchten, gewalttätig zu werden. Weitere Adressen und Infos finden sich zum Beispiel unter www.maennerberatungsnetz.de.
  • Das Bundesforum Männer hat ein Survival Kit für Männer unter Druck ins Netz gestellt: eine Unterstützung für Männer, Stressmomente in der Corona-Krise zu bewältigen.

Hier finden Täter Hilfe:

  • Hilfetelefon für Täter (und ihr Umfeld): Bundesarbeitsgemeinschaft Täterarbeit Häusliche Gewalt: www.bag-taeterarbeit.de, Telefon 0162/1398443


Gut zu wissen: Die bundesweite Initiative „Stärker als Gewalt“ des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ) informiert darüber, wie die Corona-Krise häusliche Gewalt verschärfen kann und wo Betroffene Hilfe finden.


Fallstudie: Gewalt gegen Ältere

Winnie, 69 Jahre alt, lebt allein in einer kleinen Stadt auf dem Land. Sie ist seit einigen Jahren Ihre Patientin. Sie hat schwere Arthritis und benötigt immer mehr Hilfe bei den Aktivitäten des täglichen Lebens. Selbst mit regelmäßigen Besuchen von Sozialdiensten kommt sie nur schwer zurecht, aber sie besteht darauf, dass sie nicht ins Altersheim gehen will.

Schließlich zieht sie zu ihrer Tochter und ihrem Mann und deren kleinen Söhnen. Die Nachbarn fangen an, sich über den Lärm zu beschweren. Seit Winnie eingezogen ist, gibt es nicht mehr viel Platz im Haus; die Kinder streiten sich öfter, schreien und spielen mehr draußen. Winnies Tochter erhält keinerlei Hilfe von ihren Schwestern. Es wird von ihr erwartet, dass sie das vermehrte Waschen, Kochen und andere Pflichten klaglos bewältigt.

Wenn Sie Hausbesuche bei Winnie machen, stellen Sie fest, dass sie Flecken und Prellungen an ihren Armen und am Oberkörper hat. Diese werden von ihrer Tochter so erklärt, dass Winnie immer ungeschickter werde und ständig irgendwo anstoße. Außerdem nehme Winnie Blutverdünner. Winnie schüttelt nur den Kopf und sagt nichts, auch wenn Sie unter vier Augen mit ihr sprechen und fragen, ob alles in Ordnung sei. Sie machen sich Sorgen, wollen aber niemanden durch falsche Anschuldigungen verärgern.

Adaptiert nach einer Fallstudie aus RACGP (2014): Abuse and Violence: Working with our patients in general practice

Aufgaben

Besprechen Sie bitte die Fallstudie:
a) Was würden Sie als Arzt oder Ärztin in dieser Situation tun?
b) Welche sind die Hauptrisikofaktoren, die darauf hinweisen könnten, dass Winnie unter häuslicher Gewalt leidet?

Die Antworten auf diese Aufgaben sind in den entsprechenden Abschnitten dieses Moduls zu finden.

Hausärzte und Hausärztinnen müssen sich bewusst sein, dass es bei auch älteren Menschen zu häuslicher Gewalt kommen kann.

Was könnte man tun?

Sie können den häuslichen Pflegedienst, eine Haushaltshilfe, ein Tageszentrum, Unterstützungsgruppen für pflegende Angehörige oder andere lokale Dienste einbeziehen, um den Druck auf diese Familie zu verringern.

Was im Fall Winnie gemacht wurde:

Winnie bleibt weiterhin im Haus ihrer Tochter. Es werden aber einige zusätzliche Hilfen installiert: z. B. eine Toilettenerhöhung und eine Entlastungspflege. Dies ermöglicht Winnies Tochter, Zeit außer Haus zu verbringen; Winnie besucht einmal pro Woche die Tagesstätte.

Es ist unklar, ob dies die Situation entschärfen wird, deshalb ist es wichtig, Winnie mit wöchentlichen Hausbesuchen genau zu beobachten.

Weitere Informationen zum Thema Gewalt gegen Ältere finden Sie in einem Factsheet hier:

https://mwiaviolencemanual.com/elder_abuse/


Risikobewertung

Dem Patienten bzw. der Patientin sollte dabei geholfen werden, seine bzw. ihre unmittelbare und zukünftige Sicherheit sowie die seiner bzw. ihrer Kinder zu beurteilen. Die Risiko-beurteilung nach bewährten Verfahren umfasst

  • das Sammeln relevanter Fakten über die häusliche Situation,
  • das Erfragen der Risikowahrnehmung des Opfers,
  • ein professionelles Urteil über aktuelle Risikofaktoren.

Möglicherweise muss der Patient bzw. die Patientin an einen spezialisierten Dienst für häusliche Gewalt überwiesen werden. Der stärkste Indikator für zukünftige Risiken/Gewalt ist das aktuelle und vergangene Verhalten des Täters bzw. der Täterin. Dem Patienten bzw. der Patientin kann auch geraten werden, zur Polizei zu gehen, um einen noch besseren Schutz zu gewährleisten. Da dies jedoch immer mit einer Anzeige des Täter oder der Täterin einhergeht und dem Opfer sehr viel damit abverlangt wird, sich noch einem weiteren Personenkreis zu offenbaren, ist dieser Ratschlag sehr gut abzuwägen!

Es ist wichtig, dass das Opfer in ein Gespräch über seine oder ihre Risikowahrnehmung und sein oder ihr Sicherheitsmanagement in der Vergangenheit einbezogen wird. Alle Pläne, die gemacht wurden, müssen zur späteren Bezugnahme dokumentiert werden! Kopien sollten den Opfern, wenn möglich, mitgegeben werden. Gleichzeitig sind sie darauf hinzuweisen, dass damit das Risiko einhergeht, dass der Täter/die Täterin das Dokument finden könnte, und die Gewalt eskaliert.

Manche Opfer wissen, wann sie in unmittelbarer Gefahr sind und haben Angst, nach Hause zu gehen. Wenn sie um ihre Sicherheit besorgt sind, sollte man sie ernst nehmen und direkt gemeinsam erste Schritte einleiten.

Andere Opfer benötigen möglicherweise Hilfe, um über ihr unmittelbares Risiko nachzudenken. Es gibt spezifische Fragen, die man stellen kann, um herauszufinden, ob es für sie sicher ist, in ihr Zuhause zurückzukehren. Es ist wichtig, herauszufinden, ob ein unmittelbares und wahrscheinliches Risiko einer schweren Verletzung oder einer Tötung besteht.

Für eine erste Risikobewertung muss mindestens dies getan werden:

Mit dem Opfer in einem privaten Rahmen sprechen und Folgendes prüfen:

  • Fühlt sich der Patient bzw. die Patientin nach dem Termin sicher zu Hause?
  • Sind seine oder ihre Kinder sicher?
  • Benötigt er oder sie einen unmittelbaren, sicheren Ort?
  • Muss er oder sie bei den nächsten Schritten zu seiner oder ihrer Sicherheit unterstützt werden?
  • Muss er oder sie einen alternativen Ausgang aus dem aktuellen Gebäude in Betracht ziehen?

Wenn die unmittelbare Sicherheit kein Thema ist, muss die zukünftige Sicherheit des Patienten bzw. der Patientin überprüft werden:

  • Hat der Täter bzw. die Täterin schon einmal körperliche Verletzungen verursacht (z. B. durch Schläge)?
  • Hat sich das Verhalten des Täters bzw. der Täterin in letzter Zeit verändert, oder ist es eskaliert?
  • Hat der Täter bzw. die Täterin Zugang zu Waffen oder anderen Gegenständen, um schwere körperliche Verletzungen zu verursachen?
  • Benötigt der Patient bzw. die Patientin Unterstützung bei der Überweisung an die Polizei oder einen Rechtsdienst?
  • Hat der Patient bzw. die Patientin Telefonnummern für Notfälle?
  • Braucht der Patient bzw. die Patientin eine Überweisung an einen Dienst für häusliche Gewalt, um einen Notfallplan zu erstellen?
  • Wohin würde der Patient bzw. die Patientin gehen, wenn er oder sie die gemeinsame Wohnung verlassen müsste?
  • Wie würde der Patient bzw. die Patientin dorthin gelangen?
  • Was würde der Patient bzw. die Patientin mitnehmen?
  • An wen könnte sich der Patient bzw. die Patientin für Unterstützung wenden?

Die international am häufigsten eingesetzten Instrumente zur Risikobewertung sind unter Risikobewertungsinstrumente zu finden.


Kommunikation mit Opfern über Sicherheitsmaßnahmen und Risikoeinschätzung

Fragen zur Einschätzung der unmittelbaren Gefahr von Gewalt

  • Ist physische Gewalt in den letzten sechs Monaten häufiger vorgekommen oder hat sie sich verschlimmert?“
  • „Hat er/sie jemals eine Waffe benutzt oder Sie mit einer Waffe bedroht?“
  • „Hat er/sie jemals versucht, Sie zu erwürgen?“
  • „Glauben Sie, er/sie könnte Sie töten?“
  • „Hat er/sie Sie jemals geschlagen, als Sie schwanger waren?“
  • „Ist er/sie gewalttätig und ständig eifersüchtig auf Sie?“

Opfer, die auf mindestens drei der folgenden Fragen mit „Ja“ antworten, sind möglicherweise einem besonders hohen unmittelbaren Gewaltrisiko ausgesetzt.

Wenn es für das Opfer nicht sicher ist, nach Hause zurückzukehren, gewährleistet man eine sichere Unterbringung oder arbeitet mit dem Opfer zusammen, um einen sicheren Ort zu finden, an den es gehen kann (z. B. das Haus eines Freundes).


Erstellung eines Sicherheitsplans

Auch Opfer, die nicht unmittelbar einer ernsten, lebensbedrohlichen Gefahr ausgesetzt sind, profitieren von einem Sicherheitsplan. Wenn sie einen Plan haben, können sie besser mit der Situation umgehen, wenn es erneut zu Gewalt kommt. Die folgenden Elemente sind Teil eines Sicherheitsplans und Fragen, die man Opfern stellen kann, um ihnen bei der Erstellung eines Plans zu helfen.

Beispiel: Sicherheitsplan

Sicherer Ort

„Wenn Sie Ihr Haus in Eile verlassen müssten, wohin könnten Sie gehen?“

Planung für Kinder

„Würden Sie allein gehen oder Ihre Kinder mitnehmen?“

Verkehrsmittel

„Wie würden Sie dorthin gelangen?“

Mitzunehmende Gegenstände

„Müssen Sie irgendwelche Dokumente, Schlüssel, Geld, Kleidung oder andere Dinge mitnehmen, wenn Sie gehen? Was ist unentbehrlich?“

Finanzielles

„Haben Sie Zugang zu Geld, wenn Sie gehen müssen? Wo wird es aufbewahrt? Können Sie im Notfall darauf zugreifen?“

Unterstützung durch eine nahestehende Person

„Gibt es einen Nachbarn, dem Sie von der Gewalt erzählen können, der die Polizei rufen oder Ihnen Hilfe holen kann, wenn er Geräusche von Gewalt aus Ihrem Haus hört?“

Die Bedürfnisse der Opfer gehen im Allgemeinen über das hinaus, was man in der Klinik oder in einer Praxis anbieten kann. Man kann helfen, indem man die Bedürfnisse des Opfers mit ihm bzw. ihr bespricht, ihm bzw. ihr von anderen Hilfsangeboten erzählt und ihm bzw. ihr hilft, Hilfe zu bekommen, wenn er bzw. sie Hilfe wünscht. In der Regel wird es nicht möglich sein, alle Anliegen beim ersten Treffen zu behandeln. Man sollte Opfer wissen lassen, dass man für ein weiteres Treffen zur Verfügung steht, um über andere Themen zu sprechen.

Im Gegensatz zu den fast 400 Frauenhäusern in Deutschland stehen ähnliche Einrichtungen für Männer, die von häuslicher und sexualisierter Gewalt betroffen sind, nur vereinzelt zur Verfügung. In einigen deutschen Städten wurden in den letzten Jahren Schutzwohnungen eröffnet. In ihnen finden Männer bis zu sechs Monate lang Zuflucht, wenn sie zu Hause Übergriffen ihres Partners bzw. ihrer Partnerin ausgesetzt sind, oder wenn sie gestalkt werden. In den Wohnungen ist auch Platz für minderjährige Kinder.

Männer-Wohn-Hilfe e.V.

Riposo – Wohnung für von häuslicher und sexualisierter Gewalt betroffene Männer

Es mag frustrierend erscheinen, wenn Opfer nicht bereit sind, Schritte zu unternehmen, um ihre Situation zu ändern. Die Entscheidung, etwas gegen die aktuelle Situation zu unternehmen, ist jedoch für die Opfer nicht leicht. Man sollte stets ihre Wünsche und Entscheidungen respektieren.


Unmittelbares Risiko von Selbstmord und Selbstverletzung

Einige Menschen befürchten, dass die Frage nach Selbstmord das Opfer provozieren könnte, ihn zu begehen. Im Gegenteil: Das Reden über Selbstmord reduziert oft die Angst des Opfers vor Selbstmordgedanken und hilft ihm, sich verstanden zu fühlen.

Wenn das Opfer allerdings:

  • aktuelle Selbstmordgedanken hat bzw. sogar plant, Selbstmord zu begehen oder sich selbst zu schaden,

ODER

  • eine Vorgeschichte von Gedanken oder Plänen zur Selbstverletzung im vergangenen Monat oder eine Akte der Selbstverletzung im vergangenen Jahr hat, und er/sie jetzt extrem aufgewühlt, gewalttätig, verzweifelt oder unkommunikativ ist, dann besteht eine unmittelbare Gefahr der Selbstverletzung oder des Selbstmords. Diese Opfer sollten damit nicht allein gelassen werden.

Das Opfer sollte unverzüglich in eine psychiatrische Klinik überwiesen werden. Sollte der Patient bzw. die Patientin sich weigern, alleine dort hinzugehen, sollte man ihn bzw. sie begleiten oder eine Begleitperson kontaktieren. Wenn der Patient bzw. die Patientin wegläuft oder sich zur vereinbarten Ankunftszeit nicht in der Klinik meldet, schaltet man die Feuerwehr ein. Das Brechen der Schweigepflicht ist in diesem Fall rechtlich kein Problem. Man ist, im Gegenteil, sogar dazu verpflichtet, eine akute Selbstgefährdung zu melden.




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Modulares Instrument – Integration der Risikobewertung in die Ersthilfe bei häuslicher Gewalt

Lernziele

Die Lernziele dieses modularen Instruments bestehen darin, sich mit dem Prozess der Risikobewertung bei häuslicher Gewalt, den Risiko- und Gefährdungsfaktoren, sowie dem Zweck einer multiprofessionalen Zusammenarbeit beim Risikomanagement vertraut zu machen.


Einführung

Liebe Ersthelfer und Ersthelferinnen, seien Sie hier herzlich willkommen, um etwas über den Prozess der Risikobewertung häuslicher Gewalt in einem multiprofessionellen Kontext zu erfahren!

Dieses modulare Instrument soll verschiedene Risikobewertungsverfahren miteinander verknüpfen und die Identifizierung häuslicher Gewalt bei den wichtigsten Stellen (z.B. Polizeibeamte und Polizeibeamtinnen, Fachkräfte der Sozialarbeit und des Gesundheitswesens, NRO-Mitarbeiter und -Mitarbeiterinnen, Pädagogen und Pädagoginnen), die mit Opfern/Überlebenden und Tätern und Täterinnen in Kontakt kommen, verbessern. Dieses Instrument stellt die verschiedenen Risikofaktoren und unterschiedlichen Ansätze zur Identifizierung von und Reaktion auf die identifizierten Risiken vor.

Sie können dieses Instrument z.B. als Schulungsmaterial oder als Datenbank verwenden.

Wir stellen die vier Schritte des Risikobewertungsprozesses bei häuslicher Gewalt vor – von der Risikobewertung bis hin zur Nachbereitung.

Im Abschnitt „Lesenswertes“ finden Sie empfehlenswerte Lektüre. Im Abschnitt „Materialien“ finden Sie ausdruckbare Dokumente wie beispielsweise Checklisten. Vergessen Sie nicht, Ihre eigene Checkliste für die Risikobewertung auszudrucken – mit ihr können Sie vielleicht das Leben eines Menschen retten.

Inhalt:

Grundlagen der Risikobewertung

1. Schritt: Identifizierung von Risikofaktoren

2. Schritt: Risikobewertung

3. Schritt: Beschreibung der erforderlichen Maßnahmen

4. Schritt: Nachbereitung

Lesenswertes

Materialien


Grundlagen der Risikobewertung

Die Risikobewertung ist ein Eckpfeiler der Prävention häuslicher Gewalt (Kropp 2004). Der Zweck der Risikobewertung häuslicher Gewalt besteht darin, erneute Gewalt zu verhindern, indem das Rückfallrisiko des Täters bzw. der Täterin (Svalin & Levander 2019, 1), die Umstände, die das Gewaltrisiko erhöhen können, sowie die Gefährdungsfaktoren des Opfers durch die Durchführung einer Risikobewertung und die Umsetzung von Interventionen zur Verringerung des Risikos ermittelt werden.

Im Europäischen Handbuch für Risikobewertung definieren Albuquerque et al. (2013, 41) die Grundlagen der Risikobewertung wie folgt:

  1. Die Risikobewertung ist ein Prozess, der nur in Zusammenarbeit mit Opfern/Überlebenden durchgeführt werden kann.
  2. Die eigene Einschätzung des Opfers/Überlebenden hinsichtlich seiner/ihrer Sicherheit und seines/ihres Risikos muss berücksichtigt werden. Die Forschung zeigt, dass Opfer/Überlebende ihr eigenes Risiko am genauesten einschätzen können.
  3. Opfer/Überlebende müssen ohne die Anwesenheit des Täters bzw. der Täterin, der Familie und/oder Mitgliedern ihrer Gemeinschaft angehört werden.
  4. Kinder sollten die Möglichkeit haben, zu sprechen.
  5. Die Fachkräfte sind dafür verantwortlich, das Risiko durch den Täter bzw. die Täterin zu bewerten, darauf aufbauend entsprechende Schritte einzuleiten und zu überwachen.
  6. Fachkräfte müssen, wenn ein erheblicher Schaden von Kindern vorliegt, das beste Verfahren zu deren Schutz und Sicherheit abwägen und vereinbaren.
  7. Es ist wichtig, die Grenzen des Prozesses der Risikobewertung und des Risikomanagements im Blick zu behalten.
  8. Es sollten keine unzutreffenden oder unrealistischen Versprechungen gemacht werden.

Fachkräfte sollten auch Kenntnisse über die Dynamiken häuslicher Gewalt, die Auswirkungen von Gewalt in Paarbeziehungen auf Opfer und Überlebende, die Faktoren, die die Entscheidung von Frauen über das Verlassen oder Verbleiben in der Gewaltbeziehung beeinflussen, sowie über die Strategien der Täter und Täterinnen und Risikofaktoren haben (Albuquerque et al. 2013, 35).


1. Schritt: Identifizierung von Risikofaktoren

Lernziele

Die Lernziele dieses Schritts bestehen darin, sich mit den Risiko- und Gefährdungsfaktoren häuslicher Gewalt vertraut zu machen und zu verstehen, warum alle Fachkräfte über grundlegende Kenntnisse zur Risikoerkennung verfügen sollten.

Die Risikobewertung ist ein Prozess, der damit beginnt, das Vorhandensein von Risikofaktoren zu ermitteln und die Wahrscheinlichkeit des erneuten Auftretens eines unerwünschten Ereignisses, seiner Folgen und seines Zeitpunkts zu bestimmen (Australian Institute of Health and Welfare 2010; Braaf & Sneddon 2007).

Das ist Nora. Sie wird uns durch die einzelnen Schritte der Risikobewertung führen.

Lesen Sie sich zunächst den Fall von Nora durch und erfahren Sie anschließend mehr über die Risikoermittlung.

Fallbeispiel: Nora

Nora ist eine 34-jährige Frau mit Migrationshintergrund. Sie lebt seit drei Jahren mit ihren Eltern und Schwestern in Ihrem Land. Nora hat vor zwei Jahren Peter geheiratet. Peter ist der Sohn eines Familienfreundes von Noras Eltern. Noras Familie stammt aus einer patriarchalischen Kultur, in der die Gemeinschaft über dem Individuum steht.

Noras Heirat mit Peter war eine Erleichterung für Noras Familie, denn in ihrer Kultur sollte eine Frau in Noras Alter nicht unverheiratet sein. Doch schon bald nach der Heirat begann Peter ihr tägliches Verhalten zu kontrollieren. Peter lässt Nora weder ihre Freunde sehen noch darf sie irgendwo ohne ihn hingehen. Ein verpflichtender Sprachkurs ist der einzige Ort, an den Nora allein hin gehen kann.

Peter nimmt Nora ihre Kreditkarte weg und unter ihrem Namen Kredite auf. Als Nora versucht, sich zu wehren, wird Peter gewalttätig und misshandelt sie. Peter droht damit, Nora in ihr Heimatland zurückzuschicken.

Nora berichtet ihren Eltern von der Situation und bittet sie um Hilfe. Zunächst nehmen die Eltern Peters gewalttätiges Verhalten ernst, doch plötzlich verstirbt Noras Vater. Noras trauernde Mutter ist nicht in der Lage, sich allein gegen Peters Willen zu wehren.

Gleichzeitig streut Peter Gerüchte über Noras unmoralisches Verhalten, um seine gewalttätigen Handlungen vor der Gemeinschaft zu rechtfertigen. Die Gerüchte demütigen Noras Familie. Die Gemeinde setzt Noras Mutter und die Familien ihrer Schwestern unter Druck, ihren Namen reinzuwaschen.

Noras Mutter bittet Nora, bei Peter zu bleiben, um die Situation zu beruhigen, und ihre Schwestern bitten sie, ihre Mutter nicht mehr mit diesem Thema zu belästigen. Nora fühlt sich für die Gewalt und den Ruf ihrer Familie verantwortlich und akzeptiert, dass eine Scheidung von Peter nicht in Frage kommt.

Mit der Zeit wird die Gewalt immer schlimmer und häufiger. Einmal würgt Peter Nora so lange, dass sie das Bewusstsein verliert. Nach der Strangulation beginnt sie, vor allem in Stresssituationen, Probleme mit der Sprache zu entwickeln. Nora fühlt sich isoliert, hilflos und deprimiert.

Peter hat damit gedroht, einige private Bilder von Nora öffentlich zu zeigen, wenn Nora „seinen Ruf als Ehemann ruiniert“. Nora ist verunsichert, da sie mit niemandem – auch nicht mit ihrer Familie – über ihre Gefühle sprechen kann.

Aufgaben

Das war Noras Geschichte. Nehmen Sie sich eine Minute lang Zeit, um über die folgenden Fragen nachzudenken:
 
(1) Welche Handlungen, Situationen oder Bedingungen gefährden Nora?
 
(2) Welche der in der Geschichte beschriebenen Situationen halten Sie zwar nicht angenehm für Nora, aber nicht zu ihrem Aufgabenbereich als Ersthelfer oder als Ersthelferin gehörend?
 
Möglicherweise gibt es einige Risikofaktoren, die außerhalb Ihres beruflichen Aufgabenbereichs liegen. Es ist jedoch wichtig, diese Risikofaktoren dennoch zu identifizieren und zu dokumentieren, um ein umfassendes Verständnis des Gesamtrisikos zu erhalten. Dies ist in der Phase des Risikomanagements notwendig.
 
Lesen Sie jetzt mehr über die Identifizierung und Dokumentation von Risikofaktoren.

Risikobewertung – geht Sie das eigentlich etwas an? Lesen Sie hier, warum es das tut.

Ersthelfer und Ersthelferinnen sind die wichtigsten Akteure und Akteurinnen im Prozess der Risikobewertung. Polizeibeamte und Polizeibeamtinnen, Sozialarbeiter und Sozialarbeiterinnen, Ärzte und Ärztinnen, Krankenpfleger und Krankenpflegerinnen, Sanitäter und Sanitäterinnen, Mitarbeiter und –Mitarbeiterinnen von Nichtregierungsorganisationen (NRO) sowie Erzieher und Erzieherinnen gehören zu den Fachkräften, die am häufigsten als Erstes mit einem Opfer häuslicher Gewalt in Kontakt kommen.

Sie haben am häufigsten Zugang zu den Wohnungen der Menschen und können deren Lebenssituation, Beziehungen, Ressourcen und Gesundheitsprobleme beobachten. Sie sind wahrscheinlich die Türöffner und Türöffnerinnen, die das Problem erkennen und das Opfer als auch den Täter bzw. die Täterin unterstützen können, Hilfe zu erhalten.

Die Identifikation von Risikofaktoren ist bereits beim ersten Kontakt mit dem Opfer wichtig, um einen ganzheitlichen Ansatz für die Risikobewertung und das Risikomanagement zu verfolgen.

Rechtzeitiges Handeln kann ein Leben retten!

Zu identifizierende Risikofaktoren

Die wichtigsten Risikofaktoren für häusliche Gewalt

Wichtigste Punkte

Möglicherweise gibt es einige Risikofaktoren, die außerhalb Ihres beruflichen Aufgabenbereichs liegen. Es ist jedoch wichtig, diese Risikofaktoren dennoch zu identifizieren und zu dokumentieren, um ein umfassendes Verständnis des Gesamtrisikos zu erhalten. Dies ist in der Phase des Risikomanagements notwendig.

Mehrere Faktoren können auf eine Eskalation häuslicher Gewalt hinweisen. Jeder Ersthelfer und jede Ersthelferin sollten über ausreichende Ausbildung und Kenntnisse verfügen, um die wichtigsten Risikofaktoren zu erkennen. Damit meinen wir Polizeibeamte und Polizeibeamtinnen, Kriminalbeamte und Kriminalbeamtinnen, Sozialarbeiter und Sozialarbeiterinnen, Krankenpfleger und Krankenpflegerinnen, Ärzte und Ärztinnen, Erzieher und Erzieherinnen oder Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen von NROs.

In der folgenden Tabelle sind die wichtigsten Risikofaktoren und ihre Erklärungen aufgeführt.

*) = beim Vergleich von Opfern von Femizid (n = 220) und zufällig identifizierten misshandelten Frauen (n = 343).
*) = beim Vergleich von Opfern von Femizid (n = 220) und zufällig identifizierten misshandelten Frauen (n = 343).

Risikofaktoren, die von jeder Fachkraft überprüft werden sollten

Die in Fällen von häuslicher Gewalt involvierten Behörden sollten sich auf ein gemeinsames Risikoverständnis verständigen. Die Perspektive eines Polizeibeamten bzw. einer Polizeibeamtin unterscheidet sich von der Perspektive eines Sozialarbeiters bzw. einer Sozialarbeiterin. In der folgenden Tabelle sind Risikofaktoren aufgeführt, die sich auf die verschiedenen Perspektiven der jeweiligen Fachkräfte beziehen.

Faktoren mit hohem Gefährdungspotential für Opfer

Wichtigste Punkte

Die Identifizierung der Faktoren, die ein Opfer gefährden können, hilft den Fachkräften, die entsprechend relevanten Dienste in die Zusammenarbeit einzubeziehen, das Opfer damit ganzheitlich zu unterstützen und die Fähigkeit des Opfers zu stärken, die Sicherheitsmaßnahmen zu befolgen.

Die Faktoren, die sich auf die Gefährdung eines Opfers beziehen häusliche Gewalt zu erleiden, haben mit dem Opfer und seiner Lebensumstände zu tun. Sie können sich z.B. auf die Fähigkeit des Opfers beziehen, den Behörden zu vertrauen, den Täter bzw. die Täterin zu verlassen, oder auf Ausmaß der Abhängigkeit vom Täter bzw. von der Täterin. Dies sind jedoch nicht die einzigen Gründe, warum der Missbrauch stattfindet. Die Täter und Täterinnen können sich beispielsweise auch dafür entscheiden, die Schwachstellen der Opfer auszunutzen oder die Lebenserfahrungen und -umstände einiger Opfer können es schwieriger machen dem Missbrauch zu entkommen. Im Folgenden haben wir diese Faktoren aufgelistet und erläutert, wie sich diese auf die Ressourcen und Lebensumstände des Opfers sowie auf seine Fähigkeit zur Zusammenarbeit mit Fachkräften auswirken können.

Ältere Person

  • Ein Opfer kann von einem gewalttätigen Familienmitglied abhängig sein, oder das Opfer kann die einzige verantwortliche Betreuungsperson für ein gewalttätiges Familienmitglied sein. Das Verlassen des gewalttätigen Familienmitglieds kann daher für das Opfer keine Option sein. Das Opfer ist möglicherweise bereits sozial isoliert.
  • Ein Täter bzw. eine Täterin als Pflegeperson hat möglicherweise ein Burnout.
  • Ältere Menschen schämen sich unter Umständen sehr für die Situation, insbesondere wenn es sich bei dem Täter oder der Täterin um ein erwachsenes Kind handelt.
  • Missbrauch kann in vielen Formen auftreten, z.B. körperlicher, sexueller, emotionaler oder finanzieller Missbrauch, Vernachlässigung, Isolation und Einsamkeit. Achten Sie auch auf Anzeichen für die Verletzung der Würde des Opfers (z.B. unordentliches Erscheinungsbild, verschmutzte Kleidung) oder den Verlust der Entscheidungsfreiheit über alltägliche Angelegenheiten, Anzeichen für unzureichende Pflege (z.B. Druckgeschwüre) oder Über- oder Untermedikation (WHO 2020).

Kind

  • Minderjährige sind fast immer von den Tätern und Täterinnen abhängig.
  • Das Aufwachsen in einem feindseligen Umfeld normalisiert die Gewalterfahrungen, so dass die Opfer ihre Erlebnisse möglicherweise nicht als Gewalt wahrnehmen.
  • Minderjährige denken vielleicht, dass ihre Erfahrungen von Außenstehenden nicht geglaubt werden.
  • Die Muster der Zwangskontrolle, wie Einschränkung, Isolierung und Entzug der persönlichen Freiheit, können schwer von der elterlichen Erziehung und den Schutzmaßnahmen zu unterscheiden sein.
  • Hinweis: In einigen Familien mit Migrationshintergrund oder anderweitig sozial oder religiös stark kontrollierten Familien können Unterschiede zwischen kulturellen Werten, Lebensstilen und Ansichten zu Konflikten zwischen den Minderjährigen und ihren Eltern führen. Kulturell unsensible Kontaktaufnahme oder unüberlegte Maßnahmen der Behörden können das Risiko erhöhen, dass die Eltern das Kind in ihrem Heimatland in ein Internat schicken oder es von Verwandten aufziehen lassen. Dies kann das Risiko von weiblicher Genitalverstümmelung, Kinderheirat sowie Brüchen in der Ausbildung, den sozialen Beziehungen und fehlende Integration erhöhen.

Behinderte Person

  • Behinderte Personen können im Alltag grundlegend vom Täter bzw. von der Täterin abhängig sein und Hilfe beim Bewegen, Essen, Kommunizieren oder bei der Einnahme von Medikamenten benötigen.
  • Die gewalttätigen Familienmitglieder oder Betreuer bzw. Betreuerinnen können unter einem Burnout leiden.
  • Opfer und Überlebende können Schwierigkeiten haben, sich Gehör zu verschaffen, verstanden oder geglaubt zu werden.
  • Der Täter bzw. die Täterin kann Verletzungen als Unfälle erklären, die durch Bewegungsungeschicklichkeiten verursacht wurden.

Abhängig von dem Täter bzw. von der Täterin

Es gibt verschiedene Formen der Abhängigkeit, z.B. finanzielle und emotionale Abhängigkeit. Auch strukturelle Gründe wie hierarchische Geschlechterbeziehungen oder Leben auf dem Land tragen zu Abhängigkeiten bei; so sind Frauen in ländlichen Gebieten im Vergleich zu Frauen in der Stadt häufiger von Gewalt betroffen, leben aber weiter entfernt von verfügbaren Ressourcen (Peek-Asa et al. 2011).

Geflüchtete

Die Häufigkeiten psychischer Störungen wie Angststörungen, PTBS und Depressionen sind in der Flüchtlingsbevölkerung höher als in der Allgemeinbevölkerung. Diese erhöhte Anfälligkeit steht im Zusammenhang mit den Erfahrungen vor der Migration, wie z.B. Belastungen und Traumata. (Hameed et al. 2018.) Darüber hinaus können Sprachbarrieren oder negative Erfahrungen mit der Polizei und Misstrauen gegenüber Behörden die Opfer davon abhalten, Hilfe zu suchen.

Obdachlose Person

Obdachlosigkeit ist häufig eine Folge von häuslicher Gewalt und erhöht die Verletzlichkeit und Abhängigkeit des Opfers. Die soziale Ausgrenzung kann die Opfer davon abhalten, Hilfe zu suchen.

Zugehörigkeit zu einer ethnischen Minderheit

Sprachbarrieren, negative oder diskriminierende Erfahrungen mit der Polizei, die Angst, dass ihnen nicht geglaubt wird, Rassismuserfahrungen, soziale Ausgrenzung oder die Macht von Parallelgesellschaften können die Opfer davon abhalten, Hilfe zu suchen.

Gehört einer sexuellen oder geschlechtlichen Minderheit an

Ein Opfer kann befürchten, vor Familienmitgliedern, Freunden und Freundinnen und Arbeitskollegen und Arbeitskolleginnen „geoutet“ zu werden, wenn es bei der Polizei Anzeige wegen häuslicher Gewalt erstattet. Ein Opfer kann Diskriminierung oder respektlose Behandlung durch die Polizei befürchten.

Starke Angst

Die Angst vor einem misshandelnden Partner bzw. einer misshandelnden Partnerin kann die Fähigkeit von Frauen schwächen, ihre Lebenssituation zu verbessern (Sabri et al. 2014). Eine Atmosphäre der Angst verstärkt wahrscheinlich fehlerhafte Denkmuster, die das Lösen von Problemen behindern und Verleugnung und Vermeidung verstärken (Calvete, Susana & Este’Vez 2007).

Fragen der psychischen Gesundheit

Abgesehen davon, dass eine posttraumatische Belastungsstörung eine Folge von häuslicher Gewalt ist, kann z.B. dies auch ein Risikofaktor für eine erneute Viktimisierung durch Gewalt in Paarbeziehungen sein (Kuijpers, van der Knaap & Winkel 2012).

Familie oder Gemeinschaft rechtfertigt Gewalt aus Gründen der Ehre/Kultur/Religion

Wenn die Familie oder die Gemeinschaft des Opfers Gewalt billigt und rechtfertigt, kann das Opfer extrem verängstigt, isoliert, gezwungen und kontrolliert sein. Das Opfer kann sich machtlos fühlen, Hilfe zu suchen. Für viele Opfer ist es undenkbar, ihre gesamte Gemeinschaft zu verlassen, um ohne Gewalt zu leben, und selbst wenn sie es täten, könnte das Verlassen der Familie oder Gemeinschaft die Gewalt eskalieren lassen.

Leitlinien für die Falldokumentation

Wichtigste Punkte

Die Falldokumentation von häuslicher Gewalt ist ein wichtiges Verfahren. Die Fachkräfte benötigen möglicherweise zuvor dokumentierte Informationen für die dynamische Risikobewertung und das Risikomanagement. Standardisierte Risikobewertungsinstrumente unterstützen die Arbeit der Ersthelfer und Ersthelferinnen bei der Dokumentation des Falles.

Da die Risikobewertung ein dynamischer Prozess ist – oder zumindest sein sollte -, der neu begonnen werden muss, wenn sich die Risikosituation ändert, ist die Falldokumentation der häuslichen Gewalt und ihrer Risikofaktoren ein wichtiges Verfahren. Eine sorgfältige Falldokumentation sollte sicherstellen, dass die Fachkraft früher dokumentierte Informationen findet, um die Risikobewertung zu überarbeiten. Standardisierte Risikobewertungsinstrumente unterstützen die Arbeit der Fachkräfte bei der Dokumentation des Falles. Dennoch sollte die Risikobewertung die Sicherheit des Opfers zu keinem Zeitpunkt gefährden. Daher sollte es klare Protokolle und Sicherheitsbeschränkungen für die Dokumentation der Risikobewertung, des Risikomanagements und bestimmter Risikofaktoren geben. So sollten diese Daten beispielsweise nicht in die Ermittlungsakten aufgenommen werden, die Teil des Gerichtsverfahrens sind: Der Täter bzw. die Täterin sollte keinen Zugang zu den Unterlagen über die Risikobewertung des Opfers haben. Der Datenschutz und das Bewusstsein um die Grenzen der Vertraulichkeit sowie die Zustimmung des Opfers/der Überlebenden zur Weitergabe von Informationen sind zentrale Themen bei der Intervention bei häuslicher Gewalt und Missbrauch (Albuquerque et al. 2013).

In den folgenden Tabellen sind die allgemeinen Leitlinien für die Falldokumentation aufgeführt.


2. Schritt: Risikobewertung

Lernziele

Die Lernziele dieses Schritts bestehen darin, sich mit dem Verfahren zur Risikobewertung häuslicher Gewalt, verschiedenen Instrumenten zur Risikobewertung und Situationen, die das Risiko erhöhen können, vertraut zu machen.

Die Risikobewertung ist eine Phase, in der das Ausmaß des Risikos und was für eine Art von Risiko vorhanden ist, beurteilt werden. Lesen Sie zunächst, wie die Risiken im Fall von Nora bewertet werden. Werfen Sie dann einen Blick auf die allgemeinen Leitlinien, die Instrumente zur Risikobewertung und was risikoreiche Situationen sein können.

Fallbeispiel: Nora

Eines Tages findet Nora die Telefonnummer einer NRO, die Immigrantinnen hilft. Der Telefondienst ist auch in Noras Muttersprache. Nora ruft das Servicetelefon anonym an und bittet um Rechtsberatung darüber, was im Falle einer Scheidung mit ihrer Aufenthaltsgenehmigung geschieht. Die NRO-Mitarbeiterin befragt Nora zu ihrer Lebenssituation. Nora schildert ihre schwierige Situation und ihre Ängste.

Eines Tages findet Nora die Telefonnummer einer NRO, die Immigrantinnen hilft. Der Telefondienst ist auch in Noras Muttersprache. Nora ruft das Servicetelefon anonym an und bittet um Rechtsberatung darüber, was im Falle einer Scheidung mit ihrer Aufenthaltsgenehmigung geschieht. Die NRO-Mitarbeiterin befragt Nora zu ihrer Lebenssituation. Nora schildert ihre schwierige Situation und ihre Ängste.

Die NRO-Mitarbeiterin trifft Nora nach dem Sprachkurs in der Schule, da dies der einzige Ort ist, an den Nora allein gehen kann. Mit Noras Einverständnis kontaktiert die NRO-Mitarbeiterin die Polizei und einen zuständigen Sozialdienstmitarbeiter.

In einigen EU-Ländern erlaubt die Gesetzgebung Fachkräften die gemeinsame Nutzung und den Austausch von Informationen für eine umfassendere Risikobewertung, wenn dies zum Schutz eines Kindes oder zur Verhinderung einer Gewalttat erforderlich ist oder wenn das Opfer seine Zustimmung gegeben hat. In anderen EU-Ländern wiederum gibt es keine gesetzliche Unterstützung für den Informationsaustausch zwischen der Polizei, der Sozialarbeit oder dem Gesundheitswesen. Daher reichen die behördenübergreifenden Mechanismen in der EU von der Annahme formeller oder informeller Überweisungsmechanismen bis hin zu multidisziplinären Teams oder Konferenzen, die durch die Gesetzgebung oder die Politik zur Risikobewertung vorgeschrieben sind.

Nach der Istanbul-Konvention sind die Vertragsstaaten verpflichtet, die erforderlichen gesetzgeberischen oder sonstigen Maßnahmen zu ergreifen, um sicherzustellen, dass alle zuständigen Behörden eine Bewertung des Risikos der Tötung, des Ernstes der Situation und des Risikos wiederholter Gewaltanwendung vornehmen, um das Risiko zu bewältigen und, falls erforderlich, koordinierte Sicherheit und Unterstützung zu bieten. Deutschland hat die Istanbul-Konvention ebenfalls ratifiziert.

Das nächste Beispiel, wie Noras Fall in den behördenübergreifenden Risikobewertungsprozess einbezogen wird, basiert auf den Anforderungen der Istanbul-Konvention.

Mit dem Einverständnis von Nora nehmen die Polizei, der Sozialarbeiter, der NRO-Mitarbeiterin und eine Vertreterin des Gesundheitswesens an einer Risikobewertungskonferenz teil. Nora hat ihr Einverständnis gegeben, dass die Fachkräfte Informationen über Nora teilen und austauschen können.

Schauen Sie sich die Kästchen an, um zu sehen, welche Art von Informationen durch die Zusammenarbeit mehrerer Stellen gesammelt werden können:

Wenn Nora zu ihrer Situation befragt wird, kann sie uns dies sagen:

Ihre Sprachprobleme traten vor vier Monaten auf, nachdem Peter sie gewürgt hatte.

Sie befürchtet, dass Peter sie töten wird, wenn sie sich von ihm trennt.

Sie befürchtet, dass ihre Aufenthaltsgenehmigung aufgehoben wird, wenn sie sich trennt; das hat Peter ihr gesagt.

Sie ist besorgt, dass die Polizei ihr nicht glauben wird, da sie eine Immigrantin ist, Peter aber die deutsche Staatsangehörigkeit besitzt.

Peter hat angekündigt, dass er intime Bilder von ihr veröffentlichen wird, wenn sie jemandem von der Gewalt erzählt oder versucht, ihn zu verlassen.

Peter hat gesagt, dass er dafür sorgen wird, dass kein anständiger Mann Nora jemals auch nur ansehen wird, wenn sie sich von Peter trennt.

Die identifizierten Risikofaktoren

Die Instrumente zur Risikobewertung sollen den Ersthelfern und Ersthelferinnen helfen, alle Risikofaktoren zu ermitteln und sich einen vollständigen Überblick über die Situation des Opfers zu verschaffen, um festzustellen, ob es weiterhin Gefahr läuft, ernsthaft geschädigt zu werden, und sie können bei der Entwicklung eines Sicherheitsplans helfen.

Eine Berechnung der Wahrscheinlichkeit, dass ein Opfer erneut schwere Gewalt erleben wird, unterstützt die Ersthelfer und Ersthelferinnen dabei, die notwendigen Maßnahmen zum Schutz des Opfers und zur Prävention künftiger Gewalt zu ergreifen. In unserem Fall Nora haben die Ersthelfer und Ersthelferinnen die folgenden Risikofaktoren und Gefährdungsfaktoren des Opfers ermittelt:

Peter

  • wendet Gewalt häufiger an
  • wendet zunehmend intensivere (schädlichere, verletzendere) Gewalt an

Peter hat

  • Nora gewürgt
  • Zwangskontrolle angewendet
  • körperliche Gewalt angewendet
  • wirtschaftliche, digitale und psychologische Gewalt angewendet
  • frühere Einträge im Strafregister

Nora

  • plant eine Scheidung
  • hat einen Migrationshintergrund

Nora Erfahrungen

  • starke Angst
  • soziale Isolation
  • Fragen der geistigen Gesundheit

Die Gemeinschaft von Nora und Peter rechtfertigt Gewalt durch

  • Ehre

Aufgabe

Um eine konstruktive und reibungslose Zusammenarbeit zwischen den verschiedenen Behörden zu ermöglichen, sollten die Rechtsvorschriften klar sein und jeder Partner und jede Partnerin sollte seine und ihre Aufgaben und Zuständigkeiten kennen.

(1) Wissen Sie, in welchen Situationen Sie Informationen mit anderen Behörden teilen und austauschen dürfen?

Allgemeine Leitlinien für die Risikobewertung

Wichtigste Punkte

Eine Risikobewertung ist für die Sicherheitsplanung des Opfers und für das Management des Risikos erforderlich.

  • Sammeln Sie so viele Informationen wie möglich über die identifizierten Risikofaktoren.
  • Die Risikobewertung muss sich sowohl an Erwachsene als auch an Kinder als Opfer richten.
  • Die Risikobewertung sollte mit dem Opfer/der überlebenden Person durchgeführt werden, nicht über sie/ihn.
  • Im Idealfall werden die Informationen mit Zustimmung des Opfers/Überlebenden z.B. an die Polizei, die Staatsanwaltschaft, die Sozialarbeit, das Gesundheitswesen und einschlägige NROs weitergegeben.
  • Respektieren Sie den Wunsch des Opfers/der Überlebenden, mit wem er/sie zusammenarbeiten möchten.
  • Bewerten Sie die unmittelbaren Risiken für die Sicherheit des Klienten bzw. der Klientin/des Patienten bzw. der Patientin oder etwaiger Kinder.
  • Nutzen Sie Ihr lokales Risikobewertungsinstrument, um Risiken zu bewerten und bitten Sie um eine Schulung, falls Sie noch Schulungsbedarf haben.
  • Falls Sie keinen Zugang zu lokalen Risikobewertungsinstrumenten haben, verwenden Sie international anerkannte Risikobewertungsinstrumente und bitten Sie um eine Schulung. Sie finden die Instrumente unter „Instrumente zur Risikobewertung“.
  • Beurteilen Sie das Risiko nach Möglichkeit auch anhand der Informationen, die Sie über den Täter bzw. die Täterin haben (z.B. als Bewährungshelfer bzw. Bewährungshelferin, Staatsanwalt bzw. Staatsanwältin oder Gefängnismitarbeiter bzw. Gefängnismitarbeiterin).
Instrumente zur Risikobewertung

Wichtigste Punkte

Es gibt mehrere Risikobewertungsinstrumente für das Screening und die Dokumentation häuslicher Gewalt sowie für die Bewertung des Risikogrades. Die angemessene Anwendung dieser Instrumente erfordert eine Schulung.

Es gibt verschiedene Arten von Risikobewertungsinstrumenten, die von Ersthelfern und Ersthelferinnen verwendet werden. Einige Organisationen haben ihre eigenen Instrumente entwickelt. Im Folgenden finden Sie einige der am häufigsten verwendeten Risikobewertungsinstrumente.

Instrument zur Gefahreneinschätzung (DA)

Die Gefährdungsbeurteilung ist ein Instrument, mit dessen Hilfe der Grad der Gefahr bestimmt werden kann, dass eine missbrauchte Frau von ihrem Partner getötet wird.

Das Instrument besteht aus zwei Teilen: einem Kalender und einem 20-Punkte-Bewertungsinstrument. Der Kalender hilft bei der zeitlichen Beurteilung der Schwere und Häufigkeit der Misshandlungen im vergangenen Jahr. Der Kalenderteil wurde als eine Möglichkeit konzipiert, das Bewusstsein der Frau zu schärfen und das Leugnen und Minimieren des Missbrauchs zu verringern, zumal die Verwendung eines Kalenders das genaue Erinnerungsvermögen in anderen Situationen erhöht (Campbell, 1995; Ferraro et al., 1983).

Das Instrument, bestehend aus 20 Positionen, verwendet ein gewichtetes System zur Bewertung von Ja/Nein-Reaktionen auf Risikofaktoren im Zusammenhang mit Tötungsdelikten an Intimpartnern. Zu den Risikofaktoren gehören Todesdrohungen in der Vergangenheit, der Beschäftigungsstatus des Partners und der Zugang des Partners zu einer Waffe. Das Instrument ist derzeit in Englisch, Spanisch, Französisch (Kanada) und brasilianischem Portugiesisch verfügbar: https://www.dangerassessment.org/DATools.aspx.

Eine kurze Version mit vier Punkten, die so genannte Lethalitätsbewertung, wurde für Strafverfolgungsbeamte entwickelt, die auf Aufrufe zu häuslicher Gewalt reagieren.  Frauen mit hohem Risiko werden dann an Rechtsanwälte verwiesen, die in der Gefährdungsbeurteilung geschult wurden. Klicken Sie hier, um mehr über diese Lethalitätsbewertung zu erfahren: https://www.dangerassessment.org/About.aspx.

Leitfaden zur Risikobewertung bei häuslicher Gewalt (Häusliche Gewalt RAG)

Der Leitfaden zur Risikobewertung bei häuslicher Gewalt (Häusliche GewaltRAG) enthält die gleichen Punkte wie die Risikobewertung bei häuslicher Gewalt in Ontario (Ontario Domestic Assault Risk Assessment, ODARA), berücksichtigt aber auch die Ergebnisse der überarbeiteten Psychopathie-Checkliste (PCL-R). Der DVRAG ist ein versicherungsmathematisches Instrument mit 14 Positionen, mit dem die Wahrscheinlichkeit von IPV, die von Männern gegen eine weibliche Partnerin verübt wird, bewertet wird. Diese Instrumente können auch die Geschwindigkeit und Anzahl erneuter Übergriffe und die Schwere der verursachten Verletzungen vorhersagen. Zu den allgemeinen Bewertungskriterien gehören die Anweisungen zur Bewertung und Interpretation der ODARA in jedem Umfeld. Die DVRAG ist für Gerichtsmediziner und Strafverfolgungsbeamte bestimmt, die Zugang zu vertiefenden Informationen haben.

https://www.rma.scot/wp-content/uploads/2019/09/RATED_DVRAG_August-2019_Hyperlink-Version.pdf

https://vawnet.org/material/ontario-domestic-assault-risk-assessment-odara-domestic-violence-risk-appraisal-guide

DASH-Risikobewertung

DASH steht für häusliche Gewalt, Stalking und “Ehre”-basierte Gewalt. Das Risikobewertungsinstrument war das Ergebnis der Dokumentation von 47 häuslichen Tötungsdelikten und der Katalogisierung der wichtigsten Risikovariablen zur Entwicklung des CAADA – DASH-Risikomodells. Zweck der DASH-Risiko-Checkliste ist es, Praktikern, die mit erwachsenen Opfern von häuslicher Gewalt arbeiten, ein konsistentes und einfaches Instrument an die Hand zu geben, um ihnen zu helfen, diejenigen zu identifizieren, die ein hohes Schadensrisiko haben und deren Fälle an eine MARAC-Sitzung verwiesen werden sollten, um ihr Risiko zu managen.

Ein MARAC (oder behördenübergreifende Risikobewertungskonferenz) ist ein regelmäßiges Treffen vor Ort, bei dem erörtert wird, wie Opfern mit hohem Risiko eines Mordes oder schweren Schadens geholfen werden kann. Ein Spezialist für häusliche Gewalt, die Polizei, die Sozialdienste für Kinder, das Gesundheitswesen und andere relevante Stellen sitzen alle an einem Tisch. Sie sprechen über das Opfer, die Familie und den Täter und tauschen Informationen aus. Die Sitzung ist vertraulich. Gemeinsam ein Aktionsplan für jedes Opfer verfasst. Ein MARAC führt zu den besten Resultaten, wenn alle Beteiligten ihre Rollen und die richtigen Prozesse verstehen.

Ressourcen für MARAC-Sitzungen:

https://safelives.org.uk/practice-support/resources-marac-meetings

Die DASH Checkliste wird von einer Reihe von Stellen in Schottland verwendet, darunter auch von der Polizei. Sie ist jedoch nicht überall in Schottland eingeführt worden.

Weitere Ressourcen zur Identifizierung der Risiken, denen die Opfer ausgesetzt sind:

https://safelives.org.uk/practice-support/resources-identifying-risk-victims-face

BIG 26

Das Domestic Abuse Intervention Program (DAIP) in Duluth, Minnesota, USA, hat 26 Fragen entwickelt, um die Gefährlichkeit eines Täters einzuschätzen. Das Modell von Duluth betont die Bedeutung einer behördenübergreifenden Zusammenarbeit und einer koordinierten Reaktion der Gemeinschaft auf Misshandlungen, der Sicherheit der Opfer und der Rechenschaftspflicht des Täters. Für weitere Einzelheiten siehe: https://www.theduluthmodel.org/.

DyRiAS-Intimpartner

DyRiAS steht für Dynamisches Risiko Analyse System. Seit Januar 2012 ist DyRiAS-Intimpartner in Deutschland, Österreich und der Schweiz in Wirkbetrieb. Das Instrument misst dabei zum einen das Risiko für Taten von schwerer Gewalt gegen die Intimpartnerin. In einer eigenen Skala wird zusätzlich das Risiko für leichte bis mittlere körperliche Gewalt erfasst. DyRiAS-Intimpartner erfasst ausschließlich Gewalt in heterosexuellen Beziehungen, ausgehend vom männlichen (ehemaligen) Partner. Dabei ist die Dauer der aktuellen oder früheren Beziehung unwesentlich und kann von einer kurzen bis hin zu einer langjährigen Beziehung reichen. Insgesamt umfasst DyRiAS-Intimpartner 39 Items.

Weitere Informationen zu DyRiAS-Intimpartner erhalten Sie hier.

Risikosituationen und Auslöser für eine Zunahme des Risikos

Wichtigste Punkte

Achten Sie auf Situationen, die mit einem hohen Risiko einhergehen und Auslöser, die das Risiko erhöhen könnten. Behörden sollten sich der Notwendigkeit einer zusätzlichen Sicherheitsplanung und Unterstützung für die Opfer im Zusammenhang mit Ereignissen bewusst sein, die zu einem erhöhten Risiko beitragen können.

  • Der Täter bzw. die Täterin erhält eine (gerichtliche) Entscheidung über
    • eine einstweilige Verfügung.
    • eine Scheidung/Vermögensaufteilungspflicht.
    • einen negativen Aufenthaltstitel.
    • andere als die gewünschte Sorgerechtsentscheidung/Kinderkontaktregelung.
  • Der Täter bzw. die Täterin bemerkt, dass die Situation der Polizei gemeldet wurde.
  • Der Täter bzw. die Täterin wird aus der Untersuchungshaft entlassen.
  • Der Täter bzw. die Täterin wird angeklagt.
  • Die Gerichtsverhandlung ist angesetzt.
  • Der Prozess wird vorbereitet.
  • Die Urteilsverkündung ist geplant/erfolgt.
  • Der Täter bzw. die Täterin wird aus einer Haftstrafe entlassen.
  • Ein Gerichtsbeschluss läuft aus.
  • Ein früherer Gewalttäter bzw. eine frühere Gewalttäterin will sich „ein letztes Mal“ treffen.
  • Der Täter bzw. die Täterin erfährt die neue Adresse des Opfers.
  • Das Opfer erklärt seine Absicht zu gehen/Trennung.
  • Das Opfer versucht, sich zu trennen.
  • Das Opfer beginnt eine neue Beziehung.

3. Schritt: Beschreibung der erforderlichen Maßnahmen

Lernziele

Die Lernziele dieses Schritts bestehen darin, sich mit der Sicherheitsplanung, dem Risikomanagement und der behördenübergreifenden Zusammenarbeit vertraut zu machen.

Die Festlegung der erforderlichen Maßnahmen ist eine Phase, in der die Ersthelfer und Ersthelferinnen in enger Zusammenarbeit Sicherheitsmaßnahmen planen und Maßnahmen ergreifen, um die Sicherheit des Opfers zu gewährleisten. Auch hier lesen Sie zuerst über Noras Fall. Schauen Sie sich dann die Aufgabenliste an, um zu verstehen, warum ein starkes Kooperationsnetz so wichtig ist.

Fallbeispiel: Nora

Eine umfassende Risikobewertung sollte zu einem wirksamen Risikomanagement führen. Schauen Sie sich die folgenden Kästchen an: Die Unterstützung eines Opfers häuslicher Gewalt erfordert manchmal die Hilfe mehrerer verschiedener Stellen. Alle Einrichtungen haben ihre eigene Rolle bei der Unterstützung des Opfers. Es ist wichtig, rechtliche Schritte einzuleiten und Noras Wohlergehen sowie ihre Beziehung zu ihrer Mutter und ihren Schwestern zu unterstützen. Nora braucht die Unterstützung ihrer Familienmitglieder, um eine missbräuchliche Beziehung verlassen zu können.

Warum brauchen wir ein gut funktionierendes Kooperationsnetz?

Wirksame sektor- und behördenübergreifende Maßnahmen setzen voraus, dass die Politik und alle Akteure und Akteurinnen einbezogen werden und verantwortlich sind, d.h. Strafverfolgung, Justiz, Gesundheits-, Sozialfürsorge- und Kinderbetreuungsdienste, Arbeitsstellen, Bildung sowie allgemeine und spezialisierte Dienste für Opfer. Umfassende Untersuchungen und Bewertungen bestehender koordinierter Maßnahmen zeigen auch, wie wichtig es ist, neben den sektoralen Akteuren und Akteurinnen auch unabhängige Anwälte und Anwältinnen für die Rechte der Opfer und andere einschlägige NROs, die im Bereich der Gewalt gegen Frauen und Männer tätig sind, einzubeziehen. Die Entwicklung eines gemeinsamen Verständnisses von Gewalt gegen Frauen und Männer sowie die Verbesserung des Informationsaustauschs und der Risikobewertung durch die Entwicklung gemeinsamer Standards, Leitlinien und Protokolle können wesentlich dazu beitragen, wertvolle Ressourcen zu bündeln und eine systematische Zusammenarbeit aufzubauen. Solche Instrumente tragen auch dazu bei, das aktive Engagement aller Beteiligten zu sichern. (Krizsan & Pap 2016, 12.)

To-do-Listen für Ersthelfer und Ersthelferinnen
Polizei
  • Informieren Sie das Opfer über Notunterkünfte und begleiten Sie ein Opfer bei Bedarf zu einer Unterkunft.
  • Leiten Sie ein Kinderschutzverfahren ein, falls dies noch nicht geschehen ist.
  • Nehmen Sie eine Strafanzeige auf, falls dies noch nicht geschehen ist.
  • Nehmen Sie, mit dem Einverständnis des Opfers, Kontakt mit dem Opferhilfsdienst auf.
  • Dokumentieren Sie die bei der Risikobewertung gewonnenen Informationen und behandeln Sie sie vertraulich.
  • Informieren Sie das Opfer über die Möglichkeit eines Erlasses einer einstweiligen Verfügung.
  • Informieren Sie das Opfer über mögliche Zeitpunkte, zu denen die Polizei den Täter bzw. die Täterin kontaktieren wird.
  • Informieren Sie das Opfer, wenn der Täter bzw. die Täterin aus dem Gewahrsam entlassen wird, wenn der Täter bzw. die Täterin in Gewahrsam genommen wurde*.
  • Erstellen Sie einen Sicherheitsplan für das Opfer.
  • Kümmern Sie sich darum, dass das Opfer bei körperlichen Verletzungen eine medizinische Versorgung erhält, um diese zu behandeln und dokumentieren zu lassen.
  • Leiten Sie das das Opfer, je nach Unterstützungsbedarf, an die Sozialdienste weiter.
  • Stellen Sie sicher, dass alle relevanten NROs zur Teilnahme an der Risikobewertung eingeladen werden.
  • Unterstützen Sie das Opfer beim Schutz seiner persönlichen Daten.
  • Berücksichtigen Sie die Risiken von digital unterstütztem Stalking und Cyberstalking und helfen Sie dem Opfer, seine digitalen Geräte entsprechend zu schützen.
  • Bedenken Sie die Vorteile eines tragbaren Alarmsystems für das Opfer.
  • Unterstützen Sie den Täter bzw. die Täterin bei der Teilnahme an einem Täterprogramm*.

 * = wenn diese Aufgabe nicht von einer anderen Behörde übernommen wird

Sozialarbeit
  • Wenn eine unmittelbare oder auch nur wahrscheinliche Gefahr für die Sicherheit des Klienten oder der Klientin oder von Kindern besteht, sollten Sie die Polizei einschalten.
  • Leiten Sie ein Kinderschutzverfahren ein, falls dies noch nicht geschehen ist.
  • Informieren Sie das Opfer über Notunterkünfte und begleiten Sie es bei Bedarf zu einer Unterkunft.
  • Helfen Sie dem Opfer, finanzielle Probleme zu lösen.
  • Schaffen Sie für eine sichere Unterbringung desOpfers.
  • Unterstützen Sie das Opfer beim Schutz seiner persönlichen Daten.
  • Helfen Sie dem Opfer, sofortige Krisenhilfe und psychosoziale Unterstützung zu erhalten.
Gesundheitswesen
  • Untersuchen Sie den Patienten bzw. die Patientin immer in Abwesenheit seiner Familienangehörigen oder seines/ihres Ehepartners/Ehepartnerin.
  • Helfen Sie dem Opfer, sofortige Krisenhilfe und psychosoziale Unterstützung zu erhalten.
  • Wenn eine unmittelbare Gefahr für die Sicherheit des Patienten oder der Patientin oder von Kindern besteht, sollten Sie die Polizei einschalten.
  • Leiten Sie ein Kinderschutzverfahren ein, falls dies noch nicht geschehen ist.
  • Holen Sie die Zustimmung des Opfers ein, bevor Sie Besucher oder Besucherinnen einlassen.

4. Schritt: Nachbereitung

Lernziele

Die Lernziele dieses Schritts bestehen darin, sich mit dem Zweck der Nachbereitungsphase vertraut zu machen und die Notwendigkeit eines dynamischen Risikobewertungsprozesses zu verstehen.

Die Nachbereitung ist eine Phase, in der der Ersthelfer oder die Ersthelferin regelmäßig mit dem Opfer in Kontakt steht. Lesen Sie zunächst, warum die Nachbereitung wichtig ist, und sehen Sie dann, wie die Nachbereitung in Noras Fall aussieht.

Warum brauchen wir die Nachbereitung als Teil des Risikobewertungsprozesses?

Trotz einer wirksamen Intervention kann es vorkommen, dass ein Täter bzw. eine Täterin weiterhin gewalttätig gegenüber dem Opfer ist und es weiterhin unterdrückt. Es gibt viele Gründe, warum ein Gewaltopfer nicht in der Lage ist, den Täter bzw. die Täterin zu verlassen: z.B. (gegenseitige) Abhängigkeit, Angst oder finanzielle Probleme. In der Regel bedarf es mehrerer Versuche, den Täter bzw. die Täterin zu verlassen, bevor man sich endgültig von ihm bzw. ihr trennt. Manchmal führt eine Trennung zu einer Eskalation der Gewalt. Das Opfer kann versuchen, die Gewalt zu kontrollieren, indem es in der Beziehung bleibt. Das Opfer kann den Täter bzw. die Täterin verlassen, aber der Täter bzw. die Täterin beginnt, das Opfer zu verfolgen und zu belästigen. Umgangsregelungen mit Kindern können als Mittel benutzt werden, um das Opfer weiterhin der Gewalt auszusetzen. Kurz gesagt, die Situation kann sich verschlimmern.

Idealerweise ist die Risikobewertung ein dynamischer Prozess. Die Risikobewertung muss regelmäßig überprüft werden. Wenn die Bedrohung durch Gewalt weiter besteht, muss der Prozess der Risikobewertung von neuem beginnen. Eine wirksame Prävention von Gewalttaten und die Durchbrechung des Gewaltkreislaufs kann mehrere Maßnahmen erfordern.

Fallbeispiel: Nora

Seit Noras erstem Treffen mit einer NRO-Mitarbeiterin ist viel passiert.

Nora wohnt derzeit in einem Frauenhaus. Sie wird von einem Mitarbeiter des Opferhilfsdienstes und einer NRO unterstützt, die sich um gewaltbetroffene Migrantinnen kümmert. Außerdem hat sie regelmäßige Treffen mit einer psychiatrischen Krankenschwester.

Die Polizei hat eine Anzeige wegen Körperverletzung, Verleumdung, Bedrohung und Betrug gegen Peter erstattet. Nora hat eine einstweilige Verfügung gegen Peter erwirkt. Nora hat von ihrem Anwalt erfahren, dass eine Scheidung keine Auswirkungen auf ihren Einwanderungsstatus hat.

Nora hat ein neues Bankkonto und eine neue geheime Telefonnummer. Sie besucht den Sprachkurs in einer anderen Schule. Nora trifft sich jede Woche mit der NRO-Mitarbeiterin. Die NRO-Mitarbeiterin hat den Konflikt zwischen Nora und ihrer Mutter und ihren Schwestern erfolgreich geschlichtet.

Jetzt scheint alles in Ordnung zu sein, oder?

Doch Nora hat Angst. Sie fürchtet sich vor der Möglichkeit, dass Peter sie finden könnte. Die Angst vor dem Tod nimmt ihr Leben in Beschlag.

Als Nora mit Peter zusammenlebte, hatte sie das Gefühl, dass sie ihre Angst kontrollieren konnte. Sie konnte Peters Erregung spüren und tat immer alles, um eine Explosion zu vermeiden. Sie versuchte Peter zu gefallen und, mit ihm zu reden. Sie spürte, wie sich die Spannung aufbaute, und als die Gewalttätigkeiten begannen, spürte sie Erleichterung: „Bald wird das für einige Wochen vorbei sein. Bald kann ich wieder aufatmen“.

Traumatisierende Erlebnisse lassen Nora an sich selbst zweifeln und sich Vorwürfe machen.

Die NRO-Mitarbeiterin und die psychiatrische Krankenschwester fragen Nora immer wieder nach ihrer Angst, aber sie kann es ihnen nicht sagen. Sie schämt sich zu sehr, ihren Helfern und Helferinnen gegenüber zuzugeben, dass sie trotz aller Hilfe und Unterstützung, die sie erhalten hat, Angst hat. Das Leben mit einem misshandelnden Partner war einfacher, als sie nicht ständig Angst haben musste. Sie kann diese Gedanken niemandem gegenüber offenbaren.

Nora ist noch verwirrter, als sie zufällig einen Freund von Peter trifft. Der Freund erzählt, dass Peter traurig und bestürzt ist. Der Freund sagt, dass Peter sich große Sorgen um Nora gemacht hat und versucht hat, sie zu finden.

„Es geht ihm nicht sehr gut.“

„Bitte ruf ihn an.“

Was könnte in Noras Fall als nächstes passieren? Was, wenn Nora Peter anruft? Wird Peter Nora finden oder wird Nora zu Peter zurückkehren? Was ist, wenn Nora beim nächsten Treffen mit der NRO-Mitarbeiterin von diesem Vorfall erzählt?

Die Überwachung der Situation und die Aufrechterhaltung einer vertrauensvollen und sicheren Beziehung zu dem Opfer sind äußerst wichtig. Hier offenbart Nora der NRO-Mitarbeiterin, dass sie sich Sorgen um Peters Zustand macht. Dies führt zu einer Diskussion über Noras Ängste und Selbstvorwürfe. Die NRO-Mitarbeiterin beachtet die Mitteilung, dass Peter versucht hat, Nora zu finden.

Sollte sich Noras Situation ändern, würden die Ersthelfer und Ersthelferinnen die Risikobewertung überarbeiten und neue geeignete Maßnahmen ergreifen. Ein tragbares Alarmsystem könnte die Angst, die Nora erlebt, lindern. Es gibt viele Möglichkeiten.

Vielen Dank, dass Sie Noras Geschichte gelesen haben.

Erfahren Sie mehr über die Risikobewertung bei häuslicher Gewalt im Abschnitt „Lesenswertes“. Vergessen Sie nicht, Ihre eigene Checkliste zur Gefährdungsbeurteilung auszudrucken, die Sie im Abschnitt „Materialien“ finden.


Lesenswertes

Quellen

Albuquerque, M., Basinskaite, D., Medina Martins, M., Mira, R., Pautasso, E., Polzin, I., Satke, M., Shearman de Madeco, M., Alberta Silva, M., Sliackiene A., Manuel Soares, M., Viegas, P. & Wiemann, S. (2013). E-MARIA: European manual for risk assessment. Bupnet, Göttingen.

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Materialien