Modul 3: Kommunikation mit Opfern in Fällen häuslicher Gewalt

Ersthilfe
Häufig auftretende Fragen und Antworten
Häusliche Gewalt in den Medien

Einführung ins Thema

Häusliche Gewalt stellt ein großes öffentliches Gesundheitsproblem dar, das negative Folgen für die Gesundheit von Menschen hat. Zusätzlich zu akuten Verletzungen ist häusliche Gewalt mit einem insgesamt schlechten Gesundheitszustand und einer hohen Rate von Krankenhausaufenthalten verbunden. Krankenschwestern, Hebammen, Ärzte und andere Mitarbeitende des Gesundheitswesens sind oft die ersten professionellen Ansprechpartner für Opfer häuslicher Gewalt. Die Opfer suchen oft Gesundheitsdienste auf, um ihre Verletzungen behandeln zu lassen, auch wenn sie den damit verbundenen Missbrauch oder die Gewalt nicht offenlegen. Sie betrachten die Gesundheitsdienstleister als diejenigen Fachleute, denen sie bei der Offenlegung des Missbrauchs am ehesten vertrauen würden. In Ermangelung eines klaren Folgeprotokolls bleiben die meisten Opfer allerdings ohne jegliche weitere Unterstützung.

Lernziele

In diesem Modul werden die verschiedenen Möglichkeiten vorgestellt, wie man in Situationen, in denen man das Vorliegen häuslicher Gewalt vermutet, danach fragen kann. Des Weiteren werden die Ersthilfe nach Offenlegung häuslicher Gewalt vorgestellt, und wie man über Opfer häuslicher Gewalt in den Medien berichten sollte.


IMPRODOVA: Wie man auf eine Offenlegung reagiert

Das Video veranschaulicht, wie man in Fällen häuslicher Gewalt auf eine Offenlegung reagieren sollte.


Fallstudie: Häusliche Gewalt kann psychische Probleme verursachen

Mary ist eine berufstätige Frau in den Vierzigern, die während ihrer (inzwischen beendeten) 23-jährigen Ehe erheblicher häuslicher Gewalt ausgesetzt war. Sie verließ ihren sie misshandelnden Partner, nachdem die Gewalt so eskaliert war, dass ihre Sicherheit ernsthaft bedroht war.

„Was mir half, meinen Partner zu verlassen, war der Zugang zu Informationsmaterial über häusliche Gewalt. Ich erinnere mich, dass ich mit einer kleinen Publikation in der Hand dasaß und eine Liste verschiedener Arten von Misshandlungen durchlas: emotionale, psychologische, soziale, finanzielle und körperliche Misshandlungen sowie eine Liste mit häufigen Verhaltensweisen in den jeweiligen Formen von Gewalt. Ich befand mich wie in einem Schockzustand, weil ich die meisten der Formen mit den entsprechenden Verhaltensweisen auf der Liste ankreuzen und als „mein Leben“ wiedererkennen konnte. In dem Buch wurde auch der „Kreislauf der Gewalt“ erörtert, und ich konnte mich eng mit den darin beschriebenen Mustern identifizieren. Ich hatte mich immer für eine intelligente, gebildete Person gehalten, aber der „Kreislauf der Gewalt“ hatte in meinem Leben so viel Unheil angerichtet, dass ich nicht in der Lage war zu sehen, dass vieles eingesetzt wurde, um mich zu kontrollieren, und dass das Leben mit dem damit verbundenen Stress mich zunehmend körperlich krank machte. Ich konnte mich nicht länger selbst belügen.“

Nachdem sich Mary ihrem Hausarzt und ihren Freunden anvertraut hatte und nach vielen Gesprächen änderte sich ihr innerer Dialog. Sie fand die Kraft, sich dem Gewaltmuster zu stellen, selbstbewusster und entschlossener zu werden, wenn es darum ging, ihre Lebensumstände zu ändern.

„Es dauerte lange, lange Zeit, bis ich die Hoffnung, den Traum, dass sich die Dinge ändern würden, aufgegeben hatte. Ich hatte eine Strategie entwickelt, um missbräuchliche Ereignisse so schnell wie möglich zu vergessen, um damit fertig zu werden und sie auszuhalten. Es war oft ein enormer Schock, wenn mein Hausarzt oder Freunde mich an ein Ereignis oder daran erinnerten, wie ich mich damals gefühlt hatte. Ich hatte verzweifelt versucht, mich an die guten Dinge und Freundlichkeiten zu erinnern, die immer auf die Episoden häuslicher Gewalt folgten.

Ich kann mich nicht einmal daran erinnern, was an jenem Samstagabend der Auslöser war, aber er war sehr betrunken. Er hatte gerade den Job verloren, den er vor kurzem erst begonnen hatte. Ich saß stundenlang wie erstarrt vor Angst auf meinem Bett, während er mich anschrie, er wolle uns beide töten. Ich konnte nicht aus dem Haus gehen, aber ich schaffte es, mich in einem Schlafzimmer einzuschließen. Dort wartete ich, bis er am nächsten Tag aus dem Haus ging, bevor ich den Raum verließ. An diesem Tag ging ich zu meiner Mutter, um zu fragen, ob ich eine Weile bei ihr bleiben könnte. Aber sie hatte Angst. Ich ging nach Hause und schloss mich über Nacht wieder in meinem Zimmer ein. Am Montag fasste ich den Mut, zu meinem Hausarzt zu gehen und ihm von den Morddrohungen zu erzählen. Er riet mir, mich an die Polizei zu wenden, um Hilfe zu suchen. Die Polizei half mir dann, eine sichere Unterkunft zu finden. Ich ging nie wieder zurück nach Hause. Ich hatte nichts bei mir außer meiner Handtasche und der Kleidung, die ich trug.

In den ersten Wochen nach meiner Flucht aus dem Haus war ich sehr krank – sowohl körperlich als auch seelisch. Das Gefühl des Verlusts und der Trauer über das Leben, das ich in den letzten 23 Jahren gekannt hatte, war immens. Mein Zuhause, mein Garten, meine Haustiere und alles, was ich geschaffen hatte, befanden sich in diesem Haus. Ich konnte kaum funktionieren und brach Tag und Nacht ständig in Tränen aus – ich konnte es einfach nicht kontrollieren. Ich war extrem ängstlich. Ich konnte nicht essen; ich konnte nicht schlafen, ohne Alkohol zu trinken. Ich hatte das Gefühl, als würde ein elektrischer Strom durch meinen ganzen Körper vibrieren. Ich wollte einfach, dass alles aufhörte. Ich ertappte mich bei dem Gedanken, dass der heftige emotionale Aufruhr und die schmerzhaften körperlichen Symptome verschwinden würden, wenn ich wieder nach Hause ginge. Das war nicht das, was ich wollte, oder wie ich wollte, dass mein Leben verlief. Es war die schrecklichste und schmerzhafteste Zeit meines Lebens. Ich war unglaublich verletzlich und hatte Angst, dass mein Mann seine Selbstmorddrohungen wahr machen würde. Ich hatte Angst um meine eigene persönliche Sicherheit. Diesmal ging ich nicht zurück, obwohl ich es oft in Erwägung zog … Ich wusste, dass ich nicht überleben würde, wenn ich es täte. Ich wusste auch, dass die vielen kleinen Schritte, die ich mit Hilfe einer Reihe von Menschen, darunter auch mein Hausarzt, in Richtung Unabhängigkeit gemacht hatte, bedeuteten, dass ich nun die Kraft, Gesundheit und Unterstützung hatte, für immer wegzugehen und weg zu bleiben.“

Aufgaben

a) Was hat der Arzt getan, um Mary zu helfen?
b) Welche Agenturen und Fachleute waren möglicherweise an der Unterstützung und/oder Bereitstellung von Diensten für Mary beteiligt?
c) Stellen Sie eine Liste der verschiedenen Fachkräfte auf, die in Ihrer Organisation das multidisziplinäre Team bilden und die an der Erbringung von Dienstleistungen für Menschen, die häusliche Gewalt erlebt haben, beteiligt sein könnten (dies hängt von Ihrem Wohnort ab).
d) Sind Sie der Meinung, dass nun alles in Ordnung ist? Wenn Sie Mary sieben Jahre später wiedertreffen würden, was glauben Sie, wie ihre Situation sein könnte? Nennen Sie die verschiedenen Möglichkeiten und die Wahrscheinlichkeit, dass diese eintreten werden.

Die Antworten auf diese Aufgaben sind in den entsprechenden Abschnitten dieses Moduls zu finden.

„Es ist nun sieben Jahre her, dass ich meinen Ehemann verlassen habe. Ein paar Monate, nachdem ich weggegangen und in ein neues Zuhause umgesiedelt war, brach mein früherer Mann in mein Haus ein und griff mich an. Ich dachte ernsthaft, ich würde in dieser Nacht sterben. Kurz nachdem er gegangen war, kam ein Freund, der sah, dass ich verletzt und durcheinander war, und darauf bestand, dass wir die Polizei riefen. Ich erhob Anklage gegen meinen Mann und veranlasste eine einstweilige Verfügung. Obwohl ich wusste, dass die Polizei mich unterstützte, fühlte ich mich nie ganz sicher, da er erneut gedroht hatte, uns beide zu töten. Die folgenden sechs Monate waren die einsamste Zeit in meinem Leben, da ich allein in diesem leeren Haus war und Angst hatte, er würde zurückkommen. Freunde und Familie hatten Angst, mich zu besuchen. Ich begann, Alkohol zu trinken, um damit fertig zu werden und meine Gefühle zu betäuben. Ich trank ziemlich lange zu viel.

Freunden und Verwandten wurde bewusst, dass ich zu viel und zu regelmäßig trank, und sie konfrontierten mich damit. Ich ging deswegen einige Male zu einem Psychologen. Die meiste Zeit war ich verzweifelt, aufgeregt und ängstlich. Ich fühlte mich schrecklich, weil ich mir Alkohol kaufte. Ich trank nie, wenn ich ausging oder wenn ich in Gesellschaft war. Aber sobald ich die Haustür hinter mir geschlossen hatte, schenkte ich mir ein Glas Wein ein. Oft konnte ich nicht aufhören, bis ich, nachdem ich stundenlang fast wie besessen das Haus geputzt hatte, ins Bett fiel.

Ich habe meine Ehe verlassen und überlebt, aber obwohl die risikoreichste Zeit kurz nach meinem Weggang weit hinter mir liegt, habe ich bis heute anhaltende gesundheitliche und psychologische Probleme. Wiederkehrende Albträume sind für mich ein anhaltendes Thema. Es ist nicht ungewöhnlich, dass ich zwei- bis dreimal pro Woche schreiend und unglaublich verzweifelt aufwache. Selbst auf Aggressionen im Fernsehen reagiere ich sehr empfindlich. Allein die Beobachtung von Aggressionen löst bei mir Albträume aus. Ich habe auch anhaltende Schlafprobleme gehabt. Ich wachte nachts häufig auf und konnte nicht wieder einschlafen.

Arbeit und finanzieller Druck können neue Angstzustände auslösen, die ich nicht unter Kontrolle zu bringen vermag. Diese Episoden können wochenlang andauern, wenn ich trotz der Einnahme von Antidepressiva mit einem inneren Zittern, einem Flattergefühl in der Brust und einem Klopfen in den Schläfen und enormer Anspannung lebe. Während solcher Episoden steigt mein Blutdruck beträchtlich an, ich fühle mich sehr, sehr unwohl, kann nicht schlafen und meine Arbeit und meine Beziehungen leiden darunter. Ich fange einfach an, mich zu verstecken und alles zu meiden, was die Anspannung und die Angst noch verschlimmert. In den letzten sieben Jahren hatte ich zudem drei schwere Episoden von Colitis Ulcerosa. Die Auswirkungen auf mein Berufsleben waren aufgrund meiner Gesundheits- und Schlafprobleme beträchtlich. Ich musste mich zeitweise recht häufig krankschreiben lassen.

Mein Hausarzt hat mir geholfen, endlich zu verstehen, dass ich an einer posttraumatischen Belastungsstörung (PTSD) leide, die mit Medikamenten und Therapie behandelt und bewältigt werden muss. Es war wirklich eine Erleichterung, jemanden zu haben, der meine Probleme als PTBS identifiziert hat. Mein Arzt begann, mit mir gemeinsam nach Möglichkeiten zur Behandlung zu suchen. Ich gewinne allmählich wieder das Gefühl der Kontrolle. Ich sehe, dass die Dinge nicht so hoffnungslos sind und dass ich mich mit der Zeit nicht mehr so erschöpft und überwältigt fühlen werde. Ich bin durch die Müdigkeit ein wenig lethargisch geworden. Ich hatte das Gefühl, dass ich nicht für die Zukunft planen konnte, weil ich einfach keine Energie hatte. Ich kann nicht sagen, dass ich glücklich war oder dass ich das Leben genossen habe. Alles, was mir gelungen ist, ist immer wieder einen Fuß vor den anderen zu setzen, um das Leben zusammenzuhalten.

Wenn ich jetzt zurückblicke, wird mir klar, was für eine zentrale Rolle mein Arzt in all den Jahren hatte. Am hilfreichsten war, dass er mich daran erinnerte, warum ich das letzte Mal zu ihm gekommen war, als er mich danach gefragt hatte, wie es in den folgenden ein oder zwei Wochen gelaufen war. Er zwang mich, mich dem beträchtlichen Kummer und den Auswirkungen auf meine Gesundheit zu stellen und mich mit der aktuellen Situation und meiner geistigen und körperlichen Gesundheit in Beziehung zu setzen.“

Aufgaben

a) Welche Gesundheitsprobleme hat Mary noch sieben Jahre, nachdem sie den Täter verlassen hat?
b) Ist dies ein ungewöhnlicher Verlauf der Ereignisse?
c) Was hat letztlich den Unterschied ausgemacht, dass Mary sich besser fühlt?
d) Was fand Mary im Gespräch mit ihrem Arzt hilfreich? Warum war das hilfreich?

Die Antworten auf diese Aufgaben sind in den entsprechenden Abschnitten dieses Moduls zu finden.

Adaptiert nach einer Fallstudie aus RACGP (2014): Abuse and Violence: Working with our patients in general practice


Rahmenbedingungen für ein Gespräch über häusliche Gewalt

Zunächst einmal: Scheuen Sie sich nicht, zu helfen, auch wenn Sie nicht genau wissen, was Sie in einer bestimmten Situation tun sollen. Wichtig ist, dass man überhaupt mit dem Opfer ins Gespräch kommt.

Sich Zeit für das Opfer nehmen

  • Man sollte einen Ort zum Reden wählen, an dem niemand mithören kann (aber keinen Ort, der anderen aufzeigt, warum man dort ist).
  • Man sollte dem Opfer versichern, dass man niemandem gegenüber wiederholen wird, was es sagt, und dass man niemandem, der es nicht wissen muss, gegenüber erwähnen wird, dass es dort war. Wenn man verpflichtet ist, die Situation zu melden, erklärt man, warum man was an wen melden muss.

Eröffnung des Gesprächs

  • Man ermutigt das Opfer zunächst zum Reden und zeigt, dass man zuhört.

Vorurteilsfrei sein und zuhören

  • Man ermutigt das Opfer dazu, weiterzureden, wenn es das wünscht, aber man zwingt es nicht zum Reden („Wollen Sie mir mehr dazu sagen?“).
  • Man erlaubt Stille. Wenn das Opfer weint, gibt man ihm bzw. ihr Zeit, sich zu erholen.
  • Man ist stets offen, ehrlich, urteilsfrei, einfühlsam und unterstützend.

Achten Sie auf die Warnzeichen

  • Viele Opfer versuchen, die häusliche Gewalt zu verbergen. Sie müssen sich der Indikatoren bewusst sein, die mögliche Hinweise dafür sein könnten.

Dem Opfer glauben, …

  • … auch wenn seine/ihre Geschichte unglaubwürdig erscheint.

Validieren Sie die Gefühle des Opfers

  • Manchmal drücken die Opfer widersprüchliche Gefühle über den Täter/die Täterin und ihre Situation aus (Schuld vs. Wut; Hoffnung vs. Verzweiflung; Liebe vs. Angst). Lassen Sie das Opfer wissen, dass es üblich (normal) ist, diese widersprüchlichen Gefühle zu haben. Gleichzeitig sollten Sie aber betonen, dass Gewalt nicht in Ordnung ist und dass es nicht normal ist, in ständiger Angst davor zu leben, angegriffen oder verletzt zu werden. Selbst wenn das Opfer Gründe dafür angibt, bei dem Täter oder der Täterin zu bleiben, bedeutet Angst, dass die Beziehung nicht gesund ist.
  • Teilen Sie dem Opfer – ohne zu verurteilen – mit, dass seine/ihre Situation gefährlich ist und dass Sie um seine/ihre Sicherheit besorgt sind.
Mit Patienten bzw. Patientinnen über Gewalt sprechen

In jeder Situation, in der man das Vorliegen häuslicher Gewalt vermutet, kann man indirekt oder direkt danach fragen. Wenn man Bedenken hat, dass ein Patient oder eine Patientin häusliche Gewalt erlebt, sollte man darum bitten, mit ihm oder ihr allein zu sprechen – getrennt vom Partner bzw. der Partnerin oder anderen Familienmitgliedern. Es ist wichtig zu verstehen, dass sich das Opfer sehr oft selbst die Schuld gibt oder versucht, den Täter oder die Täterin zu schützen. Zu Beginn einer Situation, die misstrauisch macht, kann man immer allgemeine Fragen darüber stellen, ob die gegenwärtige Beziehung oder andere häusliche Beziehungen des Patienten oder der Patientin sich auf seine oder ihre Gesundheit und sein bzw. ihr Wohlbefinden auswirken. Es ist wichtig, unvoreingenommen zuzuhören.

Das Thema häusliche Gewalt sollte nur dann mit einem Patienten bzw. einer Patientin angesprochen werden, wenn man unter vier Augen mit ihm bzw. ihr allein ist. Die Begleitperson sollte gegebenenfalls darum gebeten werden, woanders zu warten. Es ist wichtig zu wissen, dass einige Opfer, die zu häuslicher Gewalt befragt werden, sich eher offenbaren, wenn sie in einer für sie sicheren Umgebung befragt werden.

Auch wenn ein Patient bzw. eine Patientin von einer Person desselben Geschlechts begleitet wird, könnte diese Person mit dem Täter bzw. der Täterin verwandt sein oder der Täter bzw. die Täterin sein.

Wie Patienten bzw. Patientinnen gefragt werden können

Hier sind einige Aussagen, die man machen kann, um das Thema Gewalt anzusprechen, bevor man direkte Fragen stellt:

  • „Viele Menschen haben Probleme mit ihrem Ehemann bzw. ihrer Ehefrau oder Partner bzw. Partnerin oder mit jemandem, mit dem sie zusammenleben.“
  • „Ich habe Menschen mit Problemen wie Ihren gesehen, die zu Hause Schwierigkeiten hatten.“
  • „Versucht Ihr Partner bzw. Ihre Partnerin, Sie zu kontrollieren, indem er bzw. sie Ihnen beispielsweise kein Geld gibt oder Sie nicht aus dem Haus lässt?“
  • „Wurden Sie unter Druck gesetzt oder gezwungen, sexuell etwas zu tun, das Sie nicht wollten?“

Im Falle vermuteter Gewalt im häuslichen Umfeld:

  • „Wie läuft es zu Hause?“
  • „Wie kommen Sie und Ihr Partner bzw. Ihre Partnerin/andere Familienmitglieder miteinander aus?“
  • „Passiert sonst noch etwas, das Ihre Gesundheit beeinträchtigen könnte?“

Neben indirekten Fragen kann man auch direkte Fragen zu jeglicher Gewalt stellen.

Zum Beispiel:

  • „Gibt es Zeiten, in denen Sie Angst vor Ihrem Partner bzw. Ihrer Partnerin oder einem anderen Familienmitglied haben?“
  • „Sind Sie um Ihre Sicherheit oder um die Sicherheit Ihrer Kinder besorgt?“
  • „Fühlen Sie sich durch die Art, wie Ihr Partner bzw. Ihre Partnerin oder ein anderes Familienmitglied Sie behandelt, unglücklich oder deprimiert?“
  • „Hat Ihr Partner bzw. Ihre Partnerin oder ein anderes Familienmitglied Sie jemals verbal eingeschüchtert oder verletzt?“
  • „Hat Ihr Partner bzw. Ihre Partnerin oder ein anderes Familienmitglied Sie jemals physisch bedroht oder verletzt?“
  • „Hat Ihr Partner bzw. Ihre Partnerin oder ein anderes Familienmitglied Sie jemals zum Sex gezwungen, obwohl Sie es nicht wollten?“
  • „Versucht Ihr Partner bzw. Ihre Partnerin oder ein anderes Familienmitglied, Sie zu kontrollieren, indem er bzw. sie Ihnen beispielsweise kein Geld gibt oder Sie nicht aus dem Haus lässt?“
  • „Häusliche Gewalt kommt sehr häufig vor. Ich frage viele meiner Patienten und Patientinnen nach erlebtem Missbrauch, denn niemand sollte in Angst vor seinem Partner bzw. seiner Partnerin oder einem anderen Familienmitglied leben müssen.“

Wenn man bestimmte klinische Symptome sieht, und man sich seines Verdachts sicher ist, kann man dazu spezifische Fragen stellen (z. B. Blutergüsse). Dazu zählen:

  • „Sie scheinen sehr ängstlich und nervös zu sein. Ist zu Hause alles in Ordnung?“
  • „Wenn ich solche Verletzungen sehe, frage ich mich, ob Sie jemand verletzt haben könnte.“
  • „Gibt es noch etwas, worüber wir nicht gesprochen haben, das zu diesem Zustand beitragen könnte?“
Wenn ein Opfer häusliche Gewalt offenlegt

Die Befragung von Opfern häuslicher Gewalt sollte mit einer wirksamen Intervention verbunden sein, die eine unterstützende Reaktion, eine angemessene medizinische Behandlung und/oder Betreuung nach Bedarf und/oder eine Überweisung zu einer Schutzeinrichtung umfasst.

Sie sollten

  • zuhören.
  • vermitteln, dass Sie dem Opfer glauben.
  • die Entscheidung zur Offenlegung validieren.
  • betonen, dass Gewalt nicht in Ordnung ist.
  • deutlich machen, dass das Opfer nicht schuld ist.
  • keine Fragen stellen, die bei dem Opfer Stress und ein Gefühl der Ohnmacht auslösen könnten.
Sich nach den Bedürfnissen und Anliegen des Opfers erkundigen

Wenn man sich die Geschichte des Opfers anhört, sollte man besonders darauf achten, was er oder sie über seine bzw. ihre Bedürfnisse und Anliegen sagt – und auf das, was nicht gesagt, sondern mit Worten oder Körpersprache angedeutet wird. Man kann das Opfer über körperliche, emotionale oder ökonomische Bedürfnisse, über die eigenen Sicherheitsbedenken oder soziale Unterstützung, die er oder sie braucht, informieren. Die folgenden Techniken können angewendet werden, um dem Opfer zu helfen, seine bzw. ihre Bedürfnisse auszudrücken, und um sicherzugehen, dass man verständnisvoll ist.

Fragen sollten als Einladung zum Sprechen formuliert werden.

„Worüber möchten Sie sprechen?“

Es sollten offene Fragen gestellt werden, um das Opfer zum Reden zu ermutigen, anstatt Ja oder Nein zu sagen.

„Was halten Sie davon?“

Was das Opfer sagt, sollte wiederholt werden, um das eigene Verständnis zu überprüfen.

„Sie erwähnten, dass Sie sich sehr frustriert fühlen.“

Die Gefühle des Opfers sollten reflektiert werden.

„Es klingt, als ob Sie sich darüber ärgern…“

Dem Opfer sollte geholfen werden, die eigenen Bedürfnisse und Sorgen zu erkennen und zum Ausdruck zu bringen.

„Gibt es etwas, das Sie brauchen oder über das Sie sich Sorgen machen?“

Was das Opfer zum Ausdruck gebracht hat, sollte zusammengefasst werden.

„Sie scheinen zu sagen, dass …“

Es sollten keine suggestiven Fragen gestellt werden.

„Ich könnte mir vorstellen, dass Sie das verärgert hat, nicht wahr?“

Es sollten keine „Warum“-Fragen gestellt werden. Es könnte beschuldigend klingen.

„Warum haben Sie das getan…?“

Das Opfer sollte verstehen, dass seine bzw. ihre Gefühle normal sind, dass es sicher ist, diese auszudrücken, und dass es ein Recht darauf hat, ohne Gewalt und Angst zu leben.

Man sollte das Opfer wissen lassen, dass man aufmerksam zuhört, dass man versteht, was er oder sie sagt, und dass man glaubt, was gesagt wird, ohne zu urteilen oder Bedingungen zu stellen.

Wichtige Dinge, die man sagen kann:

  • „Es ist nicht Ihre Schuld.“
  • „Es ist okay, zu reden.“
  • „Hilfe ist verfügbar.“ [Dies sollte man nur sagen, wenn es wahr ist.]
  • „Was passiert ist, kann nicht gerechtfertigt oder entschuldigt werden.“
  • „Niemand verdient es, von seinem Partner bzw. seiner Partnerin in einer Beziehung geschlagen zu werden.“
  • „Sie sind nicht allein. Leider haben sich auch viele andere Menschen diesem Problem stellen müssen.“
  • „Ihr Leben, Ihre Gesundheit, Sie sind von Wert.“
  • „Jeder verdient es, sich zu Hause sicher zu fühlen.“
  • „Ich bin besorgt, dass sich dies auf Ihre Gesundheit auswirken könnte.“

Wann Sie die Polizei rufen sollten:

  • wenn es aktiv zu Gewalt kommt;
  • wenn Sie hören oder sehen, dass körperliche Misshandlungen stattfinden;
  • wenn Kinder und/oder Ältere in diese Situationen verwickelt sind.
Einsetzen eines Dolmetschers bzw. einer Dolmetscherin

Wenn die Sprachkenntnisse des Opfers ein Hindernis für die Erörterung dieser Fragen darstellen, sollte man mit einem qualifizierten Dolmetscher bzw. einer qualifizierten Dolmetscherin oder einem Vertreter bzw. einer Vertreterin der örtlichen Fachstelle für häusliche Gewalt zusammenarbeiten. Derjenige bzw. diejenige sollte das gleiche Geschlecht wie das Opfer haben und eine Vertraulichkeitsvereinbarung unterschreiben. Dolmetscher bzw. Dolmetscherinnen sollten den genauen Wortlaut des Opfers wiedergeben. Zu Beginn des Gesprächs sollte der Dolmetscher bzw. die Dolmetscherin sorgfältig die Richtlinien durchgehen (z. B. Vertraulichkeit, Rechte des Opfers, um eine Pause zu bitten). Im Gespräch sollte man das Opfer ansehen und mit ihm bzw. ihr sprechen. Der Partner bzw. die Partnerin des Opfers, andere Familienmitglieder oder Kinder sollten nicht als Dolmetscher eingesetzt werden. Es könnte die Sicherheit des Opfers gefährden oder es könnte ihnen unangenehm sein, über ihre Situation zu sprechen. Wenn eine Sprachgruppe in einem Land sehr klein ist, besteht immer die Gefahr, dass sich das Opfer und der Dolmetscher bzw. die Dolmetscherin direkt oder indirekt kennen. Fragen Sie daher immer, ob das Opfer Präferenzen bezüglich des Dolmetschers bzw. der Dolmetscherin hat. Gehen Sie nicht davon aus, dass Sie wissen, welchen Hintergrund, welches Geschlecht oder welches Herkunftsland des Dolmetschers bzw. der Dolmetscherin vom Opfer bevorzugt werden.

Sonderfall: Wenn der Patient bzw. die Patientin ein Kind ist

Hausärzte bzw. Hausärztinnen sind oft die erste Anlaufstelle für Familien unter Stress und für Kinder, die von Missbrauch bedroht sind. Es ist wichtig, sich der Möglichkeit des Missbrauchs bewusst zu sein, wenn Kinder emotionale Probleme haben, Verhaltensauffälligkeiten zeigen oder unerklärliche Verletzungen aufweisen, oder wenn man weiß, dass ein Elternteil Gewalt erlebt.

Im Rahmen einer Beratung oder Behandlung kann es sehr schwierig sein, definitiv zu wissen, dass die Grundursache der Vorstellung Missbrauch oder Vernachlässigung ist. Die Familie kann auch aktiv versuchen, den Missbrauch oder die Vernachlässigung zu verbergen.

Kindesmissbrauch kann auf unzählige Arten auftreten, und die Auswirkungen sind von Kind zu Kind unterschiedlich. Während bei einigen Kindern Blutergüsse oder Verletzungen auftreten können, die Verdacht erregen, ist dies nicht immer der Fall. Bei der Mehrheit der Kinder gibt es jedoch seltener direkte körperliche Verletzungen. Viel problematischer sind die langfristigen Auswirkungen von Gewalt auf die neurologische, kognitive und emotionale Entwicklung und Gesundheit des Kindes.

Es gibt Kinder, die überhaupt nicht reden wollen. Andere legen häusliche Gewalt indirekt offen, indem sie die Einzelheiten nur nach einer Aufforderung oder auf Umwegen mitteilen: „Manchmal verärgert mein Stiefvater meine Mutter.“ Das Kind hofft, dass der Hinweis, den es gibt, aufgegriffen wird. Viele Kinder sind unsicher, weil der Täter bzw. die Täterin jemand ist, den sie lieben. Man sollte daran denken, dass Indikatoren für häusliche Gewalt, insbesondere in Bezug auf Kinder, auch Anzeichen für etwas anderes sein können (z. B. Mobbing, traumatische Ereignisse, die nicht mit häuslicher Gewalt zusammenhängen).

Bieten Sie eine geschlechtersensible und kinder- oder jugendzentrierte Ersthilfe an. Diese beinhaltet:

  • respektvolles und einfühlsames Zuhören;
  • das Erkundigen nach den Sorgen, Anliegen und Bedürfnissen des Kindes oder Jugendlichen und der Beantwortung aller Fragen;
  • das Anbieten einer nicht wertende und bekräftigende Antwort;
  • das Ergreifen von Maßnahmen, um ihre Sicherheit zu erhöhen und Schäden zu minimieren, einschließlich derer, die durch die Offenlegung entstehen, und, wenn möglich, der Wahrscheinlichkeit, dass der Missbrauch weitergeht; dies schließt die Gewährleistung der visuellen und auditiven Privatsphäre ein;
  • die Bereitstellung von emotionaler und praktischer Unterstützung durch Erleichterung des Zugangs zu psychosozialen Diensten;
  • die Bereitstellung altersgerechter Informationen darüber, was getan wird, um sie zu versorgen, einschließlich der Frage, ob ihre Offenlegung des Missbrauchs den zuständigen Behörden gemeldet werden muss;
  • die rechtzeitige Betreuung der Kinder entsprechend ihren Bedürfnissen und Wünschen;
  • die Priorisierung der unmittelbaren medizinischen Bedürfnisse und der Erstversorgung;
  • die Umgebung und die Art und Weise, in der die Hilfe geleistet wird, altersgerecht zu gestalten sowie sensibel für die Bedürfnisse derjenigen zu sein, die mit Diskriminierung konfrontiert sind, z. B. aufgrund einer Behinderung oder der sexuellen Orientierung;
  • die Minimierung der Notwendigkeit für die Betroffenen, mehrere Beratungsstellen aufzusuchen;
  • die Befähigung der nicht-missbrauchenden Betreuungspersonen durch Informationen, um mögliche Symptome und Verhaltensweisen zu verstehen, die das Kind oder der Jugendliche in den kommenden Tagen oder Monaten zeigen könnte, und wann sie weitere Hilfe suchen sollten.

Quelle: https://www.who.int/reproductivehealth/publications/violence/clinical-response-csa/en/

Das Kind sollte nicht „verhört“ werden. Man sollte einfache Fragen stellen, wie z. B.:

  • „Gibt es etwas, über das du traurig oder besorgt bist?“
  • „Manche Kinder können zu Hause Angst bekommen. Was, glaubst du, macht ihnen Angst?“

Das Kind sollte beruhigt werden. Man könnte Folgendes sagen:

  • „Ich glaube dir.“
  • „Ich bin froh, dass du zu mir gekommen bist.“
  • „Es tut mir leid, dass das passiert ist.“
  • „Du bist nicht schuld.”
  • „Wir werden gemeinsam etwas tun, um Hilfe zu bekommen.“

Der/Die SUPER-ZUHÖRER/IN wurde von Kindern und Jugendlichen entwickelt, die häusliche Gewalt erfahren haben. Das Partizipationsprojekt „Power Up/Power Down“ hat untersucht, wie vom Gericht verfügte Umgangsprozesse für Kinder verbessert werden können. Die beteiligten Kinder waren der Meinung, dass es wichtig sei, dass alle Erwachsenen, die mit Kindern arbeiten würden, wüssten, was eine/n SUPER-ZUHÖRER/IN ausmache.

Der/die SUPER-ZUHÖRER/IN wurde im Rahmen des Projektes Improving Justice in Child Contact (IJCC) übersetzt. Dieses Projekt hat das Ziel, die Beteiligung von Kindern an Umgangsrechtsentscheidungen in fünf europäischen Staaten zu verbessern.

Sonderfall: Häusliche Gewalt gegenüber LGBTIQ-Personen

LGBTIQ-Personen können – je nach Gruppe – die folgenden Formen häuslicher Gewalt erleben.

Lesbische, schwule oder bisexuelle Menschen:

  • Ihre Sexualität kann gegen sie verwendet werden, z. B. durch Drohungen, sie vor der Familie/der Gemeinschaft/dem Arbeitsplatz zu „outen“.
  • Sie können von der Gemeinschaft oder ihrer Familie abgeschnitten werden.
  • Sie können unter Druck gesetzt werden, sich den Geschlechts- oder Gender-Normen anzupassen.

Transsexuelle, intersexuelle und geschlechtlich vielfältige Menschen:

  • Sie können wegen ihres Körpers/ihres Aussehens/ihrer Identität lächerlich gemacht werden.
  • Ihnen kann der Zugang zu medizinischer Behandlung oder Hormonen verweigert werden oder sie können gezwungen werden, sich medizinisch behandeln zu lassen.
  • Sie können bedroht oder gemobbt werden, wenn sie sich „outen“.

Zu den möglichen Barrieren für den Zugang zu Unterstützung bei LGBTIQ-Personen gehören:

  • nicht zu wissen, wo sie formelle Unterstützung suchen können, sich zu scheuen, sich „Mainstream“-Unterstützung zu suchen, und kaum informelle Unterstützungsnetzwerke zu haben;
  • Angst vor Diskriminierung, Homophobie, Heterosexismus, Transphobie und gesellschaftlichen Konstruktionen rund um das Geschlecht;
  • Angst, wegen ihres Geschlechts/ihrer Sexualität „geoutet“ zu werden;
  • nicht in der Lage zu sein, missbräuchliches Verhalten zu erkennen – aufgrund der weit verbreiteten Annahme, dass häusliche Gewalt nur in heteronormativen Beziehungen auftritt;
  • Furcht, nicht ernst genommen zu werden;
  • Scheu davor, negative Aufmerksamkeit auf die LGBTIQ-Community zu lenken;
  • Unsicherheit über ihre gesetzlichen Rechte, insbesondere wenn Kinder involviert sind oder sie das Vermögen mit dem Täter bzw. der Täterin geteilt haben.

Wie können Sie Ihre Reaktion inklusiver gestalten?

Auf individueller Ebene

  • Nehmen Sie eine nicht wertende und akzeptierende Haltung ein.
  • Vermeiden Sie Annahmen über Geschlecht oder Heterosexualität – hören Sie der Person und ihren Erfahrungen wirklich zu.
  • Sichern Sie bei Bedarf Vertraulichkeit über die sexuelle Orientierung/Geschlechtsgeschichte zu.

Auf Praxis-Ebene

  • Bauen Sie sensible, kulturell angemessene Überweisungsnetzwerke für LGBTIQ-Menschen auf.
  • Pflegen Sie aktive Partnerschaften mit LGBTIQ-Organisationen.
  • Ermutigen Sie Ihre Praxisangestellten zur Teilnahme an LGBTIQ-Schulungen.
  • Legen Sie LGBTIQ-Materialien im Wartezimmer aus.
  • Stellen Sie sicher, dass die Kommunikation und Aufklärungsmaterialien LGBTIQ-sensibel sind.

Quelle: https://www.racgp.org.au/familyviolence/resources.htm

Sonderfall: Verbesserte Reaktionen auf Flüchtlings- und Migrantengemeinschaften

1. Erkundigen

Fragen Sie nach den Erfahrungen des Opfers vor der Migration und nach ihrem kulturellen Kontext. Es ist wichtig, die Weltanschauung von Opfern häuslicher Gewalt zu kennen, um den Kontext ihrer Erfahrungen, Entscheidungsfindungen und Herausforderungen zu verstehen.

Beispiele für Fragen, die in diesem Kontext gestellt werden können:

Vor der Migration

  • Aus welchem Land kommen Sie?
  • Wie lange leben Sie schon in Deutschland?
  • Kam Ihre ganze Familie hierher?
  • Können Sie mir ein wenig über Ihre Reise nach Deutschland erzählen?
  • Wie war das Leben in Ihrem Herkunfts- oder Übergangsland?

Ankunft

  • Wie haben Sie und Ihre verschiedenen Familienmitglieder sich an das Leben hier angepasst?
  • Wie geht es den Kindern in der Schule?
  • Wie geht es Ihnen an der Arbeit/in Ihrem Studium/beim Deutschunterricht?
  • Was waren positive Erfahrungen für Sie?
  • Auf welche Hindernisse sind Sie bei der Anpassung an das Leben in Deutschland gestoßen?

Kultureller Kontext

  • Was sind die Erwartungen an Frauen/Männer in Ihrer Familie und Gemeinde? Was passiert, wenn diese Erwartungen nicht erfüllt werden?
  • Was passiert, wenn eine Frau/ein Mann innerhalb der Familie nicht gut behandelt wird? Wie wird das in der Gemeinschaft wahrgenommen?

2. Bewusst machen

  • Seien Sie sich bewusst, dass es Unterschiede zwischen den Rechts- und Unterstützungssystemen in verschiedenen Ländern gibt.
  • Erklären Sie das System, einschließlich der Rolle von Polizei, Gerichten und Zufluchtsorten. Seien Sie sich bewusst, dass die Angst vor Behörden dazu führen kann, dass das Opfer zögert, die Polizei oder staatliche Dienste einzuschalten.
  • Betonen Sie, dass jeder ein Recht darauf hat, sich in seinem Zuhause sicher zu fühlen.
  • Stellen Sie klar, dass häusliche Gewalt mehr als nur körperliche Gewalt ist, sondern auch emotionale, sexuelle, wirtschaftliche und soziale Gewalt umfasst.

3. Erklären

Erklären Sie, welche Dienste es gibt, wie sie arbeiten (kostenlos und vertraulich), wie sie das Opfer befähigen, seine eigenen Entscheidungen zu treffen, und wie sie bei der Sicherheit helfen können.

Was kann noch sinnvoll sein?

  • Erklären Sie die Vertraulichkeit (ärztliche Schweigepflicht).
  • Verwenden Sie eine/n professionelle/n Dolmetscher/in.
  • Bitten Sie um Erlaubnis, bevor Sie Fragen stellen.
  • Melden Sie sich beim Opfer, um zu sehen, wie es ihm/ihr geht.
  • Überweisen Sie ihn/sie an eine spezialisierte Organisation zur weiteren Unterstützung.

Quelle: https://www.racgp.org.au/familyviolence/resources.htm


Interview mit einer an einem Arbeitskreises für geflüchtete Opfer häuslicher Gewalt Beteiligten
Wie kommt ihr mit Betroffenen häuslicher Gewalt in Kontakt?

Klient*innen, wobei die überwiegende Zahl der betroffenen Personen Frauen sind, werden z. B. von Frauenhäusern oder Sozialstellen an uns weitervermittelt und wir beraten sie in rechtlichen Angelegenheiten (z. B.: Wie geht es mit meinem Asylverfahren weiter? Was passiert mit meinem Aufenthaltstitel?) oder bieten ihnen psychosoziale Unterstützung an. Gerade im Rahmen der psychosozialen Unterstützung entsteht eine vertrauliche Beziehung zu den Klientinnen, die es möglich macht, Traumafolgestörungen als Folge von Erfahrungen häuslicher Gewalt zu erfassen. Wichtig ist hierbei aber, dass neben all den offensichtlichen Themen, zu denen wir als psychosoziale Flüchtlingsunterstützung hinzugezogen werden (z. B. Aufenthaltssicherung oder Verbesserung der psychischen Gesundheit), häusliche Gewalt ein weiteres Thema sein kann.

Welche Unterstützung bietet ihr geflüchteten Frauen an?

Sowohl die Gemeinnützige Gesellschaft zur Unterstützung Asylsuchender e.V. (GGUA) als auch Refugio als ein Arbeitsbereich der GGUA und der Arbeiterwohlfahrt (AWO) bieten seit einigen Jahren niedrigschwellige Angebote als Präventionsmaßnahmen an, die sozial isolierten Frauen die Möglichkeit bieten, sich zu vernetzen. Dazu gehört z. B. das „QUASSEL CAFE“, das einmal im Monat stattfindet und ein Treffpunkt für Frauen mit und ohne Migrationshintergrund ist. Sie können sich dort austauschen, die Sprache üben oder gemeinsam etwas unternehmen. Über eine spezielle Frauengruppe, die Refugio anbietet, treffen sich – mit therapeutischer oder pädagogischer Begleitung – Teilnehmerinnen, die gemeinsam darüber sprechen, wie sie aus der Isolation kommen und Kontakte knüpfen können, oder wie ein verbesserter Umgang mit Stress und psychischer Belastung funktionieren kann. Einige geflüchtete Frauen leben sehr isoliert, haben kaum Kontakt zu (gleichsprachigen) Menschen in den Unterkünften und leiden unter Einsamkeit. Wir bieten bei diesen Angeboten auch ein sogenanntes Genusstraining an, d.h., es gibt dabei positive Erlebnisse oder Erfahrungen, die den Frauen guttun. So sind die niedrigschwelligen Angebote auch eine Vorstufe für Opfer häuslicher Gewalt, um einen ersten Kontakt nach außen zu knüpfen. Sie lernen ihre Umwelt und ihre Möglichkeiten kennen.

Wie sehr erschwert die sprachliche Barriere eure Arbeit?

Zu den bereits bestehenden Problemen unter den geflüchteten Frauen, die isoliert sind, kommt die sprachliche Problematik noch verschärfend hinzu. Unterstützungsangebote sind aufgrund der Sprachbarriere oft kaum bekannt. Die Frauenberatungsstellen in Münster haben dem Problem mit mehrsprachigen Flyern entgegengewirkt. Aber es gibt viele niedrigschwellige Angebote (z. B. Sportangebote, Vernetzungsmöglichkeiten), die unbekannt sind. Wir arbeiten mit geschulten Sprach- und Kulturmittler*innen oder konzipieren unsere Angebote sprachreduziert, sodass eine Teilnahme auch mit geringen Deutschkenntnissen möglich ist.

Hast du eine Idee, warum sich geflüchtete Opfer häuslicher Gewalt keine Unterstützung suchen?

Weil viele Angebote zu hochschwellig und sehr viele Betroffene verängstigt sind. Man muss Brücken über niedrigschwellige Angebote bauen und positive Erfahrungen schaffen, um ihnen aus der Isolation zu helfen. Die Sprachbarriere spielt sicher auch eine Rolle. Zudem ist ein professionelles Hilfesystem mit Beratungsstellen und Frauenhäusern für viele Frauen unbekannt – sie wissen oft gar nicht, dass es diese Möglichkeiten gibt. Außerdem spielen viele andere Faktoren eine Rolle, die eine Kommunikation über schwierige Themen erschweren. So spielen die Scham der Betroffenen oder auch die Community, die nicht über häusliche Gewalt spricht und diese tabuisiert, eine große Rolle. Die Geflüchteten sind oft nicht in Strukturen eingebunden, die sie unterstützen. Nicht zuletzt werden sie durch die eigene Familie unter Druck gesetzt. Das heißt, dass nicht nur der gewalttätige Partner, sondern auch die Familie einen hohen Druck ausübt – Scheidung und Trennung sind oftmals ein soziales Tabu. Ich denke, dass die zugeschriebene Rolle in der Familie ein weiterer Faktor ist. Oftmals übernehmen die Frauen die Kinderbetreuung, während der Partner einen Deutschkurs besucht oder die anstehenden Dinge in Deutschland regelt (z. B. Aufenthalt, soziale Leistungen). Dadurch festigen sich oft bestehende Machtstrukturen. Viele Klientinnen schildern die Sorge um den Aufenthalt und die Perspektive in Deutschland als einen Faktor, weshalb sie bei ihrem Partner bleiben.

Was sind eure Aufgaben?

Unsere Aufgabe ist es, einen Ort zu schaffen, an dem Themen mithilfe einer Sprachmittlerin besprochen werden können. Wir versuchen herauszufinden, ob es sich um eine akute Bedrohungssituation handelt oder ob die Person eine Traumafolgestörung hat, und können dann den Handlungsbedarf anpassen. Bei einer akuten Bedrohungssituation vermitteln wir an Polizei, Sozialstellen, Unterkünfte oder Frauenhausstellen. Bei Traumafolgestörungen infolge einer Gewalterfahrung werden entweder ambulante Therapieplätze vermittelt oder sie werden bei Refugio an eine psychosoziale Beratung, Psychotherapie oder an unsere niedrigschwelligen Gruppenangebote angebunden. Ist der Handlungsbedarf rechtlicher Art und hat die Person Fragen bezüglich des Asylverfahrens, setzen wir uns mit der Ausländerbehörde, dem Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) oder Rechtsanwälten in Verbindung und nehmen die Person in unsere soziale Beratung auf.

Wie genau ermöglichst du diese niedrigschwelligen Angebote?

In erster Linie ist es meine Aufgabe, (sekundär-)präventive Empowerment-Angebote zu schaffen. Diese Angebote betreffen Frauen, die von häuslicher Gewalt betroffen waren, aktuell sind oder sein könnten. Zu den Empowerment-Angeboten zählen unter anderem Möglichkeiten, aus der Isolation zu gelangen, Informationen zu Hilfsangeboten zu erhalten oder auch zu lernen, eigene Grenzen wahrzunehmen und zu setzen. Einige Klientinnen haben oft keine Möglichkeit, Grenzen zu setzen. Sie lassen vieles mit sich geschehen. Es ist immer schwierig, einen Weg aus dem Gewaltkreislauf zu finden. So werden auch Basisinformationen, wie z. B. die Telefonnummer der Polizei, vermittelt.

Du gehörst zum städtischen Arbeitskreis speziell für geflüchtete Opfer häuslicher Gewalt. Kannst du uns dazu noch etwas erzählen?

Die Akteurinnen in diesem Arbeitskreis kommen aus unterschiedlichen Fachrichtungen wie den Frauenberatungsstellen, Frauenhäusern, dem Sozialamt, der Polizei und der Rechtsmedizin. Der Arbeitskreis wird vom Gleichstellungsbüro organisiert und wurde aus den Arbeitskreisen „Gewaltschutz“ und „Gegen Gewalt an Frauen und Mädchen“ gegründet. Wir nehmen mit unterschiedlichen Kolleginnen an den drei Arbeitskreisen teil, weil wir uns im Team thematisch möglichst breit aufstellen möchten. In den Arbeitskreisen werden hauptsächlich strukturelle Schwierigkeiten besprochen, Bedarfe analysiert und Angebote initiiert. Wir haben z. B. mit dem Frauensportverein ein Tanzangebot als niedrigschwelliges Angebot organisiert, das COVID-19-bedingt leider unterbrochen werden musste. Darüber hinaus findet durch die enge Vernetzung auch ein Austausch auf Einzelfallebene statt; wir haben gemeinsame Klientinnen, die wir mit je unterschiedlicher Fachexpertise unterstützen.

Was sind organisatorische Schwierigkeiten in der Zusammenarbeit bei Fällen häuslicher Gewalt?

Die Zusammenarbeit wird schwierig, weil nicht genug freie Plätze in den Frauenhäusern für akute Fälle zur Verfügung stehen. Hier kommen wir schnell an den Punkt, an dem Betroffene häuslicher Gewalt nicht weitervermittelt werden können. Sind die Betroffenen untergebracht, funktioniert die Zusammenarbeit sehr gut. Um die Angebotslücke an Frauenhausplätzen etwas zu verringern, hat der Flüchtlingssozialdienst ein Schutzhaus eingerichtet, das Opfern häuslicher Gewalt schnell aus der akuten Situation heraushilft und ihnen einen Übernachtungsplatz bietet. Das Konzept gleicht einer Unterkunft, wobei der Flur von Security-Personal überwacht wird. Das ist aber nur eine kurzfristige Lösung. Ein weiteres Problem stellt die Kosterstattung der Sprachmittlung für ambulante Psychotherapie dar, die, je nach Leistungserbringer, unterschiedlich lange dauern kann. In Münster wurde nach dem Bremer Modell die Gesundheitskarte eingeführt, was ein guter Schritt war. So können Arztbesuche stattfinden und die Abrechnung läuft über die Krankenkasse. In anderen Städten und im Umkreis von Münster muss ein Krankenschein beim Sozialamt abgeholt werden. Die dortigen Sachbearbeiter*innen entscheiden, ob ein Behandlungsbedarf besteht. Das stellt eine große Hürde dar, weil eine fachfremde Person über den Behandlungsbedarf und über die finanziellen Mittel hierfür entscheiden muss.

Wie sind deine bisherigen Erfahrungen bei der Arbeit?

Unsere Zusammenarbeit mit den Frauenberatungsstellen und den Frauenhäusern läuft viel routinierter ab. Jeder weiß, was die Stärken der jeweiligen Akteurinnen sind. Insgesamt ist die Thematik für uns viel „normaler“ geworden. Auch die Zusammenarbeit mit den Psychotherapeuten, die noch einige Fragen und Sorgen hatten (z. B. bezüglich der Therapie mit einem Dolmetscher oder auch Klienten, die gerade aus einem anderen Land gekommen sind), gestaltet sich routinierter.

Durch die Mehrfachdiskriminierung, die einige Geflüchtete erleben oder erlebt haben, aber auch durch die Art der traumatischen Ereignisse, wie z. B. Diskriminierungen auf der Flucht oder Zwangsprostitution, wirken die Themen auf einige Fachkräfte sehr abschreckend und überfordernd. Man darf aber nicht vergessen, dass diese Menschen über sehr viele Ressourcen verfügen und sehr resilient sind. Dementsprechend ist nicht nur ein problemorientiertes, sondern auch ein ressourcenorientiertes Arbeiten sehr wichtig.

Was sind eure Ziele?

Unsere Ziele sind vielseitig und orientieren sich in erster Linie daran, die Geflüchteten zu bestärken und dabei zu unterstützen, ihre eigenen Rechte zu kennen und durchzusetzen. Wir unterstützen sie in rechtlichen Angelegenheiten und versuchen, den Aufenthalt zu sichern. Wichtig ist uns aber auch, politisch auf die Strukturen einzuwirken und für den spezifischen Bedarf unserer Zielgruppe zu sensibilisieren, sodass z. B. die EU- Aufnahmerichtlinie umgesetzt wird. Auch die jeweiligen Städte sollen auf das Thema „häusliche Gewalt gegenüber Geflüchteten“ aufmerksam gemacht werden. Wir versuchen, Kooperationspartner zu gewinnen, die ebenfalls auf die spezifische Zielgruppe sensibilisiert werden, um in einen gegenseitigen Austausch zu kommen und voneinander zu lernen.  So können wir alle in Fällen häuslicher Gewalt bei Geflüchteten zugunsten der Opfer handeln.


Allgemeine Aspekte, die Krankenhäuser berücksichtigen sollten

Krankenhäuser müssen für die Sicherheit des Opfers sorgen:

  • Zu einer angemessenen Versorgung der/des von Gewalt betroffenen Patientin/Patienten gehört auch der Schutz vor weiteren Übergriffen im Krankenhaus.
  • Befragen und behandeln Sie den Patienten oder die Patientin allein. Bitten Sie eine mögliche Begleitperson, wegzugehen und später wiederzukommen.
  • Wenn sich herausstellt, dass es sich um ein Problem partnerschaftlicher Gewalt handelt, besprechen Sie Schutzmaßnahmen.
  • Fragen Sie die Patientin/den Patienten, ob sie/er möchte, dass ihr/sein Partner zurückkommt und sie/ihn abholt. Wenn ja, sollte dieser Wunsch respektiert werden.

Schutz bei stationärem Aufenthalt:

  • Besprechen Sie mit der Patientin/dem Patienten, wer sie/ihn besuchen darf und wer nicht. Stellen Sie insbesondere sicher, dass der Partner/die Partnerin, der/die Gewalt anwendet, keinen Zugang zum Patienten hat, wenn das Opfer dies nicht wünscht.
    • Besprechen Sie mit dem Patienten, wo er/sie sein sollte und wo nicht (leicht zugängliche Warteräume bieten z. B. keinen Schutz).
    • Für Stationssitzungen: Erörtern Sie die Sicherheit der Patienten, erstellen Sie einen Sicherheitsplan und diskutieren Sie die Umsetzung des Plans, informieren Sie alle.
    • Bitten Sie in akuten Gefahrensituationen um Polizeischutz.

Umgang mit Tätern in Krankenhäusern:

Wenn ein Täter oder eine Täterin unerwartet auftaucht, und der Patient/die Patientin nicht möchte, dass er/sie dabei ist:

  • Machen Sie deutlich, dass er/sie das Krankenhaus verlassen muss. Dies kann z. B. mit den folgenden Worten geschehen: „Wir haben Sicherheitsvorschriften für unsere Patienten, bitte verlassen Sie sofort das Krankenhaus. “
  • Lassen Sie sich nicht auf ein Gespräch mit dem Täter/der Täterin über das Geschehene ein. Sagen Sie: „Wir sind zur Verschwiegenheit verpflichtet. Wir können Ihnen keine Informationen geben.“
  • Informieren Sie den Täter/die Täterin zudem, dass er/sie den Patienten oder die Patientin in Ruhe lassen muss. Dies kann mit folgenden Worten geschehen: „Herr/Frau xx, bitte lassen Sie Frau/Herr xx in Ruhe und nehmen Sie keinen Kontakt zu ihr/ihm auf. Sie könnten sonst in Schwierigkeiten geraten. Gewalt ist keine Lösung. Bitte gehen Sie jetzt.“
  • Wenn der Täter/die Täterin immer noch nicht geht, wiederholen Sie die Bitte und teilen Sie ihm/ihr mit, dass die Polizei geholt wird, wenn er/sie nicht geht: „Ich bitte Sie nochmals dringend, das Krankenhaus zu verlassen. Wenn Sie das nicht tun, rufen wir die Polizei.“
  • Verlässt der Täter/die Täterin das Krankenhaus nicht, rufen Sie die Polizei.