Modul 8: Stereotype und unbewusste Vorurteile

1. Definitionen
2. Ursprung von unbewussten Vorannahmen
3. Erscheinungsformen von Vorurteilen
4. Unbewusste Vorannahmen im Zusammenhang mit häuslicher Gewalt und ihre Folgen
5. Strategien gegen unbewusste Vorannahmen
6. Fünf Schritte zum Abbau persönlicher unbewusster Vorannahmen

Einleitung

Willkommen zu Modul 8 über „Stereotype und unbewusste Vorurteile“. In diesem Modul werden Sie sich mit den Auswirkungen von Stereotypen und unbewussten Vorurteilen auf unsere Wahrnehmungen und Verhaltensweisen beschäftigen. Vorurteile können im Zusammenhang mit häuslicher Gewalt zu ungerechten Urteilen und Fehleinschätzungen über Opfer und Täter und Täterinnen von häuslicher Gewalt führen, unbeabsichtigt die Schuld den Opfern zuschreiben und damit die Schwere der Gewalt herunterspielen. Modul 8 soll Ihnen das Wissen und die Werkzeuge an die Hand geben, die Sie benötigen, um Stereotype zu hinterfragen und unbewusste Vorurteile zu bekämpfen.

Lernziele

+ Verständnis des Ursprungs und der Faktoren, die zur Entwicklung von unbewussten Vorurteilen und Stereotypen beitragen
+ Definition der Schlüsselbegriffe in Bezug auf unbewusste Vorannahmen, Stereotypen und Vorurteile
+ Auseinandersetzung mit den Faktoren, die zur Entwicklung unbewusster Vorurteile beitragen
+ Identifizierung und Einordnung der unterschiedlichen Arten von Vorurteilen und ihre Auswirkungen auf die Entscheidungsfindung und das Verhalten
+ Erkennen und Analysieren von unbewussten Vorurteilen in Alltagssituationen und, insbesondere im Zusammenhang mit häuslicher Gewalt, den Einfluss unbewusster nonverbaler Verhaltensmuster auf die Kommunikation
+ Ermöglichen von Selbstreflexion, um persönliche unbewusste Verhaltensmuster zu erkennen und Strategien für den Umgang mit heiklen Situationen im Zusammenhang mit häuslicher Gewalt zu entwickeln
+ Anwendung des Wissens auf reale Szenarien anhand von Fallbeispielen, um konkrete Handlungsalternativen zu entwickeln
+ Fähigkeit, einen Zusammenhang zwischen unbewussten Denkmustern und den Konzepten von Vielfalt und Integration herzustellen


Ungewöhnlich?
https://end-gender-stereotypes.campaign.europa.eu/index_en

Nehmen Sie sich Zeit, um über das Bild nachzudenken.

  1. Was ist Ihre erste Reaktion auf dieses Bild?
  2. Gibt es traditionelle Geschlechterrollen, an die Sie denken, wenn Sie dieses Bild sehen? Wenn ja, welche?
  3. Inwiefern kann dieses Bild traditionelle Geschlechterrollen infrage stellen oder sie verstärken?
  4. Welche Annahmen könnten bei Ihnen aufkommen, wenn Sie einen Mann sehen, der eine Tätigkeit ausübt, die traditionell mit Frauen in Verbindung gebracht wird?

1. Definitionen

Da es wichtig ist, die eigenen Vorannahmen, schädigende Einstellungen und Verhaltensweisen zu erkennen und die breiteren gesellschaftlichen Auswirkungen dieser Phänomene aufzuzeigen, werden in diesem Abschnitt die Definitionen von unbewussten Vorannahmen, Stereotypen, Vorurteilen und Diskriminierung vorgestellt.

Unbewusste Vorannahmen

Verzerrte kognitive Wahrnehmungen, die zu falschen Urteilen und Entscheidungen führen, die oft unbewusst getroffen werden

Erklärung: Unser Gehirn kommt manchmal zu fehlerhaften Einschätzungen bei der Beurteilung von Dingen oder beim Treffen von Entscheidungen, ohne, dass wir uns dessen bewusst sind.

Stereotype

Verallgemeinernde Urteile über Personen und Kategorisierungen auf der Grundlage unvollständiger Kenntnisse über soziale Gruppen, denen die Personen zugeordnet werden und zu bestimmten Erwartungen über deren Verhalten und Fähigkeiten führen

Erklärung: Menschen denken manchmal, dass sich alle Mitglieder einer bestimmten Gruppe gleich verhalten oder gleich aussehen, obwohl sie die Mitglieder dieser Gruppe gar nicht so gut kennen.

Vorurteile

Emotional aufgeladene Bewertungen von Personen aus bestimmten sozialen Gruppen, die oft aus dem Vorhandensein von Stereotypen resultieren

Erklärung: Manchmal haben Menschen starke Gefühle gegenüber bestimmten Gruppen von Menschen und halten sie aufgrund dessen, was sie gehört haben oder glauben über sie zu wissen, für besser oder schlechter.

Diskriminierung

Verhaltensreaktion auf stereotype Bewertungen, die negative oder positive Auswirkungen haben können und im Kontext der Chancengleichheit als Privilegien bezeichnet werden

Erklärung: Wenn Menschen andere Menschen anders behandeln, weil sie glauben etwas über sie zu wissen, nur wenn sie sie ansehen, kann ihnen das ein gutes oder schlechtes Gefühl geben. In einer fairen Welt sollte jeder die gleichen Chancen haben.

Im Abschnitt „Unbewusste Vorannahmen im Zusammenhang mit häuslicher Gewalt und ihre Folgen“ werden Beispiele für die definierten Konzepte im Zusammenhang mit häuslicher Gewalt vorgestellt.


2. Ursprung von unbewussten Vorannahmen

Wenn wir den Ursprung von unbewussten Vorannahmen verstehen, können wir die Ursachen und zugrunde liegenden Mechanismen untersuchen, die zur Entstehung und Aufrechterhaltung von Vorurteilen beitragen. Jeder Mensch hat unbewusste Vorannahmen oder Vorurteile, unabhängig von Geschlecht, Bildung oder sozialem Status. Sie können unserem Gehirn helfen, schnelle Entscheidungen zu treffen, sie können aber auch zu Diskriminierung und Fehlentscheidungen führen.

Das folgende Video erklärt dies gut und zeigt, welche Rolle unser Gehirn dabei spielt.

Unsere individuellen Vorurteile werden durch unsere Denkweise und unsere Erfahrungen beeinflusst.

1. Denksysteme

  • Zwei Denksysteme: System 1 (unbewusst) und System 2 (bewusst)
  • System 1: ermöglicht schnelles Handeln auf der Grundlage gespeicherter Erfahrungen

Beispiel: Wenn wir Auto fahren, reagieren wir sofort auf ein Kind, das auf die Straße läuft.

  • System 2: Langsamer und erfordert eine bewusste Anstrengung

Beispiele: Wenn wir einem Gespräch Aufmerksamkeit schenken oder jemanden in einer Menschenmenge suchen.

2. Erfahrungen

  • Erlebnisse prägen unsere unbewussten Denkprozesse.
  • Manchmal können diese Prozesse fehlerhaft sein oder unseren bewussten Überzeugungen widersprechen (= unbewusste Vorurteile).

Beispiel: Wir neigen dazu, Menschen aus unserer eigenen Kultur aufgrund unserer früheren Erfahrungen zu bevorzugen.

Wissenswertes auf einen Blick

  • Unbewusste Vorurteile können aufgrund einer Informationsflut, einem gering zugeschriebenen Informationswert, der Notwendigkeit einer schnellen Entscheidung und der Vielfältigkeit der Informationen auftreten.
  • Sie sind Kurzschlüsse, die unser Gehirn nutzt; insbesondere dann, wenn wir uns gestresst fühlen oder Angst haben.
  • Manchmal können diese Kurzschlüsse zu ungerechter Behandlung oder Diskriminierung führen, weshalb es wichtig ist, die eigenen unbewussten Vorurteile zu verstehen.
  • Um unbewusste Vorurteile anzusprechen, sollten wir unsere Wahrnehmungen hinterfragen und unsere Erfahrungen neu bewerten.
„Unser Leben, unsere Kulturen, bestehen aus vielen sich überschneidenden Geschichten. Die Schriftstellerin Chimamanda Adichie erzählt, wie sie ihre authentische kulturelle Stimme gefunden hat, und warnt, dass wir ein kritisches Missverständnis riskieren, wenn wir nur eine einzige Geschichte über eine andere Person oder ein anderes Land hören.“

3. Erscheinungsformen von Vorurteilen

Beispiele von Vorurteilen helfen zu erkennen, wie sich Vorurteile in realen Situationen zeigen können, um deren Auswirkungen besser zu verstehen.

Öffnen Sie dieses Textfeld, um einige Beispiele für Vorurteile zu finden.
BegriffErklärung
Ableismus/Disableismus (von engl. able = fähig, disable = unfähig gemacht)Menschen werden aufgrund ihrer Fähigkeiten beurteilt.
Disableismus ist die Diskriminierung von Menschen, die als behindert gelten.
Ähnlichkeitseffekt (Mini-Me-Effect, Similarity-Attraction Effect)Menschen fühlen sich zu Menschen hingezogen, die ihnen in Aussehen und Persönlichkeitsmerkmalen ähnlich sind.
Wir neigen dazu, Menschen zu mögen, die uns in vielerlei Hinsicht ähnlich sind.
Attributionsfehler (auch: fundamentaler Attributionsfehler)Wir denken oft, dass das Verhalten einer Person auf ihre Persönlichkeit zurückzuführen ist, obwohl es auch an der Situation liegen kann, in der sie sich befindet.
Autoritätsverzerrung (Authority Bias)Wir neigen dazu, den Meinungen von Autoritätspersonen Glauben zu schenken und ihnen zu folgen, auch wenn ihre Meinungen möglicherweise nicht stimmen.
Bestätigungsfehler (Confirmation Bias)Wir neigen dazu, nach Informationen zu suchen, die unsere bestehenden Überzeugungen bestätigen, und Informationen zu ignorieren, die ihnen widersprechen.
Blind Spot Bias (Verzerrungsblindheit)Wir denken oft, dass wir unvoreingenommen und unbeeinflusst von Vorurteilen sind, obwohl wir genauso wie alle anderen von ihnen beeinflusst werden.
Code-SwitchingWir ändern unser Verhalten je nach Situation oder Person mit der wir es zu tun haben.
Cross-Race EffektMenschen können Schwierigkeiten haben, die Gesichter von Menschen zu erkennen und zu unterscheiden, die einer anderen ethnischen Gruppe angehören als sie selbst. Damit einher geht eine Tendenz, Gesichter von Personen, die der eigenen ethnischen Gruppe angehören, leichter zu identifizieren/zu erkennen.
Distance BiasWir neigen dazu, Dingen, die uns räumlich oder zeitlich näher sind, mehr Bedeutung beizumessen.
Fading-Affect Bias (deutsch: Schwindender Affekt)Negative Erinnerungen neigen dazu schneller zu verblassen als positive Erinnerungen, was manchmal zu voreingenommenem Verhalten führen kann.
Framing-Effekt (deutsch: Rahmungseffekt)Unterschiedliche Darstellungsweisen von Informationen können die Reaktionen der Menschen beeinflussen, auch wenn der Inhalt derselbe ist.
Gender BiasVoreingenommene Wahrnehmungen und Stereotypen aufgrund des Geschlechts können zu einer ungerechten Behandlung oder falschen Interpretation von Situationen führen.
Illusorische KorrelationStereotype führen oft dazu, dass bestimmten Gruppen bestimmte Eigenschaften zugeschrieben werden, auch wenn sie nicht zutreffen oder durch Beweise belegt sind.
Judicial BiasVerzerrungen, die die Entscheidungsfindung von Richtern und Richterinnen beeinflussen können, einschließlich kognitiver Verzerrungen und externer Einflüsse.
KI BiasVorurteile, die in KI-Systemen auf Grund vorurteilsbehafteten oder ungenauen Daten auftreten können und zu Ungleichbehandlung oder Diskriminierung führen.
KontakteffektHäufigeren Kontakt mit anderen Menschen kann dazu beitragen, Vorurteile und Feindseligkeit zwischen Gruppen abzubauen.
Naiver Realismus (Direkter Realismus)Die Überzeugung, dass unsere eigene Wahrnehmung der Realität objektiv und unvoreingenommen ist, und die Annahme, dass andere zu den gleichen Schlussfolgerungen kommen, wenn sie über die gleichen Informationen verfügen würden.
NegativitätsbiasNegative Erfahrungen oder Gedanken haben einen stärkeren Einfluss auf uns als neutrale oder positive.
Primär-Effekt (Primacy Effect)Die ersten Informationen, die wir erhalten, haben oft einen starken Einfluss auf unsere Urteile und Erinnerungen.
Racial BiasStereotype und Vorurteile aufgrund der Rasse können unser Urteil und unser Verhalten beeinflussen, auch wenn sie unbewusst sind.
Soziale ErwünschtheitMenschen geben möglicherweise Antworten, von denen sie glauben, dass andere sie hören wollen, anstatt ihre wahren Überzeugungen zu äußern, um soziale Missbilligung zu vermeiden.
Status Quo BiasDie Tendenz, die gegenwärtige Situation zu erhalten und Veränderungen zu vermeiden, vor allem, wenn es nur wenige Alternativen gibt und das Wissen über diese begrenzt ist.
StereotypeVerallgemeinernde Überzeugungen über bestimmte Gruppen von Menschen aufgrund ihres Geschlechts, ihrer Rasse, ihrer ethnischen Zugehörigkeit, ihrer Religion, ihrer sexuellen Orientierung, ihres sozioökonomischen Hintergrunds oder ihrer Bildung.

4. Unbewusste Vorannahmen im Zusammenhang mit häuslicher Gewalt und ihre Folgen

Dieser Abschnitt hilft Ihnen, die Rolle von unbewussten Vorannahmen im Zusammenhang mit häuslicher Gewalt besser zu verstehen und einen Einblick in ihren tiefgreifenden Einfluss auf Wahrnehmungen, Einstellungen und Reaktionen zu gewinnen. Es ist wichtig, diese Auswirkungen zu erkennen, um Anschuldigungen gegenüber Opfern zu vermeiden, unzureichende Unterstützungssysteme zu identifizieren, systemische Zugangsbarrieren für Opfer abzubauen sowie wirksame Interventions- und Präventionsmaßnahmen zu erreichen.


Geschlechternormen und Erwartungen aufgrund von Geschlechterrollen

Geschlechternormen beziehen sich auf die Standards, die von Menschen in einer Gesellschaft auf der Grundlage des ihnen bei der Geburt zugewiesenen Geschlechts erwartet werden, wenn sie sich präsentieren, handeln und ausdrücken.

Die mit der Geschlechterrolle zusammenhängenden Erwartungen beziehen sich auf die gesellschaftlichen Normen, die dem oder der Einzelnen vorschreiben, was „Männlichkeit“ und „Weiblichkeit“ ausmacht.

Weitere Informationen zum Thema Geschlecht finden Sie in Modul 1.

Geschlechterrollen können sich auch negativ auf Männer auswirken. Dies zeigt sich zum Beispiel am Phänomen der toxischen Männlichkeit. Toxische Männlichkeit bezieht sich auf die schädlichen sozialen Normen, die auf Männer und Jungen abzielen und die Idee fördern, dass Männlichkeit oder der Ausdruck von Männlichkeit der wichtigste Teil des Mannseins ist. Ein Beispiel für toxische Männlichkeit ist die häufig verwendete Redewendung „Jungs weinen nicht“, die Jungen lehrt, dass sie keine Gefühle zeigen dürfen und dass sie ihre Männlichkeit verlieren, wenn sie es doch tun.

Aufgabe zum Weiterdenken

Worum geht es in Barbie?

„Es ist eine pinke perfekte emanzipierte Parallelwelt: Barbieland. Hier bestimmen die Barbies, sie sind erfolgreiche, selbstbestimmte Frauen und Kens dürfen auch dort leben, haben aber wenig zu sagen. Eine der Barbies tanzt plötzlich aus der Reihe, findet sich dadurch im Barbieland nicht mehr zurecht und muss einen Ausflug in die Realität machen, um die Person zu finden, die mit ihr in der echten Welt spielt. Ken begleitet sie auf ihrem Trip durch eine Welt, die so gar nichts mit der perfekten und emanzipierten Welt in Barbieland zu tun hat [- das Patriarchiat]. Die pinke Fassade beginnt zu bröckeln und Barbie muss einen Weg finden, wie sie ihr geliebtes Barbieland vor den schlechten Einflüssen der Realität schützen kann – bevor es zu spät ist.“ (adaptiert nach der Quelle: https://www.esquire.de/entertainment/film/barbie-film-im-kino)

In dem Trailer wird Ken in der emanzipierten Welt in Barbieland gezeigt. Ken schildert aus seiner Sicht, wie er es empfindet dort als Mann zu leben.

Was geht Ken durch den Kopf, was empfindet er und wie werden er und Barbie in diesem Trailer dargestellt? Welche Stereotype über Frauen und Männer werden in dem Trailer aufgegriffen? Was geht in Ihnen vor, wenn Sie Ken im Trailer sehen?

Tony Porter gibt in einem TED-Talk ein Beispiel dafür, wie gesellschaftliche Vorstellungen von Männlichkeit zur Akzeptanz von Gewalt gegen Frauen beitragen.

Aufgabe zum Weiterdenken

Wie können die gesellschaftlichen Vorstellungen von Männlichkeit zu einer Akzeptanz von Gewalt gegen Frauen beitragen?


Objektifizierung von Frauen in den Medien

Die Objektifizierung von Frauen und die Sexualisierung von Gewalt kommen in der Werbung, in Musikvideos, Videospielen, Filmen, in der Pornografie und in anderen Kontexten (z.B. sexistische Sprache, Anmachen) vor. Dadurch wird es schwieriger, sich in Frauen einzufühlen, die Missbrauch oder sexuelle Gewalt erlebt haben.

Aufgabe

Kennen Sie aktuelle Beispiele für dieses Phänomen in den Medien? Wenn nicht, nehmen Sie sich 10 Minuten Zeit, um etwas zu recherchieren.

Beispiele der Objektifizierung von Frauen in den Medien

Beispiele aus Liedtexten

Ist hier kein Video zu sehen, bitte einen anderen Browser verwenden oder hier klicken: www.youtube.com/watch?v=WJwP6C5q6Qg.

Aufgabe zum Weiterdenken

Die Rap-Songs, aus denen die Beispiele stammen, werden millionenfach gehört und frauenverachtende Texte sind inzwischen Teil des Alltags. Was für ein Frauenbild wird in diesen Songs verbreitet? Welchen Einfluss kann das auf die Zuhörenden haben?

Beispiele aus lyrischen Texten

„Ich schlafe gerne mit dir, wenn du schläfst.
Wenn du dich überhaupt nicht regst.
Mund ist offen, Augen zu.
Der ganze Körper ist in Ruhe.
Kann dich überall anfassen.
Schlaf gerne mit dir, wenn du träumst.
Und genau so soll das sein (so soll das sein so macht es Spaß).
Etwas Rohypnol im Wein (etwas Rohypnol ins Glas).
Kannst dich gar nicht mehr bewegen.
Und du schläfst, es ist ein Segen.“

„Wenn du schläfst“ (2020) von Till Lindemann

Aufgabe zum Weiterdenken

Hier spreche nicht der Dichter, sondern sein lyrisches Ich, hieß es 2020 über das Gedicht „Wenn du schläfst“ von Till Lindemann. Worum geht es in diesem Gedicht? Warum ist eine Berufung auf das lyrische Ich in diesem Fall problematisch?


Fälle von Prominenten

Chris Brown

Im Jahr 2009 verprügelte Chris Brown Rihanna und es tauchten Bilder von ihrem blutverschmierten Gesicht auf. Nach dem Bekanntwerden dieser Informationen konzentrierten sich die Medien nicht auf die Taten von Chris Brown, sondern gaben Rihanna die Schuld.

Selbst nachdem die Fakten des Falls öffentlich gemacht wurden, gingen die Anschuldigungen gegen Rihanna weiter. Die Leute gaben ihr weiterhin die Schuld, indem sie sich darauf konzentrierten, „warum sie zurückging“, anstatt zu fragen, „warum hat Chris Brown das getan?“ oder „warum akzeptiert unsere Gesellschaft weiterhin häusliche Gewalt?“

Aufgabe zum Weiterdenken

Was glauben Sie, warum Rihanna in der Beziehung geblieben ist?

Harvey Weinstein

Der Missbrauch und die sexuellen Übergriffe von Harvey Weinstein auf Frauen haben dazu geführt, dass das Thema sexualisierte Gewalt aufgrund seiner hohen Stellung als Hollywood-Filmproduzent und der Zahl der Opfer, die gegen ihn ausgesagt haben, stärker in den Fokus gerückt ist.

Ende 2017 berichteten über 100 Frauen über Weinsteins Übergriffe auf sie. Weinstein vergewaltigte sie, zeigte sich nackt vor ihnen, zwang sie, ihn zu massieren, bot ihnen im Gegenzug für sexuelle Gefälligkeiten ein berufliches Fortkommen an und vieles mehr. Er wurde aus seinem Unternehmen und vielen internationalen Filmorganisationen ausgeschlossen und anschließend wegen Vergewaltigung, kriminellen sexuellen Handlungen, sexuellen Missbrauchs und sexuellen Fehlverhaltens angeklagt, was zu seiner Verhaftung führte. Weinsteins erste Reaktion auf die gegen ihn erhobenen Vorwürfe war ein Brief, in dem er behauptete, der Grund für sein Handeln sei, dass er in den 60er Jahren geboren wurde.

Die Taten von Harvey Weinstein und die daraus resultierende Flut von Berichten lösten die internationale #MeToo-Kampagne in den sozialen Medien aus, die von Tarana Burke ins Leben gerufen wurde. Diese Bewegung war ein Aufruf zur Sensibilisierung in Bezug auf diese Verbrechen, indem Menschen ihre Geschichten über sexuelle Übergriffe oder Belästigungen durch Männer erzählten.

Bislang hat die #MeToo-Bewegung zu einer beispiellosen Medienaufmerksamkeit und einem politischen Diskurs geführt, aber sie hat auch Druck auf Opfer ausgeübt und ist auf Gegenreaktionen gestoßen.

Aufgabe zum Weiterdenken

Sind Sie mit der #MeToo-Bewegung vertraut? Fallen Ihnen andere ähnliche Bewegungen ein? Welche positiven und negativen Auswirkungen hat die #MeToo-Bewegung Ihrer Meinung nach auf die Opfer gehabt?


Darstellung von LGBTIQ+ in den Medien

LGBT, LGBTQ, LGBTIQ+ oder LGBTQIA sind Sammelbegriffe für alle, die nicht heterosexuell und/oder CIS (Cisgender) sind. Die Buchstaben stehen für lesbisch, schwul, bisexuell, transsexuell/transgender, intersexuell, asexuell und queer. CIS bezeichnet Personen, deren Geschlechtsidentität mit dem in der Regel anhand äußerer Merkmale vor oder unmittelbar nach der Geburt bestimmten Geschlecht übereinstimmt.

In der Vergangenheit haben die Medien die Existenz von LGBTIQ+ weitgehend ignoriert und die meisten Inhalte, die die Erfahrungen von LGBTIQ+ darstellten, waren voller veralteter Stereotypen und stellten diese entweder als Opfer oder als psychisch krank dar, was zu ihrer Diskriminierung beitrug.

Welche Geschlechterbilder zeigen heutige Serien von Streaming-Anbietern, die in Deutschland ausgestrahlt werden? Wie oft sind Männer, Frauen und nicht-binäre Personen in zentralen Rollen zu sehen? Wie werden sie dargestellt? Diesen Fragen geht eine von der Film- und Medienstiftung NRW, dem ZDF und der MaLisa Stiftung geförderte Studie nach. Sie bietet erstmals eine Bestandsaufnahme, auch im Hinblick auf ethnische Diversität und sexuelle Orientierung.

Aufgabe zum Weiterdenken

Welche Auswirkungen kann eine fehlende oder falsche Repräsentation auf die Wahrnehmung von Fällen häuslicher Gewalt in LGBTIQ+-Beziehungen haben? Wie kann eine vielfältige mediale Repräsentation dazu beitragen, Stereotype abzubauen?


Täter-Opfer-Umkehr

Unter Täter-Opfer-Umkehr versteht man die Tendenz, die Opfer häuslicher Gewalt teilweise oder ganz für die erlittene Gewalt verantwortlich zu machen, anstatt den Täter oder die Täterin zur Rechenschaft zu ziehen. Dieses Verhalten rührt von gesellschaftlichen Einstellungen und falschen Vorstellungen her, die die Verantwortung ungerechterweise auf das Opfer abwälzen und dabei annehmen, dass es die ihm oder ihr zugefügte Gewalt provoziert oder verdient hat. Die Beschuldigung von Opfern führt zu einer Kultur des Schweigens, trivialisiert die Erfahrungen der Opfer und kann sie davon abhalten, sich Hilfe zu suchen.

Aus Avoiding Victim Blaming – The Center for Relationship Abuse Awareness

Beispiele:

  • „Das Opfer hat ihn provoziert.“
  • „Sie haben beide Probleme.“
  • „Das Opfer hätte ihn eben nicht heiraten dürfen.“
  • „Das Opfer war betrunken.“

Angelehnt an ein Beispiel von Julia Penelope, einer Linguistin und feministischen Autorin, wird im Folgenden veranschaulicht, wie – je nach Sprachgebrauch – Opfer entweder beschuldigt werden oder es vermieden wird sie zu beschuldigen.

Johannes hat Maria geschlagen.

Dieser Satz stellt die aktive Gewalthandlung ins Zentrum. Es ist klar, wer die Gewalt ausübt.

Maria wurde von Johannes geschlagen.

Dieser Satz wird im Passiv formuliert, sodass Maria im Fokus steht.

Maria wurde verprügelt.

Johannes wurde vollständig aus dem Satz entfernt. Unsere Aufmerksamkeit richtet sich ganz auf Maria.

Maria ist eine misshandelte Frau.

Eine misshandelte Frau zu sein, ist jetzt Teil von Marias Identität. Johannes ist kein weiterer Teil der Aussage und wird für seine Entscheidung Maria zu misshandeln nicht zur Rechenschaft gezogen.

Der Fokus hat sich vollständig von Johannes auf Maria verlagert und führt dazu, dass man sich auf das Opfer, anstatt auf die Taten des Täters konzentriert.

Modul 3 zeigt, wie man eine Täter-Opfer-Umkehr in den Medien vermeiden kann.

Übung: Täter-Opfer-Umkehr bei einer Vergewaltigung

Die folgende Übung soll auf die häufige Beschuldigung von Opfern bei Vergewaltigungen hinweisen. Siehe auch die Definition „Judicial Bias“ unter Erscheinungsformen von Vorurteilen.
Stellen Sie sich vor, dass diese Art von Fragen, die normalerweise Vergewaltigungsopfern gestellt werden, einem Raubopfer gestellt würden. Der folgende Text soll illustrieren, wie eine solche Befragung dann ablaufen würde.

„Herr Schmidt, Sie wurden an der Ecke der Hauptstraße mit einer Waffe bedroht?” 
Ja.”

„Haben Sie sich gegen den Räuber gewehrt?” 
Nein.”

„Warum nicht?” 
Er war bewaffnet.”

„Dann haben Sie sich bewusst dafür entschieden, seinen Forderungen nachzukommen, anstatt sich zu wehren?” 
Ja.”

„Haben Sie geschrien? Oder laut gerufen?” 
Nein, ich hatte Angst.”

„Aha, ich verstehe. Sind Sie schon einmal früher überfallen worden?” 
Nein.”

„Haben Sie jemals Geld verschenkt?” 
Ja, natürlich.”

„Und Sie haben das freiwillig getan?” 
Worauf wollen Sie hinaus?“

„Sagen wir es mal so, Herr Schmidt. Sie haben in der Vergangenheit Geld verschenkt. Sie haben sogar einen guten Ruf als Menschenfreund. Wie können wir sicher sein, dass Sie nicht DAGEGEN waren, dass ihnen gewaltsam Geld entwendet wurde?” 
Hören Sie, wenn ich wollte –”

„Das macht nichts. Wann hat dieser Überfall stattgefunden, Herr Schmidt?
Gegen 23 Uhr”

„Sie waren um 23 Uhr auf der Straße? Und was haben Sie da gemacht?“ ” 
Nur spazieren gegangen.”

„Nur spazieren gegangen? Sie wissen, dass es gefährlich ist sich so spät nachts auf der Straße aufzuhalten. War Ihnen nicht bewusst, dass Sie hätten überfallen werden können?” 
Ich hatte nicht daran gedacht.”

„Was hatten Sie zu dieser Zeit an, Herr Schmidt?” 
Mal sehen… einen Anzug. Ja, einen Anzug.”

„Ein teurer Anzug?” 
Ja, wissen Sie, ich bin ein erfolgreicher Rechtsanwalt.”

„Mit anderen Worten, Herr Schmidt, Sie sind spät nachts in einem Anzug durch die Straßen gelaufen, der praktisch dazu eingeladen hat, dass Sie ein gutes Ziel für leicht verdientes Geld sein könnten, ist dem nicht so? Ich meine, wenn wir es nicht besser wüssten, Herr Schmidt, könnten wir sogar denken, dass Sie es so gewollt haben, nicht wahr?”

Adaptiert nach “The Legal Bias Against Rape Victims (The Rape of Mr. Smith).” Connie K. Borkenhagen, American Bar Association Journal. April, 1975



5. Strategien gegen unbewusste Vorannahmen

Die folgenden Strategien zielen darauf ab unbewusste Vorannahmen, Stereotype und Vorurteile zu hinterfragen und zu überwinden, um zu verhindern, dass schädliche Dynamiken aufrechterhalten werden und dadurch der Umgang mit häuslicher Gewalt erschwert wird.

1. Gegenstereotypische Darstellung = „Wegdenken” von Stereotypen:

  • Manchmal haben Menschen Vorstellungen davon, wie bestimmte Gruppen von Menschen zu sein haben.
  • Wenn wir über Menschen nachdenken, die sich von diesen Stereotypen unterscheiden, kann uns das weniger voreingenommen machen.

Das folgende Video zeigt, dass wir in einer Zeit leben, in der wir Menschen schnell in Schubladen stecken, aber vielleicht mehr mit ihnen gemeinsam haben als wir denken.

Aufgaben zum Weiterdenken

1. Was ist die Hauptaussage des Videos?
2. Wie und aufgrund welcher Merkmale teilen Sie die Menschen in Gruppen ein? Welche Eigenschaften schreiben Sie ihnen zu? Welche Diskurse bestimmen diese „Klassifizierungen“, woher kommen Ihre Vorurteile (Freundeskreis, Medien, Politik)?
3. Was bedeuten diese Überlegungen für Vielfalt und Inklusion in unserer Gesellschaft?

Schauen Sie jenseits der Bilder der folgenden Beispiele:

Beispiel I: Was kommt Ihnen in den Sinn, wenn Sie eine Feuerwehrfrau oder eine Ingenieurin sehen? Ist das für sie unerwartet?

Betrachten Sie nicht nur die Zahlen, sondern auch das, was sich hinter den Zahlen verbirgt:

  • 35% der Europäer:innen glauben, dass Männer ehrgeiziger sind als Frauen.
  • 36% – so viel verdienen Frauen insgesamt im Durchschnitt weniger als Männer.
  • 20% der Absolvent:innen in der Informations- und Kommunikationstechnologie (IKT) sind Frauen.

Beispiel II: Was kommt Ihnen in den Sinn, wenn Sie einen berufstätigen Vater sehen, der Aufgaben im Haushalt und die Betreuung der Kinder übernimmt? Ist das für Sie etwas Ungewöhnliches?

Betrachten Sie nicht nur die Zahlen, sondern auch das, was sich hinter den Zahlen verbirgt:

  • 44% der Europäer:innen sind der Meinung, dass die wichtigste Aufgabe einer Frau darin besteht, sich um Haus und Familie zu kümmern.
  • 82% der Personen, die aus Betreuungsgründen Teilzeit arbeiten, sind Frauen.
  • 21% der Männer verbringen mehr als 5 Stunden pro Tag mit der Betreuung ihrer Kinder, verglichen mit 40 % der Frauen.
Überraschend?
https://end-gender-stereotypes.campaign.europa.eu/index_en
Creator: Philippe BUISSIN | Copyright: © European Union 2021 – Source: EP

Beispiel III: Was kommt Ihnen in den Sinn, wenn Sie eine Präsidentin sehen, die eine hochrangige Offizierin auszeichnet? Was kommt Ihnen in den Sinn, wenn Sie eine schwarze Frau als Mitglied des Europäischen Parlaments sehen? Ist das für Sie überraschend?

Betrachten Sie nicht nur die Zahlen, sondern auch das, was sich hinter den Zahlen verbirgt:

  • 69% der Europäer:innen glauben, dass Frauen eher als Männer Entscheidungen auf der Grundlage ihrer Gefühle treffen.
  • 32% der Mitglieder:innen der nationalen Parlamente in der EU sind Frauen.
  • 5% der gewählten Mitglieder:innen des Europäischen Parlaments (2019-2025) gehören einer ethnischen Minderheit an.
  • 8% der Vorstandsvorsitzenden in großen börsennotierten Unternehmen in der EU sind Frauen.

Aufgabe zum Weiterdenken

Fällt Ihnen ein eigenes Beispiel für ein „Wegdenken“ von Stereotypen ein? Was sehen Sie, wenn Sie hinter die Zahlen schauen, die zu ihrem Beispiel passen?


2. Individualisierung = Konzentration auf die Einzigartigkeit eines jeden Menschen:

  • Wir sollten jemanden nicht aufgrund unseres ersten Eindrucks oder aufgrund dessen, was wir über die Gruppe denken, zu der er zu gehören scheint, beurteilen.
  • Es ist wichtig, dass wir uns Zeit nehmen und die Person als Individuum kennenlernen.
  • Wir können unsere Stereotype hinterfragen, indem wir mehr über die Person erfahren und ihre einzigartigen Qualitäten erkennen.

Die folgenden drei Videos zeigen, wie das Thema Diversität erfolgreich in Werbekampagnen aufgegriffen wird.

2019 wurde die folgende Starbucks-Werbung mit einem Preis für Vielfalt ausgezeichnet. Der Spot zeigt das Leben von Jemma, die es vorzieht, James genannt zu werden.
Dieser Trailer war Teil einer Kampagne der Paralympischen Spiele 2016.
Dove hat Kampagnen ins Leben gerufen, die sich auf echte Menschen konzentrieren – People of Color, die LGBTIQ+-Community und Menschen jeden Alters und jeder Körpergröße. Die Kampagne „Real Beauty“ bringt die Marke auf die Ebene der Verbraucher und nicht auf die Ebene von Models oder Menschen mit einer sogenannten „perfekten“ Größe.

Aufgaben zum Weiterdenken

1. Was sind die Hauptaussagen dieser Videos? Was haben sie gemeinsam?
2. Wie hängen sie mit der Strategie der Individualisierung zusammen?
3. Was bedeuten diese Überlegungen für Vielfalt und Inklusion in unserer Gesellschaft?

Fallstudie: Drogenabhängiges Opfer von häuslicher Gewalt

Anna ist eine 28-jährige Frau, die seit mehreren Jahren in einer gewalttätigen Beziehung mit ihrem Partner Mark lebt. Neben dem körperlichen und emotionalen Missbrauch kämpft Anna auch mit ihrer Drogenabhängigkeit. Sie ist kokainsüchtig und nimmt die Droge regelmäßig, um mit den traumatischen Erlebnissen in ihrer Beziehung fertig zu werden. Anna hat mehrere erfolglose Versuche unternommen sich von Mark zu trennen und ihre Sucht zu überwinden.

Aufgaben zum Weiterdenken

1. Wie könnten Stereotype und Vorurteile das Verständnis der Gesellschaft für Opfer häuslicher Gewalt mit einer Drogenabhängigkeit beeinflussen?
2. Welchen zusätzlichen Herausforderungen könnten Frauen wie Anna durch die Kombination von häuslicher Gewalt und einer Drogenabhängigkeit ausgesetzt sein?
3. Wie könnte das Konzept der Individualisierung dazu beitragen, die Wahrnehmung und das Unterstützungsangebot für Opfer von häuslicher Gewalt mit einer Drogenabhängigkeit zu verbessern?

Fallstudie: Älteres Opfer von häuslicher Gewalt

Robert ist ein 80-jähriger Mann, der seit ein paar Jahren mit seinem erwachsenen Sohn Michael zusammenlebt. Leider hat sich ihre Lebenssituation zu einer Situation häuslicher Gewalt entwickelt. Michael misshandelt Robert verbal und körperlich, beschimpft ihn oft und schlägt ihn. Robert fühlt sich aufgrund seines hohen Alters und seiner schwindenden Gesundheit hilflos und gefangen in dieser Situation. Aufgrund seiner körperlichen Einschränkungen und seiner Abhängigkeit von seinem Sohn weiß er nicht, wie er Hilfe finden oder der Gewalt entkommen kann.

Aufgaben zum Weiterdenken

1. Wie könnten Stereotype und Vorurteile die Wahrnehmung älterer Opfer häuslicher Gewalt durch die Gesellschaft beeinflussen?
2. Welchen zusätzlichen Herausforderungen könnten Opfer häuslicher Gewalt wie Robert gegenüberstehen, wenn mit ihrem hohen Alter Hilfe suchen und der häuslichen Gewalt entkommen wollen?
3. Wie könnte das Konzept der Individualisierung dazu beitragen, das Bewusstsein für ältere Opfer von häuslicher Gewalt zu schärfen und maßgeschneiderte Unterstützung zu bieten?


3. Kontakttheorie = positiver Kontakt trägt zum Abbau von Stereotypen bei:

  • Wenn wir positive Erfahrungen mit Menschen aus anderen Gruppen machen, neigen wir weniger dazu Stereotype zu glauben.

Einige Opfergruppen sind stärker als andere gefährdet mit Stereotypen und unbewussten Vorannahmen konfrontiert zu werden, z.B. Männer als Opfer, behinderte Opfer, Opfer in einer LGBTIQ+-Beziehung, Opfer mit einem niedrigen oder hohen sozioökonomischen Hintergrund sowie Opfer mit einem Migrationshintergrund. Die folgenden fünf Fallstudien veranschaulichen dies.

Fallstudie: Mann als Opfer von häuslicher Gewalt

John ist ein 35-jähriger Mann, der eine langjährige Beziehung mit seiner Partnerin Sarah führt. In den letzten Monaten hat sich ihre Beziehung erheblich verschlechtert. Sarah zeigt ein zunehmend aggressives und gewalttätiges Verhalten gegenüber John. Sie schreit ihn an, beschimpft ihn und greift ihn mit Schlägen und Tritten körperlich an. John fühlt sich hilflos und schämt sich zu sehr, um es seinen Freunden oder der Polizei zu erzählen, weil er befürchtet, dass ihm niemand glauben wird und dass er nicht ernst genommen oder als schwach angesehen wird.

Aufgaben zum Weiterdenken

1. Welche Stereotype und unbewusste Vorannahmen finden sich in dieser Fallstudie? Welche eigenen Vorurteile könnten Johns Wahrnehmungen beeinflussen?
2. Welchen Herausforderungen könnten männliche Opfer von häuslicher Gewalt in Bezug auf Stigmatisierung und gesellschaftlicher Wahrnehmung gegenüberstehen?
3. Wie könnte die Kontakttheorie dazu beitragen, die Wahrnehmung von männlichen Opfern von häuslicher Gewalt zu verändern und schneller Unterstützung zu erhalten?

Fallstudie: Opfer von häuslicher Gewalt mit Behinderung

Emma ist eine 40-jährige Frau mit einer körperlichen Behinderung, die seit langem mit ihrem Mann David verheiratet ist. In den letzten Jahren ist ihre Beziehung zunehmend gewalttätig geworden. David misshandelt Emma sowohl verbal als auch körperlich. Er beleidigt sie wegen ihrer Behinderung und nutzt ihre Abhängigkeit von ihm aus, um Kontrolle und Manipulation auszuüben. Emma fühlt sich in ihrer Hilflosigkeit gefangen, da ihre Behinderung zusätzliche Hindernisse für die Suche nach Hilfe und die Flucht aus der missbräuchlichen Beziehung darstellt.

Aufgaben zum Weiterdenken

1. Wie können Stereotype und unbewusste Vorannahmen die Wahrnehmung und die verfügbare Unterstützung für behinderte Opfer von häuslicher Gewalt beeinflussen?
2. Welche besonderen Herausforderungen könnten Frauen wie Emma in Bezug auf häusliche Gewalt aufgrund ihrer Behinderung erfahren?
3. Wie könnte die Kontakttheorie dazu beitragen, das Bewusstsein für die Bedürfnisse und die verfügbare Unterstützung von behinderten Opfern häuslicher Gewalt zu schärfen und gleichzeitig ihre einzigartigen Erfahrungen anzuerkennen?

Fallstudie: Häusliche Gewalt in einer LGBTIQ+ Partnerschaft

Lisa und Anna sind ein gleichgeschlechtliches Paar in den späten 30ern, das seit einigen Monaten zusammen ist. In letzter Zeit hat Lisa, die sich als lesbisch identifiziert, begonnen, Anna, die sich als bisexuell identifiziert, zu beleidigen. Lisa beleidigt und erniedrigt Anna verbal und benutzt abfällige Ausdrücke im Zusammenhang mit ihrer Bisexualität. Anna fühlt sich gefangen und hat Angst mit jemandem darüber zu sprechen, da sie sich vor möglicher Stigmatisierung und Diskriminierung, sowohl durch die LGBTIQ+-Community als auch durch die Gesellschaft, fürchtet. Sie möchte Lisa nicht verlassen, weil sie sie liebt.

Aufgaben zum Weiterdenken

1. Wie können sich Stereotype und Vorurteile auf das Verständnis und die Unterstützung von Opfern häuslicher Gewalt innerhalb der LGBTIQ+-Gemeinschaft auswirken?
2. Mit welchen zusätzlichen Herausforderungen könnten Opfer wie Anna konfrontiert sein, wenn sie Hilfe suchen und sich aus häuslicher Gewalt in einer gleichgeschlechtlichen Beziehung befreien wollen?
3. Wie könnte die Kontakttheorie dazu beitragen, das Bewusstsein für häusliche Gewalt zu schärfen, Inklusion zu fördern und Opfern aus der LGBTIQ+-Community, die häusliche Gewalt erleben, maßgeschneiderte Unterstützung zu bieten?

Fallstudie: Hochrangiges Opfer häuslicher Gewalt

Isabell ist eine 35-jährige Frau, die in einer gehobenen Wohngegend lebt. Sie ist seit 10 Jahren mit ihrem Mann, Karl, verheiratet. Karl, ein erfolgreicher Geschäftsmann, schlägt sie regelmäßig und sagt ihr, sie solle die blauen Flecken mit ihrer Kleidung bedecken. Isabell befürchtet, dass die Inanspruchnahme von Hilfe ihren Ruf und ihre gesellschaftliche Stellung schädigen könnte.

Aufgaben zum Weiterdenken

1. Wie können sich Stereotype und Vorurteile über den sozioökonomischen Hintergrund auf die Wahrnehmung von häuslicher Gewalt auswirken?
2. Mit welchen zusätzlichen Herausforderungen könnten Opfer wie Isabell konfrontiert sein, wenn sie, in Anbetracht ihres sozioökonomischen Status, Hilfe suchen und sich von häuslicher Gewalt befreien wollen?
3. Wie könnte ein Verständnis der Machtdynamik, einschließlich der finanziellen Kontrolle, zur Verbesserung der Unterstützungssysteme für Opfer wie Isabell in gehobenem Milieu beitragen?

Fallstudie: Opfer häuslicher Gewalt mit Migrationshintergrund

Amina ist eine 30-jährige Frau, die aus einer konservativen, patriarchalischen Gesellschaft in ein neues Land eingewandert ist. Bei der Anpassung an ihr neues Leben und ihre neue Kultur steht sie vor zahlreichen Herausforderungen. Aminas Ehemann Farid nutzt ihren Einwandererstatus und ihre begrenzten Sprachkenntnisse als Mittel der Manipulation und Kontrolle, indem er ihre Angst vor der Abschiebung und die Isolation von ihrer Familie und Gemeinschaft ausnutzt, was sie zögern lässt, Hilfe in Anspruch zu nehmen.

Aufgaben zum Weiterdenken

1. Wie können kulturelle Stereotypen und Vorurteile die Wahrnehmung und Unterstützung von Migrantinnen wie Amina, die häusliche Gewalt erleben, beeinflussen?
2. Welchen zusätzlichen Herausforderungen könnte Amina aufgrund ihres Migrationshintergrunds in Bezug auf häusliche Gewalt und der Suche nach Hilfe gegenüberstehen?
3. Welche Rolle könnte kulturelle Sensibilität bei der Unterstützung von Migrantinnen spielen, die Opfer häuslicher Gewalt geworden sind, während ihre einzigartigen kulturellen Erfahrungen respektiert werden?


4. Perspektivenübernahme = sich in die Lage des anderen versetzen:

  • Es ist wichtig, dass wir versuchen zu verstehen, wie jemand anderes sich fühlt oder denkt und wir sollten uns vorstellen, wie wir uns fühlen würden, wenn wir in seiner oder ihrer Situation wären.

Beispiele:

Was sehe ich? Was lese oder höre ich?

Eine Frau mit einem Kopftuch betritt das Büro.

Was denke ich? Wie ordne ich sie ein?

Die Frau ist eine Muslimin.

Welche Gefühle löst diese Situation in mir aus? Wie urteile und entscheide ich?

Die Frau ist selbstbewusst. / Ich habe Mitleid mit der Frau. / usw.

Rollenspiele sind eine gute Möglichkeit, um die Auswirkungen von Stereotypen und unbewussten Vorurteilen im Zusammenhang mit häuslicher Gewalt zu verstehen.

Vorschläge für Rollenspiele finden Sie unter Lehrmaterialien für Workshops.


6. Fünf Schritte zum Abbau persönlicher unbewusster Vorannahmen

Der Abbau persönlicher Vorurteile im Kontext häuslicher Gewalt ist wichtig, da Vorurteile eine faire Behandlung und Unterstützung für Opfer behindern können. Diese Sensibilisierung ist Teil eines umfassenderen Bemühens, das darauf abzielt, nach mehr Chancengleichheit zu streben, marginalisierte Gruppen in der Gesellschaft zu schützen und den negativen Einfluss von Medienbotschaften auszugleichen. Das Erkennen und Ansprechen dieser Vorurteile ist entscheidend, um sicherzustellen, dass alle Opfer die Hilfe und Gerechtigkeit erhalten, die sie benötigen, unabhängig von ihrer Herkunft. Diese Schritte geben Ihnen praktische Werkzeuge an die Hand, um Ihre eigenen Vorurteile zu erkennen und zu hinterfragen.

1. Akzeptanz, unbewusste Vorannahmen zu haben:

  • Manchmal haben wir bestimmte Denkweisen, die vielleicht nicht jedem oder jeder gegenüber fair sind.
  • Es ist wichtig, mehr über diese Denkweisen zu erfahren und darüber, wie sie unsere Entscheidungen beeinflussen können.

2. Erkennen von Situationen, in denen Fehler passieren können:

  • Es gibt Zeiten, in denen wir vielleicht nicht die besten Entscheidungen treffen, weil wir in Eile sind oder uns ärgern.
  • Es ist gut, Freund:innen und Kolleg:innen um Feedback über uns zu bitten, um unsere Vorlieben und Muster zu erkennen.

3. Analyse, wie Dinge gesehen werden:

  • Wenn wir etwas sehen, haben wir Gedanken und Gefühle dazu.
  • Wir können uns fragen, was wir sehen, was wir denken und wie wir uns dabei fühlen.

4. Verstehen, woher unbewusste Vorannahmen kommen:

  • Unsere Erfahrungen und die Kultur, in der wir aufwachsen, prägen wie wir Dinge sehen und beurteilen.
  • Wir können darüber nachdenken, woher unsere Vorstellungen kommen und inwiefern sie sich von denen anderer unterscheiden könnten.

5. Unbewusste Vorannahmen abbauen und sich ihrer bewusst werden:

  • Wenn wir erkennen, dass wir Vorurteile haben, können wir daran arbeiten sie zu ändern.
  • Mehr über verschiedene Themen zu lernen kann uns helfen, gerechtere Schlussfolgerungen zu ziehen.

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Lehrmaterialien, die Sie für einen Workshop oder zum Selbststudium verwenden können, finden Sie hier.