Modul 3: Kommunikation mit Opfern in Fällen häuslicher Gewalt

Häusliche Gewalt in den Medien

Lernziele

In diesem Modul werden die verschiedenen Möglichkeiten vorgestellt, wie man in Situationen, in denen man das Vorliegen von häuslicher Gewalt vermutet, danach fragen kann. Des Weiteren wird die Ersthilfe nach Offenlegung von häuslicher Gewalt vorgestellt und wie man über Opfer von häuslicher Gewalt in den Medien berichten sollte.


IMPRODOVA: Wie man auf eine Offenlegung reagiert

Das Video veranschaulicht, wie man in Fällen häuslicher Gewalt auf eine Offenlegung reagieren sollte.


Rahmenbedingungen für ein Gespräch über häusliche Gewalt

Zunächst einmal: Scheuen Sie sich nicht, zu helfen, auch wenn Sie nicht genau wissen, was Sie in einer bestimmten Situation tun sollen. Wichtig ist, dass man mit dem Opfer überhaupt ins Gespräch kommt.

Sich Zeit für das Opfer nehmen

  • Man sollte einen Ort zum Reden wählen, an dem niemand mithören kann (aber keinen Ort, der anderen aufzeigt, warum man dort ist).
  • Man sollte dem Opfer versichern, dass man niemandem gegenüber wiederholen wird, was es sagt, und dass man niemandem gegenüber erwähnen wird, der es nicht wissen muss, dass es dort war. Wenn man verpflichtet ist, die Situation zu melden, erklärt man, warum man was melden muss und an wen.

Eröffnung des Gesprächs

  • Man ermutigt das Opfer zunächst zum Reden und zeigt, dass man zuhört.

Vorurteilsfrei sein und zuhören

  • Man ermutigt das Opfer dazu, weiter zu reden, wenn es das wünscht, aber man zwingt es nicht zum Reden („Wollen Sie mir mehr dazu sagen?“).
  • Man erlaubt Stille. Wenn das Opfer weint, gibt man ihm bzw. ihr Zeit, sich zu erholen.
  • Man ist stets offen, ehrlich, urteilsfrei, einfühlsam und unterstützend.

Achten Sie auf die Warnzeichen

  • Viele Opfer versuchen, die häusliche Gewalt zu verbergen. Sie müssen sich der Indikatoren bewusst sein, die ein möglicher Hinweis dafür sein könnten.

Dem Opfer glauben

  • auch wenn die Geschichte des Opfers unglaubhaft erscheint.

Validieren Sie die Gefühle des Opfers

  • Manchmal drücken die Opfer widersprüchliche Gefühle über den Täter / die Täterin und ihre Situation aus (Schuld vs. Wut; Hoffnung vs. Verzweiflung; Liebe vs. Angst). Lassen Sie das Opfer wissen, dass es üblich (normal) ist, diese widersprüchlichen Gefühle zu haben. Gleichzeitig sollten Sie aber betonen, dass Gewalt nicht in Ordnung ist und dass es nicht normal ist, in ständiger Angst davor zu leben, angegriffen oder verletzt zu werden. Selbst wenn das Opfer Gründe dafür angibt, dass es bei dem Täter oder der Täterin bleibt, bedeutet Angst, dass die Beziehung nicht gesund ist.
  • Teilen Sie dem Opfer -ohne zu verurteilen-mit, dass seine Situation gefährlich ist und dass Sie um seine Sicherheit besorgt sind.
Wie Opfer gefragt werden können

Im Allgemeinen ist es sinnvoll, “Ich-Botschaften” und andere gewaltfreie Kommunikationsmethoden zu verwenden. Dies kann gezielt eingesetzt werden, um Ambivalenzen eines Opfers während der Beratung eines Opfers oder motivierende Interventionen im Falle von weniger Beratungszeit zu lösen.

Hier sind einige Aussagen, die man machen kann, um das Thema Gewalt anzusprechen, bevor man direkte Fragen stellt:

  • „Viele Menschen haben Probleme mit ihrem Ehemann bzw. ihrer Ehefrau oder Partner bzw. Partnerin oder mit jemandem, mit dem sie zusammenleben.“
  • „Ich habe Menschen mit Problemen wie Ihren gesehen, die zu Hause Schwierigkeiten hatten.“
  • „Versucht Ihr Partner bzw. Ihre Partnerin, Sie zu kontrollieren, indem er bzw. sie Ihnen beispielsweise kein Geld gibt oder Sie nicht aus dem Haus lässt?“
  • „Wurden Sie unter Druck gesetzt oder gezwungen, sexuell etwas zu tun, was Sie nicht wollten?“

Im Falle von vermuteter Gewalt im häuslichen Umfeld:

  • „Wie läuft es zu Hause?“
  • „Wie kommen Sie und Ihr Partner bzw. Ihre Partnerin/andere Familienmitglieder miteinander aus?“

Neben indirekten Fragen kann man auch direkte Fragen zu jeglicher Gewalt stellen.

Zum Beispiel:

  • „Gibt es Zeiten, in denen Sie Angst vor Ihrem Partner bzw. Ihrer Partnerin oder einem anderen Familienmitglied haben?“
  • „Sind Sie um Ihre Sicherheit oder die Sicherheit Ihrer Kinder besorgt?“
  • „Fühlen Sie sich durch die Art, wie Ihr Partner bzw. Ihre Partnerin oder ein anderes Familienmitglied Sie behandelt, unglücklich oder deprimiert?“
  • „Hat Ihr Partner bzw. Ihre Partnerin oder ein anderes Familienmitglied Sie jemals verbal eingeschüchtert oder verletzt?“
  • „Hat Ihr Partner bzw. Ihre Partnerin oder ein anderes Familienmitglied Sie jemals physisch bedroht oder verletzt?“
  • „Hat Ihr Partner bzw. Ihre Partnerin oder ein anderes Familienmitglied Sie jemals zum Sex gezwungen, obwohl Sie es nicht wollten?“
  • „Versucht Ihr Partner bzw. Ihre Partnerin oder ein anderes Familienmitglied, Sie zu kontrollieren, indem er bzw. sie Ihnen beispielsweise kein Geld gibt oder Sie nicht aus dem Haus lässt?“
Wenn ein Opfer häusliche Gewalt offenlegt

Die Befragung von Opfern von häuslicher Gewalt sollte mit einer wirksamen Intervention verbunden sein, die eine unterstützende Reaktion, eine angemessene medizinische Behandlung und/oder Betreuung nach Bedarf und/oder eine Überweisung zu einer Schutzeinrichtung umfasst.

Sie sollten

  • zuhören.
  • vermitteln, dass Sie dem Opfern glauben.
  • die Entscheidung zur Offenlegung validieren.
  • betonen, dass Gewalt nicht in Ordnung ist.
  • deutlich machen, dass das Opfer nicht schuld ist.
  • keine Fragen stellen, die bei dem Opfer Stress und ein Gefühl der Ohnmacht auslösen könnten.
Sich nach den Bedürfnissen und Anliegen des Opfers erkundigen

Wenn man sich die Geschichte des Opfers anhört, sollte man besonders darauf achten, was er oder sie über seine bzw. ihre Bedürfnisse und Anliegen sagt – und was nicht gesagt wird, sondern mit Worten oder Körpersprache angedeutet wird. Man kann das Opfer über körperliche, emotionale oder ökonomische Bedürfnisse, über die eigenen Sicherheitsbedenken oder soziale Unterstützung, die er oder sie braucht, informieren. Die folgenden Techniken können angewandt werden, um dem Opfer zu helfen, seine bzw. ihre Bedürfnisse auszudrücken:

Fragen sollten als Einladungen zum Sprechen formuliert werden.

„Worüber möchten Sie sprechen?“

Offene Fragen sollten gestellt werden, um das Opfer zum Reden zu ermutigen, anstatt Ja oder Nein zu sagen.

„Was halten Sie davon?“

Was das Opfer sagt, sollte wiederholt werden, um das eigene Verständnis zu überprüfen.

„Sie erwähnten, dass Sie sich sehr frustriert fühlen.“

Die Gefühle des Opfers sollten reflektiert werden.

„Es klingt, als ob Sie sich darüber ärgern…“

Dem Opfer sollte geholfen werden, die eigenen Bedürfnisse und Sorgen zu erkennen und zum Ausdruck zu bringen.

„Gibt es etwas, das Sie brauchen oder über das Sie sich Sorgen machen?“

Was das Opfer zum Ausdruck gebracht hat, sollte zusammengefasst werden.

„Sie scheinen zu sagen, dass …“

Es sollten keine suggestiven Fragen gestellt werden.

„Ich könnte mir vorstellen, dass Sie das verärgert hat, nicht wahr?“

Es sollten keine „Warum“-Fragen gestellt werden. Es könnte beschuldigend klingen.

„Warum haben Sie das getan…?“

Das Opfer sollte verstehen, dass seine bzw. ihre Gefühle normal sind, dass es sicher ist, diese auszudrücken, und dass es ein Recht darauf hat, ohne Gewalt und Angst zu leben.

Man sollte das Opfer wissen lassen, dass man aufmerksam zuhört, dass man versteht, was er oder sie sagt, und dass man glaubt, was gesagt wird, ohne zu urteilen oder Bedingungen zu stellen.

Wichtige Dinge, die man sagen kann:

  • „Es ist nicht Ihre Schuld. Sie sind nicht schuld.“
  • „Es ist okay, zu reden.“
  • „Hilfe ist verfügbar.“ [Dies sollte man nur sagen, wenn es wahr ist.]
  • „Was passiert ist, kann nicht gerechtfertigt oder entschuldigt werden.“
  • „Niemand verdient es von seinem Partner bzw. seiner Partnerin in einer Beziehung geschlagen zu werden.“
  • „Sie sind nicht allein. Leider haben sich auch viele andere Menschen diesem Problem stellen müssen.“
  • „Ihr Leben, Ihre Gesundheit, Sie sind von Wert.“
  • „Jeder verdient es sich zu Hause sicher zu fühlen.“
  • „Ich bin besorgt, dass sich dies auf Ihre Gesundheit auswirken könnte.“
Einsetzen eines Dolmetschers bzw. einer Dolmetscherin

Wenn die Sprachkenntnisse des Opfers ein Hindernis für die Erörterung dieser Fragen darstellen, sollte man mit einem qualifizierten Dolmetscher bzw. einer qualifizierten Dolmetscherin oder einem Vertreter bzw. einer Vertreterin der örtlichen Fachstelle für häusliche Gewalt zusammenarbeiten. Derjenige bzw. diejenige sollte das gleiche Geschlecht wie das Opfer haben und eine Vertraulichkeitsvereinbarung unterschreiben. Dolmetscher bzw. Dolmetscherinnen sollten den genauen Wortlaut des Opfers wiedergeben. Zu Beginn des Gesprächs sollte der Dolmetscher bzw. die Dolmetscherin sorgfältig die Richtlinien durchgehen (z.B. Vertraulichkeit, Rechte des Opfers, um eine Pause zu bitten). Im Gespräch sollte man das Opfer ansehen und mit ihm bzw. ihr sprechen. Der Partner bzw. die Partnerin des Opfers, andere Familienmitglieder oder Kinder sollten nicht als Dolmetscher eingesetzt werden. Es könnte die Sicherheit des Opfers gefährden oder es könnte ihnen unangenehm sein, über ihre Situation zu sprechen. Wenn eine Sprachgruppe in einem Land sehr klein ist, besteht immer die Gefahr, dass sich das Opfer und der Dolmetscher bzw. die Dolmetscherin direkt oder indirekt kennen. Fragen Sie daher immer, ob das Opfer Präferenzen bezüglich des Dolmetschers bzw. der Dolmetscherin hat und gehen Sie nicht davon aus, dass Sie wissen welchen Hintergrund, welches Geschlecht oder welches Herkunftsland des Dolmetschers bzw. der Dolmetscherin von dem Opfer bevorzugt werden.

Sonderfall: Wenn das Opfer ein Kind ist

Kindesmissbrauch kann auf unzählige Arten auftreten, und die Auswirkungen sind von Kind zu Kind unterschiedlich. Während bei einigen Kindern Blutergüsse oder Verletzungen auftreten können, die Verdacht erregen, ist dies nicht immer der Fall. Bei der Mehrheit der Kinder gibt es jedoch seltener direkte körperliche Verletzungen; viel problematischer sind die langfristigen Auswirkungen von Gewalt auf die neurologische, kognitive und emotionale Entwicklung und Gesundheit des Kindes.

Es gibt Kinder, die überhaupt nicht reden wollen. Andere legen häusliche Gewalt indirekt offen, indem sie die Einzelheiten nicht unaufgefordert oder auf Umwegen mitteilen: „Manchmal verärgert mein Stiefvater meine Mutter“. Das Kind hofft, dass der Hinweis, den sie geben, aufgegriffen wird. Viele Kinder sind unsicher, weil der Täter bzw. die Täterin jemand ist, den sie lieben.

Bieten Sie eine geschlechtersensible und kinder- oder jugendzentrierte Ersthilfe an. Diese beinhaltet:

  • Respektvolles und einfühlsames Zuhören;
  • Erkundigen Sie sich nach den Sorgen, Anliegen und Bedürfnissen des Kindes oder Jugendlichen und beantworten Sie alle Fragen;
  • Eine nicht wertende und bekräftigende Antwort anbieten;
  • Ergreifen von Maßnahmen, um ihre Sicherheit zu erhöhen und Schäden zu minimieren, einschließlich derer, die durch die Offenlegung entstehen, und, wenn möglich, die Wahrscheinlichkeit, dass der Missbrauch weitergeht; dies schließt die Gewährleistung der visuellen und auditiven Privatsphäre ein;
  • Bereitstellung von emotionaler und praktischer Unterstützung durch Erleichterung des Zugangs zu psychosozialen Diensten;
  • Bereitstellung von altersgerechten Informationen darüber, was getan wird, um sie zu versorgen, einschließlich der Frage, ob ihre Offenlegung des Missbrauchs den zuständigen Behörden gemeldet werden muss;
  • Die rechtzeitige Betreuung der Kinder entsprechend ihren Bedürfnissen und Wünschen;
  • Priorisierung der unmittelbaren medizinischen Bedürfnisse und der Erstversorgung;
  • Die Umgebung und die Art und Weise, in der die Hilfe geleistet wird, altersgerecht zu gestalten sowie sensibel für die Bedürfnisse derjenigen zu sein, die mit Diskriminierung konfrontiert sind, z.B. aufgrund einer Behinderung oder der sexuellen Orientierung;
  • Minimierung der Notwendigkeit für die Betroffenen, mehrere Beratungsstellen aufzusuchen;
  • Befähigung der nicht-missbrauchenden Betreuungspersonen mit Informationen, um mögliche Symptome und Verhaltensweisen zu verstehen, die das Kind oder der Jugendliche in den kommenden Tagen oder Monaten zeigen könnte, und wann sie weitere Hilfe suchen sollten.

Quelle: https://www.who.int/reproductivehealth/publications/violence/clinical-response-csa/en/

Das Kind sollte nicht „verhört“ werden. Man sollte einfache Fragen stellen, wie z.B.:

  • „Gibt es etwas, über das du traurig oder besorgt bist?“
  • „Manche Kinder können zu Hause Angst bekommen. Was, glaubst du, macht ihnen Angst?“

Das Kind sollte beruhigt werden. Man könnte Folgendes sagen:

  • „Ich glaube dir.“
  • „Ich bin froh, dass du zu mir gekommen bist.“
  • „Es tut mir leid, dass das passiert ist.“
  • „Du bist nicht schuld.”
  • „Wir werden gemeinsam etwas tun, um Hilfe zu bekommen.“
Sonderfall: Häusliche Gewalt gegenüber LGBTIQ-Personen

LGBTIQ-Personen können – je nach Gruppe – folgende Formen häuslicher Gewalt erleben:

Lesbische, schwule oder bisexuelle Menschen:

  • Ihre Sexualität kann gegen sie verwendet werden, z.B. durch Drohungen, sie vor der Familie/der Gemeinschaft/dem Arbeitsplatz zu „outen“
  • Sie können von der Gemeinschaft oder ihrer Familie abgeschnitten werden
  • Sie können unter Druck gesetzt werden, sich den Geschlechts- oder Gender-Normen anzupassen

Transsexuelle, intersexuelle und geschlechtlich vielfältige Menschen:

  • Sie können wegen ihres Körpers/ihres Aussehens/ihrer Identität lächerlich gemacht werden
  • Ihnen kann der Zugang zu medizinischer Behandlung oder Hormonen verweigert werden oder sie können gezwungen werden, sich medizinisch behandeln zu lassen
  • Sie können bedroht oder gemobbt werden, wenn sie sich „outen“

Zu den möglichen Barrieren für den Zugang zu Unterstützung bei LGBTIQ-Personen gehören:

  • Nicht zu wissen, wo sie formelle Unterstützung suchen können, sich zu scheuen sich „Mainstream“-Unterstützung zu suchen, und kaum informelle Unterstützungsnetzwerke zu haben
  • Angst vor Diskriminierung, Homophobie, Heterosexismus, Transphobie und gesellschaftlichen Konstruktionen rund um das Geschlecht
  • Angst, wegen ihres Geschlechts/ihrer Sexualität „geoutet“ zu werden
  • Nicht in der Lage zu sein, missbräuchliches Verhalten zu erkennen – aufgrund der weit verbreiteten Annahme, dass häusliche Gewalt nur in heteronormativen Beziehungen auftritt
  • Furcht, nicht ernst genommen zu werden
  • Sie wollen keine negative Aufmerksamkeit auf die LGBTIQ-Community lenken
  • Unsicherheit über ihre gesetzlichen Rechte, insbesondere wenn Kinder involviert sind oder sie das Vermögen mit dem Täter bzw. der Täterin geteilt haben

Wie können Sie Ihre Reaktion inklusiver gestalten?

Auf individueller Ebene

  • Nehmen Sie eine nicht wertende und akzeptierende Haltung ein
  • Vermeiden Sie Annahmen über Geschlecht oder Heterosexualität – hören Sie der Person und ihren Erfahrungen wirklich zu
  • Sichern Sie bei Bedarf Vertraulichkeit über die sexuelle Orientierung/Geschlechtsgeschichte zu.

Auf Praxis-Ebene

  • Bauen Sie sensible, kulturell angemessene Überweisungsnetzwerke für LGBTIQ-Menschen auf
  • Pflegen Sie aktive Partnerschaften mit LGBTIQ-Organisationen
  • Ermutigen Sie ihre Praxisangestellten zur Teilnahme an LGBTIQ-Schulungen
  • Legen Sie LGBTIQ-Materialien im Wartezimmer aus
  • Stellen Sie sicher, dass die Kommunikation und Aufklärungsmaterialien LGBTIQ-sensibel sind.

Quelle: https://www.racgp.org.au/familyviolence/resources.htm

Sonderfall: Verbesserte Reaktionen auf Flüchtlings- und Migrantengemeinschaften

1. Erkundigen

Fragen Sie nach den Erfahrungen des Opfers vor der Migration und nach ihrem kulturellen Kontext. Es ist wichtig, die Weltanschauung von Opfern häuslicher Gewalt zu kennen, um den Kontext ihrer Erfahrungen, Entscheidungsfindung und Herausforderungen zu verstehen.

Beispiele für Fragen, die in diesem Kontext gestellt werden können:

Vor der Migration

  • Aus welchem Land kommen Sie?
  • Wie lange leben Sie schon in Deutschland?
  • Kam Ihre ganze Familie hierher?
  • Können Sie mir ein wenig über Ihre Reise nach Deutschland erzählen?
  • Wie war das Leben in Ihrem Herkunftsland oder Übergangsland?

Ankunft

  • Wie haben Sie und Ihre verschiedenen Familienmitglieder sich an das Leben hier angepasst?
  • Wie geht es den Kindern in der Schule?
  • Ihre Arbeit? Ihr Studium? Der Deutschunterricht?
  • Was waren einige positive Erfahrungen?
  • Auf welche Hindernisse sind Sie bei der Anpassung an das Leben in Deutschland gestoßen?

Kultureller Kontext

  • Was sind die Erwartungen an Frauen/Männer in Ihrer Familie und Gemeinde? Was passiert, wenn diese Erwartungen nicht erfüllt werden?
  • Was passiert, wenn eine Frau/ein Mann innerhalb der Familie nicht gut behandelt wird? Wie wird das in der Gemeinschaft wahrgenommen?

2. Bewusst machen

  • Seien Sie sich bewusst, dass es Unterschiede zwischen den Rechts- und Unterstützungssystemen in verschiedenen Ländern gibt.
  • Erklären Sie das System, einschließlich der Rolle von Polizei, Gerichten und Zufluchtsorten. Seien Sie sich bewusst, dass die Angst vor Behörden dazu führen kann, dass das Opfer zögert, die Polizei oder staatliche Dienste einzuschalten.
  • Betonen Sie, dass jeder ein Recht darauf hat, sich in seinem Zuhause sicher zu fühlen.
  • Stellen Sie klar, dass häusliche Gewalt mehr als nur körperliche Gewalt ist, sondern auch emotionale, sexuelle, wirtschaftliche und soziale Gewalt umfasst.

3. Erklären

Erklären Sie, welche Dienste es gibt, wie sie arbeiten (kostenlos und vertraulich), wie sie das Opfer befähigen, seine eigenen Entscheidungen zu treffen, und wie sie bei der Sicherheit helfen können.

Was kann noch sinnvoll sein?

  • Erklären Sie die Vertraulichkeit (ärztliche Schweigepflicht)
  • Verwenden Sie eine/n professionelle/n Dolmetscher/in
  • Bitten Sie um Erlaubnis, bevor Sie Fragen stellen
  • Melden Sie sich beim Opfer, um zu sehen, wie es ihm/ihr geht
  • Überweisung an eine spezialisierte Organisation zur weiteren Unterstützung.

Quelle: https://www.racgp.org.au/familyviolence/resources.htm



Zum Nachdenken für Fachpersonal im Sozialen Sektor

Die Vorbereitung, häusliche Gewalt zu erkennen und darauf zu reagieren, ist von größter Bedeutung.
(1) Wie gut fühlen Sie sich in dieser Hinsicht vorbereitet und welche Bildungs- und/oder Ausbildungsressourcen stehen Ihnen zur Verfügung oder sind Ihnen in Ihrem Tätigkeitsbereich bekannt?
(2) Haben Sie in Ihrem Arbeitsbereich einen Raum, in dem Sie privat mit Klienten oder Klientinnen sprechen können? (Hinter Vorhängen oder Schirmen ist eindeutig nicht privat oder vertraulich).
(3) Wie könnten Klienten oder Klientinnen in Ihrem Tätigkeitsbereich Ihnen mitteilen, dass sie mit Ihnen unter vier Augen sprechen möchten?
(4) Verfügen Sie derzeit über einen klaren Überweisungsweg für Klienten und Klientinnen zu anderen Diensten und Unterstützungen?
(5) Wissen Sie, welche Dienstleistungen und Unterstützungen für diejenigen zur Verfügung stehen, die in Ihrem Arbeitsbereich, Ihrer Organisation und Ihrer Region häusliche Gewalt offenlegen – und welche Kontaktdaten stehen Ihnen zur Verfügung?
(6) Wissen Sie, wie Sie eine Überweisung an die Schutzdienste für Erwachsene und Kinder vornehmen können?


Icon made by Freepik from www.flaticon.com


Häusliche Gewalt in den Medien

Häusliche Gewalt ist in den Nachrichten, in Zeitungsartikeln und im Internet präsent. Bücher, Filme und Serien (z.B. „Der Feind in meinem Bett“, „Fifty Shades of Grey“, „365 days“), Dokumentationen und Reportagen sowie Songtexte greifen das Thema auf. In den meisten Fällen zielen sie allerdings nicht darauf ab, über häusliche Gewalt zu informieren, sondern die Konsumenten und Konsumentinnen zu unterhalten und zu polarisieren.

Häusliche Gewalt wird dabei häufig verharmlost oder romantisiert. Stalking, körperliche Gewalt und Freiheitsberaubung werden als Zeichen wahrer Liebe und gerechtfertigter Eifersucht dargestellt. Die Täter sind fast ausschließlich Männer – die Schuld für die erfahrene Gewalt liegt beim weiblichen Opfer.

Romantische Filme folgen oft der Logik von “Die Schöne und das Biest”, wo ‘gute’ Frauen durch ihre Liebe ‘böse’ Männer retten können. Es mag zwar einige Hinweise darauf geben, dass sich Männer in Gegenwart von Frauen besser benehmen, aber in missbräuchlichen Beziehungen trifft dies nicht zu. Stattdessen sind Frauen im Kreis der Gewalt gefangen. Das heißt, es kommt zu einem gewalttätigen Vorfall, danach fühlt sich der Täter schuldig, entschuldigt sich und verspricht, dies in Zukunft nicht mehr zu tun. Es folgt die “Flitterwochenphase”, in der der Täter liebevoll und fürsorglich erscheint. Nach einiger Zeit wird der Täter immer aggressiver gegenüber dem Opfer, bis ein neuer “großer” Vorfall häuslicher Gewalt geschieht und der Kreis wieder von vorne beginnt. Diese Teufelskreise halten Frauen in Missbrauchsbeziehungen gefangen – zum Teil, weil sie fälschlicherweise hoffen, dass sich der Täter bessern wird und es nicht wieder vorkommt.

Die Folgen sind für die Opfer und die öffentliche Wahrnehmung von häuslicher Gewalt gravierend.


„Gerade weil häusliche Gewalt so kontraintuitiv ist, müssen die Medien diese Geschichten weitererzählen. Wir Journalisten brauchen jedoch eine Ausbildung, damit wir nicht weiterhin die üblichen Fehler machen. Wir können nicht akzeptieren, dass Journalisten das Verhalten einer Frau untersuchen, um zu erklären, warum sie ermordet oder verletzt wurde. Wir können nicht akzeptieren, dass Journalisten Entschuldigungen für Männer finden, die ihre Familien getötet haben, als ob sie unter Druck gesetzt worden wären, dies zu tun.“ (Adaptiert nach: CIG (Comissão para a Cidadania e Igualdade de Género – Commission for Citizenship and Gender Equality) (2019): Guide to good media practice in preventing and combating VAW and DV)

Jess Hill, Journalistin von The Guardian

Wie die Medien mit Fällen häuslicher Gewalt umgehen, ist entscheidend dafür, wie diese von der Öffentlichkeit verstanden und interpretiert wird:

  • Die Häufigkeit, mit der über häusliche Gewalt berichtet wird,
  • die Informationen, die in den Berichten über häusliche Gewalt enthalten oder weggelassen werden,
  • die Worte, mit denen beschrieben wird, was passiert ist,

all diese Faktoren machen einen Unterschied im gesellschaftlichen Verständnis von häuslicher Gewalt aus.

Die Rolle der Medien im Bereich häuslicher Gewalt ist entscheidend,

  • nicht nur, weil sie Verbrechen sichtbar macht, die heute noch oft fälschlicherweise der Privat- und Beziehungssphäre zugerechnet werden,
  • aber auch, weil sie die Möglichkeiten der Reaktion und des Aufbaus einer gerechteren, sichereren und aufmerksameren Gesellschaft beeinflusst.

Gute journalistische Praxis sollte sein, dass Leser und Leserinnen nach einem Artikel oder einem Film über häusliche Gewalt sensibilisiert werden und dadurch

– besser Anzeichen von Gewalt erkennen, wenn sie ihnen begegnen,
– über ein besseres Wissen verfügen, was dann zu tun ist
– und die Dynamik der Eskalation des Missbrauchs besser verstehen und wissen, wie sie ihn verhindern können.


Adaptiert nach: CIG (Comissão para a Cidadania e Igualdade de Género – Commission for Citizenship and Gender Equality) (2019): Guide to good media practice in preventing and combating VAW and DV


Niedrigschwelliges Angebot: Anbieten von Informationsblättern

Schriftliche Informationen über Gewalt in Paarbeziehungen und häusliche Gewalt sollten in Form von Plakaten und Broschüren oder Faltblättern verfügbar sein, die in privaten Bereichen wie Waschräumen zur Verfügung gestellt werden (mit entsprechenden Warnungen, sie nicht mit nach Hause zu nehmen, wenn sich dort der Täter oder die Täterin aufhält). Das Anbieten eines QR-Codes, der zu einer Website mit weiteren Informationen führt, kann hier Abhilfe leisten. Die Plakate, Broschüren oder Faltblätter sollten sich an weibliche und männliche Opfer häuslicher Gewalt richten und keine Stereotypen bedienen. Die Benennung konkreter Ansprechpartner und Ansprechpartnerinnen vor Ort und die Breitstellung von Telefonnummern von Beratungsstellen oder Internetseiten, die (anonyme) Beratung anbieten, können einen Beitrag dazu leisten, dass sich Opfer häuslicher Gewalt Hilfe suchen.