Modul 1: Formen und Dynamiken häuslicher Gewalt

Definitionen
Grundlegende Merkmale, Formen und Dynamiken häuslicher Gewalt
Besondere Formen der Gewalt
Die Rolle von Geschlecht im Rahmen häuslicher Gewalt
Geschlechtsbezogene Gewalt
Wie ist die aktuelle Situation in Bezug auf geschlechtsassoziierter Gewalt in Europa?
Opfer von häuslicher Gewalt
Täter häuslicher Gewalt
Ursachen für häusliche Gewalt
Folgen häuslicher Gewalt

Einführung ins Thema

Verschiedene Faktoren auf individueller, Beziehungs-, Gemeinschafts- und gesellschaftlicher Ebene können die Opfer mehr oder weniger stark gefährden, Opfer häuslicher Gewalt zu werden. Bestimmte Personengruppen sind besonders gefährdet für häusliche Gewalt und es kann ihnen an Unterstützungsdiensten mangeln. Häusliche Gewalt kann schwerwiegende und langanhaltende Folgen haben – von unmittelbaren und kurzfristigen bis hin zu intergenerationellen Auswirkungen, dazu gehören schwerwiegende gesundheitliche, soziale und wirtschaftliche Folgen für die Opfer und ihre Familien.
Frauen sind dabei deutlich häufiger Opfer von häuslicher Gewalt und sind viel häufiger als Männer ernsthaft verletzt oder getötet als männliche Opfer häuslicher Gewalt. Darüber hinaus ist die Wahrscheinlichkeit höher, dass Frauen ein höheres Maß an Angst erleben und eher Zwangs- und Kontrollverhalten ausgesetzt sind.

Lernziele

Lernziele dieses Moduls sind ein besseres Verständnis der häuslichen Gewalt und ihrer Formen und Folgen zu gewinnen. Das Wissen über die spezifischen Kontexte und Auswirkungen von häuslicher Gewalt kann ein hilfreicher Schritt zum Verständnis der individuellen Bedürfnisse der Opfer sein.



„So viele Menschen verstehen nicht, worum es bei häuslicher Gewalt geht. Es geht nicht nur darum verprügelt zu werden, es geht auch darum, dir nicht zu erlauben, deine Freunde zu sehen; es geht nicht nur darum,  dass dir dein eigenes Geld verboten wird; es geht darum, dass dein Leben auf jede mögliche Weise kontrolliert wird; niemand kann es sehen.“

„Einem Opfer häuslicher Gewalt zu helfen, bedeutet, den Sockel eines Hauses niederzulegen. Nur so kann dieses sich aus der Situation befreien. Es bedeutet, die Vergangenheit und die Gegenwart im Hinblick auf die Wurzeln der Gewalt in der Familie und alle Folgen der Gewalt in der Gegenwart abzubilden.“

„Gewalt durch Intimpartner ist keine Besonderheit der Armen und Ungebildeten, wie viele Menschen glauben. Die Frau eines bekannten Politikers wurde hier beherbergt. Familie der oberen Mittelschicht. Der Ehemann war ein angesehener Gemeindevorsteher und ein Kirchenmann. Einige Leute wussten, was hinter verschlossenen Türen vor sich ging. Kinder mussten miterleben, wie der Vater die Mutter vergewaltigte. Er pinkelte sogar auf die Kinder, als Strafe für schlechtes Benehmen. Der Mann war in seiner Stadt so einflussreich, dass das Vormundschaftsbüro seine Hilfe verweigerte, als sie merkten, dass sein Name darin verwickelt ist. Es war fast hoffnungslos für die Frau, aus ihrem Gefängnis zu entkommen, denn die meisten Menschen wollten ihr nicht glauben, und diejenigen, die ihr glaubten, wagten es nicht, ihr zu helfen.“


Aufgaben

(1) Wie wirken diese Zitate auf sie? Was sagen Sie über häusliche Gewalt aus?

(2) Denken Sie darüber nach, auf welche Weise Sie dem Begriff „häusliche Gewalt und Missbrauch“ bisher begegnet sein könnten. Wie definieren Sie häusliche Gewalt und Missbrauch? Was bedeutet der Begriff für Sie, und sind Ihnen andere Begriffe zur Beschreibung desselben Phänomens bekannt?

(3) Vielleicht möchten Sie einige kurze Notizen machen und auf diese zurückkommen, während Sie weiterlesen. Überlegen Sie beim Lesen der verschiedenen Definitionen, ob Sie an Ihren ursprünglichen Vorstellungen etwas ändern würden.

Beispiele von Teilnehmenden eines Trainings zu häuslicher Gewalt

„Wenn ich diese Zitate lese, fühle ich mich in erster Linie ohnmächtig. Sie zeigen, wie unglaublich komplex das Thema häusliche Gewalt ist und wie schwierig es für Betroffene ist, daraus auszubrechen. [Sie] machen deutlich, dass häusliche Gewalt weit über die physische Gewaltanwendung heraus geht und dass [häusliche Gewalt] die Opfer in vielen verschiedenen Lebenslagen trifft: Es geht nicht nur um körperliche Gewalt, Verbote und Einschränkungen, sondern auch um Kontrolle, gesellschaftliche Vorurteile und Scham, Vertrauensverluste und Ohnmacht.“

Teilnehmerin eines Trainings zu häuslicher Gewalt

„Mir ist jetzt mehr als klar geworden, wie verbreitet häusliche Gewalt ist. Dass jeder irgendwo Kontakt mit häuslicher Gewalt gehabt haben muss. Und das Täter vielleicht auch einmal Opfer waren, unschuldige Kinder, die nichts dafür können, was ihnen widerfährt. Dass wir Gewalt oft trotzdem übersehen oder nicht sehen wollen. Weil das Wissen uns zu Mittätern macht.“

Teilnehmer eines Trainings zu häuslicher Gewalt

Definitionen

Man kennt Begriffe wie Gewalt in der Partnerschaft, häusliche Gewalt, Gewalt in engen Beziehungen und Kindesmissbrauch, aber nicht immer ist klar, was diese Begriffe eigentlich bedeuten und inwiefern es Überschneidungen gibt.

Definition von häuslicher Gewalt

Häusliche Gewalt wird definiert als jedes gewalttätige, bedrohliche, zwanghafte oder kontrollierende Verhalten, das in Familien oder in intimen Beziehungen auftritt. Sie umfasst jeden Missbrauch oder jede Gewalt innerhalb einer Familie, zum Beispiel zwischen Geschwistern, Onkeln, Tanten, Cousins, Cousinen, Großeltern, Schwiegereltern und älteren Menschen. Häusliche Gewalt kann jedem passieren, unabhängig von Geschlecht, Beruf, sozialem Hintergrund, Kultur, Religion oder Sexualität.

Definition von intimer Partnergewalt

Gewalt durch Intimpartner ist jedes Verhalten innerhalb einer intimen Beziehung, das den Beteiligten in der Beziehung körperlichen, emotionalen, sexuellen, finanziellen und sozialen Schaden zufügt. Eine intime Beziehung kann sich auf den gegenwärtigen oder früheren Partner bzw. die Partnerin oder den Lebensgefährten bzw. die Lebensgefährtin eines Opfers beziehen, einschließlich gleichgeschlechtlicher Beziehungen. Gewalttätiges Verhalten als spontanes Konfliktverhalten in einer Partnerschaft ist klar zu unterscheiden von systematischem Gewalt- und Kontrollverhalten in einer Paarbeziehung. Entgleitet ein Konflikt, kann Gewalt als spontanes oder situatives Mittel in der Auseinandersetzung Ausdruck finden, ohne dass die andere Person in eine unterlegene Position versetzt wird. Wird ein Partner oder eine Partnerin wiederholt gewalttätig, droht Gewalt an und schüchtert die andere Person ein, sodass diese systematisch in eine unterlegene Position versetzt wird, handelt es sich um systematisches Gewalt- und Kontrollverhalten (vgl. Gloor, D., & Meier, H. (2003). Gewaltbetroffene Männer–wissenschaftliche und gesellschaftlich-politische Einblicke in eine Debatte. Die Praxis des Familienrechts, 3, 526-547.).


Grundlegende Merkmale, Formen und Dynamiken häuslicher Gewalt

Häusliche Gewalt kann viele Formen annehmen und wird von dem Opfer oft nicht als solche erkannt.


„Damals hatte ich das Gefühl, dass es nicht wirklich Missbrauch war, aber je länger ich darüber nachdachte, desto mehr fühlte ich, dass es Missbrauch war. Emotionaler Missbrauch ist schwerwiegender als körperlicher Missbrauch, da es keine äußerlichen Spuren oder Blutergüsse gibt. Als mir das klar wurde, bin ich ausgestiegen. Allein zu leben ist viel besser als das, was in der Beziehung geschah.“


Physische Gewalt

Physische Gewalt ist jede Anwendung von körperlicher Gewalt oder die Androhung von körperlicher Gewalt, die das Opfer dazu zwingt, etwas zu tun oder zu lassen oder zu erleiden oder es einzuschränken oder dem Opfer Schmerzen, Angst oder Demütigung zu verursachen, unabhängig davon, ob eine Körperverletzung im strafrechtlichen Sinne eingetreten ist oder nicht.

Körperliche Verletzungen können von leichten Traumata, die sichtbar oder unsichtbar sein können, bis hin zu Knochenbrüchen und Risswunden, Kopfverletzungen und Verletzungen der inneren Organe reichen.

Einige Opfer werden mit Waffen, wie Messern, oder Haushaltsgegenständen wie einem heißen Bügeleisen, Zigaretten oder einem Stück Gummischlauch bedroht. Körperlicher Missbrauch kann viele Formen annehmen, z.B. das Zertrümmern von Eigentum oder das Töten oder Verletzen von Haustieren der Familie.

Strangulation ist eine häufige und schwerwiegende Form der häuslichen Gewalt. Das Erkennen von Anzeichen für Strangulation ist von großer Bedeutung, da Strangulation ein starker Prädiktor für künftige schwere häusliche Gewalt und Mord ist.

Beispiele für physische Gewalt:

  • Den Partner bzw. die Partnerin im Haus einsperren oder ihn bzw. sie am Verlassen des Hauses hindern
  • Festhalten, Stoßen, Schlagen, Schütteln (Kleinkinder), Treten, Würgen oder Verbrennen
  • Den Partner bzw. die Partnerin mit verschreibungspflichtigen, pharmazeutischen oder illegalen Drogen unter Drogen setzen
  • Besitztümer zerbrechen oder gegen Wände schlagen/treten
Sexuelle Gewalt

Sexuelle Gewalt ist jedes Verhalten bezogen auf sexuelle Handlungen, in die das Opfer nicht einwilligt, zu denen es gezwungen wird oder die es aufgrund seines Entwicklungsstandes nicht versteht, sowie die Androhung sexueller Gewalt und die öffentliche Verbreitung sexueller Inhalte über das Opfer.

Es handelt sich um jede Art von sexueller Handlung, jeden Versuch, eine sexuelle Handlung zu beginnen, oder jede andere gegen die Sexualität einer Person gerichtete Handlung unter Anwendung von Zwang, unabhängig von der Beziehung zum Opfer und das gilt in jedem Umfeld. Sie umfasst jede Form von Vergewaltigung, sexuellem Übergriff, sexuellem Missbrauch, alltäglicher Belästigung und jede organisierte Form sexualisierter Gewalt. Sie umfasst jede Handlung, die die sexuelle Selbstbestimmung einer Person einschränkt.

Beispiele für sexuelle Gewalt:

  • Opfer unter Druck setzen, Sex zu haben oder sexuelle Handlungen zu begehen, wenn sie nicht wollen
  • Den Partner bzw. die Partnerin unter Druck setzen, zwingen oder austricksen, damit sie unsicheren Sex haben
  • Den Partner bzw. die Partnerin zum Sex oder zu sexuellen Handlungen mit anderen Menschen zu bewegen
  • Sie sexuell missbrauchen (vergewaltigen)
Psychologische Gewalt

Psychologische Gewalt ist die Durchführung und Verbreitung von Informationen, durch die der Gewalttäter beim Opfer Angst, Erniedrigung, Minderwertigkeitsgefühle, Gefahr und andere psychische Belastungen hervorruft, auch wenn sie unter Einsatz von Informations- und Kommunikations-technologie begangen wird.

Beispiele für psychologische Gewalt:

  • Stalking
  • Isolation oder Gefangenschaft
  • Verhaltensweisen kontrollieren
  • Zurückhalten von Informationen
  • Desinformation
  • Drohung, private Informationen zu veröffentlichen
  • Manipulation
  • Den Partner bzw. die Partnerin daran hindern, seine bzw. ihre Freunde oder Familie zu besuchen
  • Androhung, Haustiere zu verletzen oder zu verletzen
  • Androhung, Familienmitgliedern oder Kindern zu schaden
  • Drohende Verbreitung von Gerüchten über das Opfer
  • Androhung der öffentlichen Bekanntgabe intimer oder anderer Materialien, die dem Ruf eines Opfers schaden könnten
  • Androhung von Selbstverletzung oder Selbstmord

Verbale Gewalt (als Teil der psychologischen Gewalt)

Verbale Gewalt ist alles, was der Täter zum oder über das Opfer sagt, um ihm oder ihr zu schaden.

Beispiele für verbale Gewalt:

  • Das Opfer niedermachen, z.B. indem man ihm sagt, dass es hässlich, dumm, wertlos oder inkompetent ist
  • Verspottung
  • Beleidigung
  • Die Verwendung von Schimpfwörtern oder Beschimpfungen
  • Den Partner bzw. die Partnerin vor Freunden, Familie oder in der Öffentlichkeit erniedrigen
  • Untergrabung der Beziehung zwischen dem Partner bzw. der Partnerin und seinen bzw. ihren Kindern
  • Androhung von Selbstverletzung oder Selbstmord
  • Einschüchterung und Androhung anderer Formen von Gewalt gegen den Partner bzw. die Partnerin oder gegen jemanden oder etwas, das ihm/ihr lieb ist
  • Androhung, Haustiere zu verletzen oder zu töten
  • Androhung, Familienmitgliedern oder Kindern zu schaden
Sozioökonomische Gewalt

Sozioökonomische Gewalt ist die ungerechtfertigte Kontrolle oder Beschränkung eines Opfers bei der Verfügung über Einkommen oder Vermögen, mit dem das Opfer selbständig verfügt oder verwaltet, oder die ungerechtfertigte Beschränkung der Verfügung oder Verwaltung des gemeinsamen Eigentums von Familienmitgliedern, die ungerechtfertigte Nichterfüllung finanzieller oder vermögensrechtlicher Verpflichtungen gegenüber einem Familienmitglied oder die ungerechtfertigte Verlagerung finanzieller oder vermögensrechtlicher Verpflichtungen auf ein Familienmitglied.

Beispiele für sozioökonomische Gewalt:

  • Den Opfern Geld abnehmen, ihr Einkommen kontrollieren oder ohne Zustimmung auf die Konten der Opfer zugreifen
  • Treffen und Kontrollieren aller Entscheidungen über gemeinsames Geld und Vermögen
  • Weigerung, dem Partner bzw. der Partnerin Geld zu geben oder ihm Rechenschaft über alles, was er ausgibt, abzulegen
  • Drohender Entzug finanzieller Unterstützung als Kontrollmittel
  • Verhindern, dass der Partner bzw. die Partnerin arbeitet, so dass er bzw. sie finanziell verletzbar oder vom Täter abhängig wird
  • Manipulation und Nötigung des Partners bzw. der Partnerin zur Unterzeichnung von Finanzverträgen mit Dritten
  • Den Partner bzw. die Partnerin für alle gemeinsamen Rechnungen und Schulden verantwortlich machen oder den Partner bzw. die Partnerin für die Schulden des Täters verantwortlich machen
  • Sich als Partner bzw. Partnerin ausgeben oder vorgeben, der Partner bzw. die Partnerin zu sein, um Zugang zu ihren Konten zu erhalten oder Kredite oder Schulden zu begleichen
Kontrolle durch Zwangsausübung

Unter der psychologischen Gewalt sollte man sich der bezeichneten “Zwangskontrolle” widmen, die ein Muster der folgenden Verhaltensweisen darstellt (Definition aus dem Innenministerium, 2015):

“Verhaltenskontrolle ist eine Reihe von Handlungen, die darauf abzielen, eine Person unterzuordnen und/oder abhängig zu machen, indem sie sie von Unterstützungsquellen isoliert, ihre Ressourcen und Fähigkeiten zur persönlichen Bereicherung ausnutzt, sie der Mittel beraubt, die für Unabhängigkeit, Widerstand und Flucht erforderlich sind, und ihr Alltagsverhalten reguliert.

Kontrollverhalten ist eine andauernde Handlung oder ein Muster von Übergriffen, Drohungen, Demütigungen und Einschüchterungen oder anderen Misshandlungen, die dazu dienen, dem Opfer zu schaden, es zu bestrafen oder ihm Angst einzujagen.

Isolierung des Opfers von Unterstützung und medizinischen Diensten; Überwachung, Kontrolle, Entzug und Einschränkung des alltäglichen Verhaltens des Opfers, seiner Aktivitäten und der Personen, mit denen es kommuniziert.“

Quelle: https://assets.publishing.service.gov.uk/government/uploads/system/uploads/attachment_data/file/482528/Controlling_or_coercive_behaviour_-_statutory_guidance.pdf

Vernachlässigung

Vernachlässigung ist eine Form der Gewalt, bei der der Täter die angemessene Fürsorge für das Opfer aufgibt, die aufgrund von Krankheit, Behinderung, Alter, Entwicklungsstand oder anderen persönlichen Umständen erforderlich ist.

Beispiele für Vernachlässigung:

Nicht oder nicht in ausreichendem Maße notwendige Zuwendung, Schutz und Fürsorge:

  • Ernährung
  • Flüssigkeitszufuhr
  • Kleidung (z.B. nicht dem Wetter entsprechend)
  • Körperpflege (z.B. ungepflegtes Äußeres)
  • Medizinische Versorgung/Behandlung
  • Emotionale Zuwendung
  • Betreuung (z.B. unregelmäßiger Besuch der Schule)
  • Schutz vor Gefahren
Stalking

Stalking ist ein vorsätzlicher, wiederholter unerwünschter Kontakt, Verfolgung, physisches Eindringen, Beobachtung, Zurückhaltung an Orten, an denen sich das Opfer bewegt, oder eine andere Form des unerwünschten Eindringens in das Leben des Opfers. Eine direkte Interaktion zwischen Täter und Opfer ist nicht notwendig, um von Stalking zu reden.

Stalking kann folgende Verhaltensweisen umfassen:

  • Dem Partner bzw. der Partnerin folgen, wenn er bzw. sie ausgeht, zur Arbeit oder nach Hause geht
  • Den Partner bzw. die Partnerin, sein bzw. ihr Haus oder seinen bzw. ihren Arbeitsplatz ständig beobachten
  • Das Verhalten des Partners bzw. der Partnerin im Internet überwachen
  • Den Partner bzw. die Partnerin, seine bzw. ihre Familie, Freunde oder Arbeitskollegen öfter als angemessen anrufen, ihnen eine SMS schreiben oder eine E-Mail schicken, auch wenn sie darum gebeten wurden, dies nicht zu tun
Digitale Gewalt

Digitale Gewalt ist jedes Verhalten, bei dem ein Partner oder eine Partnerin das Internet nutzt, um den anderen zu verletzen, zu belästigen oder zu demütigen. Digitale Gewalt kann über soziale Medien, E-Mail, Online-Foren, Blogs oder andere interaktive Websites oder Apps erfolgen. Sie kann Folgendes beinhalten:

  • Das Senden von gemeinen oder bedrohlichen Nachrichten direkt an den Partner bzw. die Partnerin oder das öffentliche Posten dieser Nachrichten
  • Das Verbreiten von Gerüchten oder die Ermutigung anderer, den Partner bzw. die Partnerin zu belästigen
  • Öffentliche Bekanntgabe der privaten Informationen des Partners bzw. der Partnerin (z.B. Wohnadresse, Arbeitsplatz, Telefonnummer, Bankdaten oder andere persönliche Informationen)
  • Sich online als der Partner bzw. die Partnerin ausgeben
  • Erstellen von Fake-Profilen, um Zugriff auf das Profil des Partners bzw. der Partnerin zu erhalten, um ihn bzw. sie zu überwachen, zu stalken oder zu belästigen
  • Bilder des Partners bzw. der Partnerin ohne ihre Zustimmung posten
  • Stalking, Verfolgen oder Überwachen der Bewegungen des Partners bzw. der Partnerin im Internet
  • Installieren von Ortungsgeräten oder Apps auf Telefonen, Computern oder Tablets.

Besondere Formen der Gewalt

Die folgenden Sonderformen häuslicher Gewalt sind in einigen Ländern eigenständige Straftaten. Verschiedene Arten von Straftaten sind oft mit häuslicher Gewalt verbunden, wenn Familienmitglieder involviert sind.

Kinder-, Früh- und Zwangsheirat

Eine Kinderheirat liegt vor, wenn mindestens eine der Parteien ein Kind ist (in der Regel unter 18 Jahren, wie in der Konvention über die Rechte des Kindes definiert, aber dies kann in einigen Ländern anders sein).

Frühe Ehen betreffen eine Person unter 18 Jahren oder Ehen, bei denen beide Ehepartner 18 Jahre oder älter sind, aber andere Faktoren sie nicht bereit machen, der Heirat zuzustimmen, wie z.B. ihr körperlicher, emotionaler, sexueller und psychosozialer Entwicklungsstand.

Eine Zwangsehe ist jede Ehe, die ohne die volle und freie Zustimmung einer oder beider Parteien geschlossen wird, wenn eine oder beide Parteien nicht in der Lage sind, die Ehe zu beenden oder zu verlassen, oder infolge von Zwang oder starkem sozialen oder familiären Druck.

Weibliche Genitalverstümmelung (FGM)

Weibliche Genitalverstümmelung umfasst alle Verfahren, bei denen die äußeren weiblichen Genitalien teilweise oder vollständig entfernt werden.

Das Europäische Institut für Gleichstellungsfragen (EIGE) hat Schätzungen über die Anzahl der von FGM bedrohten Mädchen in Dänemark, Spanien, Luxemburg und Österreich veröffentlicht. Die Schätzungen zeigen, dass durch den Anstieg der Zahl der Migranten und Migrantinnen aus Ländern, die FGM praktizieren, die Zahl der gefährdeten Mädchen in Spanien, Luxemburg und Österreich seit 2011 in die Höhe getrieben hat. Das EIGE hat nun die Zahl der gefährdeten Mädchen in insgesamt 13 EU-Mitgliedstaaten berechnet.

Positiv hervorzuheben ist, dass dadurch, dass die Maßnahmen, die FGM in vielen der Herkunftsländer der Migranten und Migrantinnen bekämpfen, dort wirken, nahm in den letzten Jahren der Anteil der Mädchen mit besonders hohem FGM-Risiko in Spanien und Österreich ab. Die von FGM betroffenen Gemeinschaften in der EU haben ebenfalls größtenteils eine negative Einstellung zu dieser Praxis und glauben zudem, dass sie in ihren Herkunftsländern langsam ausstirbt.

Das EIGE schätzt, dass in Dänemark zwischen 11 und 21 % der Mädchen, die aus FGM-praktizierenden Ländern stammen, gefährdet sind (1.408 – 2.568 Mädchen). In Spanien beträgt der Anteil 9 – 15 % (3.435 – 6.025 Mädchen), 12 – 17 % in Luxemburg (102 – 136 Mädchen) und 12 – 18 % in Österreich (735 – 1.083 Mädchen). Asylsuchende Mädchen sind in allen Ländern einem höheren Risiko ausgesetzt, wobei der Anteil der gefährdeten Mädchen in Dänemark 37 %, in Luxemburg 19 % und in Österreich 31 % erreicht. Anti-FGM-Gesetzgebung und -Politik ist in allen vier Ländern der EIGE-Studie zu finden; alle Länder kriminalisieren FGM, auch wenn sie im Ausland durchgeführt wird. Allerdings ist der Schutz für Frauen und Mädchen, die in die EU einreisen wollen, um sich vor FGM zu schützen, schwächer. Von den vier untersuchten Ländern erkennt nur Luxemburg FGM formal als Asylgrund an. Während FGM in Dänemark, Spanien und Österreich ein Faktor für erfolgreiche Asylanträge war, sind solche Fälle selten. In Spanien werden die meisten FGM-bezogenen Anträge abgelehnt, weil FGM im Herkunftsland illegal ist, auch wenn sie in der Praxis noch stattfindet. Um FGM zu eliminieren, empfiehlt das EIGE den EU-Mitgliedsstaaten, spezielle Schulungen für Fachkräfte in Bereichen anzubieten, die mit betroffenen Gemeinschaften zu tun haben, wie z.B. Gesundheitswesen, Bildung, Strafverfolgung und Kinderschutz, Asyl und Migration. Das EIGE empfiehlt den Ländern außerdem, nationale Registrierungssysteme einzuführen, um Fälle von FGM zu erfassen, in Kampagnen an der Basis zu investieren und FGM im Asylsystem als eine Form der geschlechtsspezifischen Verfolgung anzuerkennen.

Quelle: https://eige.europa.eu/news/fgm-study-more-girls-risk-community-opposition-growing

Menschenhandel

Menschenhandel ist die Anwerbung, Beförderung, Verbringung, Beherbergung oder der Empfang von Personen durch die Androhung oder Anwendung von Gewalt oder anderen Formen der Nötigung, durch Entführung, Betrug, Täuschung, Missbrauch von Macht oder Ausnutzung besonderer Hilflosigkeit bei der Gewährung oder Entgegennahme von Zahlungen oder Vorteilen zur Erlangung des Einverständnisses einer Person, die Gewalt über eine andere Person hat, zum Zweck der Ausbeutung. Ausbeutung umfasst mindestens die Ausnutzung der Prostitution anderer oder andere Formen der sexuellen Ausbeutung, Zwangsarbeit oder Zwangsdienstbarkeit, Sklaverei oder Sklaverei-ähnliche Praktiken, Leibeigenschaft oder die Entnahme von Organen.

Sexuelle Ausbeutung/Zwangsprostitution

Der Begriff “sexuelle Ausbeutung” bezeichnet jeden tatsächlichen oder versuchten Missbrauch einer Position der Verletzlichkeit, der unterschiedlichen Macht oder des Vertrauens zu sexuellen Zwecken, einschließlich, aber nicht beschränkt auf den monetären, sozialen oder politischen Gewinn aus der sexuellen Ausbeutung eines anderen. Einige Arten von “Zwangsprostitution” können ebenfalls unter diese Kategorie fallen.

Verbrechen, die im Namen der Ehre begangen wurden

Ehrenbezogene Gewalt ist jede Form körperlicher (z.B. Körperverletzung, Vergewaltigung, Mord, Weibliche Genitalverstümmelung), physiologischer (z.B. psychischer Druck, Bedrohung, Entzug der persönlichen Freiheit) oder sozialer Gewalt (z.B. Bewegungseinschränkung, eingeschränkter Freundeskreis, Zwangskontrolle, Zwangsheirat, Menschenhandel), die innerhalb der Familie oder der Gemeinschaft im Namen der “Familienehre” ausgeübt wird.

Ehrenbezogene Gewalt bezieht sich auf Situationen, in denen eine Person nicht den sozialen, geschlechtsspezifischen oder familiären Rollen und Erwartungen folgt, die durch eine traditionelle Ideologie vorgegeben sind, oder in denen sie verdächtigt wird, die Keuschheitswerte einer Gemeinschaft gebrochen zu haben. Der Konflikt hängt nicht nur mit dem Verhalten einer Person zusammen, sondern auch mit Nachrede. Gewalt im Zusammenhang mit der Ehre ist nicht auf bestimmte Länder, ethnische Gruppen oder Religionen beschränkt, sondern kommt innerhalb verschiedener Gemeinschaften vor.

Ehrenbezogene Gewalt wird oft als Gewalt gegen Frauen und Mädchen gesehen. Es ist wichtig zu beachten, dass auch Männer, Jungen und Personen, die sich als schwul, lesbisch, bisexuell, transgender oder transsexuell identifizieren, die ehrenbedingte Gewalt und den psychischen Druck erfahren können.

Misshandlung älterer Menschen

Ältere Menschen sind in Bezug auf häusliche Gewalt in einer verletzlichen Situation Es lassen sich Risikofaktoren identifizieren, die ältere Menschen anfälliger für Misshandlungen machen.

Diese Risikofaktoren sind:

  • Alter über 80 Jahren
  • weibliches Geschlecht
  • finanzielle Probleme
  • schlechter Gesundheitszustand
  • kognitive Beeinträchtigungen
  • Mobilitätseinschränkungen
  • depressive Symptomatik
  • soziale Isolation.

Beispiele für Misshandlung älterer Menschen:

  • Körperliche Gewalt: kann z.B. das Zufügen von Schmerzen oder Verletzungen, körperliche Nötigung, Schläge, Ohrfeigen, Stoßen, Spucken, Medikamentenmissbrauch oder unangemessene Sanktionen umfassen.
  • Psychologische Gewalt: kann z.B. emotionale oder verbale Misshandlung, Berührungsentzug, Demütigung, Beschuldigung, Einschüchterung, Nötigung oder Rückzug aus unterstützenden Netzwerken umfassen.
  • Finanzielle Ausbeutung: kann z.B. illegale oder unsachgemäße Ausbeutung oder Verwendung von Geldern oder Ressourcen durch Diebstahl, Betrug, Nötigung, Druck in Verbindung mit Testamenten, finanzielle Transaktionen oder Missbrauch von Vollmachten umfassen.
  • Vernachlässigung oder Verlassen: kann die absichtliche oder unabsichtliche Verweigerung oder Nichterfüllung einer Betreuungspflicht einschließen, z.B. die Nichtbeachtung medizinischer oder körperlicher Pflegebedürfnisse, die Nichtgewährung des Zugangs zu Dienstleistungen, das Vorenthalten von Medikamenten, angemessener Ernährung oder Heizung oder die Nichtbereitstellung geeigneter Ausrüstung.

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