Fallstudien und Szenarien-basiertes Lernen

Fallstudien
Szenarien-basiertes Lernen
IMPRODOVA Szenarien-basiertes Lernmodul zur Risikobeurteilung bei häuslicher Gewalt

Fallstudien

Fallstudie: Wie Sozialdienste die Untersuchung von häuslicher Gewalt unterstützen können

Eine Frau hat die Polizei gerufen, weil ihr Mann sie verprügelt hat. Die Staatsanwaltschaft leitete – nach ihren Verletzungen – ein Strafverfahren wegen leichter Körperverletzung ein. Einige Stunden nachdem sie in einer Schutzeinrichtung aufgenommen wurde, verschlechterte sich ihr körperlicher Zustand erheblich. Ein Sozialarbeiter spricht mit dem Opfer über die jetzt sichtbare Schwere der Verletzungen. Mit dem Einverständnis des Opfers, beschloss der Direktor des Heims, einen Krankenwagen zu rufen und Fotos der Verletzungen zu machen und sie zu der Polizei zu schicken, weil er aufgrund der Verletzungen zu dem Schluss kam, dass das Verbrechen schwerer ist als eine leichte Körperverletzung. Da das Opfer die Informationen mit der Polizei teilen will, ist es ihm gesetzlich erlaubt, dies zu tun. Das Gericht – auf der Grundlage des medizinischen Berichts, der gesicherten medizinischen Beweise und der von der Unterkunft geschickten Fotos – stufte den Fall als Mordversuch ein. Manchmal ist proaktives Handeln der Sozialdienste bei der Bearbeitung von Fällen häuslicher Gewalt unerlässlich. Sie stehen in engem Kontakt mit dem Opfer und verfügen dadurch über entscheidende Informationen, die die Untersuchung unterstützen könnten. Sie können den Behörden nicht nur bei der rechtzeitigen Dokumentation der Verletzungen helfen, sondern auch dadurch, dass sie Informationen über den Fall weitergeben, die die Opfer wahrscheinlich nicht an die Polizei oder andere Einsatzkräfte weitergegeben haben. Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter sind ein wichtiger Teil interorganisatorischer Hilfsnetzwerke.

Aufgaben

(1) Welche weiteren Hilfsangebote können der Frau zur Verfügung gestellt werden durch den sozialen Sektor?
(2) Welche Informationen sind wichtig, der jungen Frau zu übermitteln, damit sie ihre Situation bestmöglich einschätzen kann?
(3) Wo sehen Sie die größten Herausforderungen in den kommenden Wochen für das Opfer und wie würden Sie diesen begegnen?
(4) Wie reagieren Sie, wenn die Frau Ihnen im Gespräch anvertraut, dass Sie gerne zu Ihrem Mann zurückkehren möchte?

Der Mann, gegen den zunächst ein Verfahren wegen leichter Körperverletzung durch die Staatsanwaltschaft eingeleitet wurde, ist wegen des Konsums illegaler Substanzen vorbestraft. Aufgrund der neu eingebrachten Beweismittel (Fotos und Dokumentation der Verletzungen) im Ermittlungsverfahren, gibt die Staatsanwaltschaft nun im Zuge der vorbereiteten Anklage auf Mordversuch, den Auftrag zur Festnahme. Die Polizei nimmt den Mann fest und bringt ihn in die ortszuständige Haftanstalt. Eine Untersuchungshaft wird schließlich aufgrund der Tatbegehungsgefahr verhängt. Der Mann befindet sich nun zunächst in zweiwöchiger Haft. Die dort zuständigen Sozialarbeiter und Sozialarbeiterinnen nehmen nach dem Erstgespräch mit dem Mann, Kontakt mit der betreuenden Opferschutzeinrichtung auf, um etwaige Kontaktverbote zu klären und im Fall einer Enthaftung, eine Meldung nach gesetzlichen Vorkehrungen im Sinne des Opferschutzes an die Opferschutzeinrichtung zu erstatten. Die Haftrichterin ist der Meinung, dass es sich eher um eine schwere Körperverletzung handeln würde und entscheidet sich schließlich aufgrund der sicheren Unterbringung des Opfers und des kooperativen Verhaltens des Mannes bei der Haftverhandlung dazu, ihn aus der Untersuchungshaft zu enthaften. Nach Kontaktaufnahme mit den betreuenden Sozialarbeitern und Sozialarbeiterinnen, die den Fall als sehr riskant einstufen, wird jedoch eine Anordnung zur vorläufigen Bewährungshilfe ausgesprochen. Kurz vor der Enthaftung nehmen die Sozialarbeiter und Sozialarbeiterinnen Kontakt zur Bewährungshilfe auf, um einen nahtlosen Übergang aus der Haft in die weitere Betreuung zu gewährleisten. Der Mann wird bis zur Hauptverhandlung engmaschig durch die Bewährungshilfe betreut.

Aufgaben

(5) Was ist in der Arbeit mit dem Mann zu beachten? Welche Risikofaktoren können durch welche Einrichtung berücksichtigt werden?
(6) Wie reagieren Sie, wenn der Mann im letzten Gespräch vor der Enthaftung ankündigt, sich bei der Frau dafür rächen zu wollen, dass er nun in Haft gewesen sei?
(7) Welche Auflagen und Anordnungen, neben der Bewährungshilfe, sind im Zuge einer Enthaftung des Mannes noch möglich?
(8) Überlegen Sie mögliche Szenarien nach der Enthaftung: Was passiert beispielsweise bei einer Kontaktaufnahme des Mannes mit der Frau? 

Fallstudie: Opferorientierte Täterarbeit

Herr F., 34 Jahre alt, wird seit 4 Monaten von der Bewährungshilfe betreut. Die Anordnung fand im Zuge einer gerichtlichen Weisung statt. Verurteilt wurde Herr F. zu 4 Monaten bedingter Freiheitsstrafe und 3 Jahren Probezeit aufgrund einer gefährlichen Drohung gegen seine Lebensgefährtin Frau W. Nach dem Anlassvorfall wurde er aus der gemeinsamen Wohnung weggewiesen und ein Annäherungsverbot wurde ausgesprochen. Zudem ist die Verständigung der Opferschutzeinrichtung durch die Polizei erfolgt. Eine Einstweilige Verfügung wurde im Anschluss durch Frau W. nicht beantragt.

Die Lebensgefährtin, damals im zweiten Monat schwanger, sagte bei der Hauptverhandlung wahrheitsgemäß aus, wollte aber die Beziehung aufgrund der Drohung, die er alkoholisiert im Streit aussprach, nicht beenden. Sie gab auch vor Gericht an, dass er sich bei ihr entschuldigte und er nun auch der zukünftige Vater ihres Kindes ist.

Seit zwei Wochen merkt die zuständige Bewährungshelferin, dass Herr F. zunehmend angespannt zu den Terminen kommt. Er hat zuletzt davon berichtet, dass seine Lebensgefährtin, die nun im sechsten Monat schwanger ist, derzeit im Mutterschutz und viel zu Hause sei, aber trotzdem wenig im Haushalt mache. Zudem sei er seit längerer Zeit auf Arbeitssuche. Mit seiner Mutter streite er recht häufig, sie würde sich nicht mehr um ihn kümmern und sage ihm nur, dass er ja jetzt eine eigene Frau habe, die sich um ihn sorge.

Aufgaben

(1) Was kann die Bewährungshelferin machen, um das aktuelle Risiko abzuklären?
(2) Um welche Formen häuslicher Gewalt kann es sich in diesem Fall handeln?
(3) Welche Risikofaktoren liegen vor? Welche könnten noch hinzukommen?
(4) Mit welchen Einrichtungen kann die Bewährungshelferin im Sinne der opferorientierten Täterarbeit Kontakt aufnehmen?
(5) Überlegen Sie mögliche Szenarien multiprofessioneller Kooperation und Risikoeinschätzung und die Möglichkeit, diese in Ihrem Arbeitsumfeld umzusetzen.

Fallstudie: Häusliche Gewalt schadet auch Kindern

Gabby heiratete nach einer langen Beziehung ihren Ehemann Nick und zog kurz darauf auf den Bauernhof ihres Mannes um. Das Paar war auf dem Bauernhof glücklich und bekam bald ihr erstes Kind. Während der Schwangerschaft begann sich Nicks Verhalten zu ändern, und als ihre Tochter geboren wurde, „fühlte“ sich die Beziehung nicht mehr wie zuvor an. Nick wirkte zurückgezogen und verbrachte lange Zeit allein. Er begann, Gabby an Nicks Vater zu erinnern, der immer sehr streng gegenüber Nick war.
Nicks Verhalten wurde bedrohlich und kontrollierend, insbesondere in Bezug auf Geld und soziale Kontakte. Er wurde bei Auseinandersetzungen zunehmend aggressiv, schrie oft und warf Gegenstände durch den Raum. Gabby dachte, da er sie nicht körperlich verletzte, stelle sein Verhalten keinen Missbrauch dar. Nick zeigte kein großes Interesse an der Tochter Jane, außer in der Öffentlichkeit, wo er ein vernarrter und liebevoller Vater zu sein schien.
Jane war im Allgemeinen ein wohlerzogenes Kind, aber Gabby stellte fest, dass sie nicht in der Lage war, sie bei jemand anderem zu lassen. Jane weinte und wurde sichtlich verzweifelt, wenn Gabby sie jemand anderem übergab. Dies war für Gabby belastend und bedeutete auch, dass ihre sozialen Aktivitäten weiter eingeschränkt wurden.
Jane brauchte lange Zeit, um zu krabbeln, zu gehen und zu sprechen. Ihr Schlafmuster wurde unterbrochen, und Gabby schlief die Nacht nicht oft durch, selbst als Jane über 12 Monate alt war. Als Jane zu sprechen begann, entwickelte sie ein Stottern, was ihre Sprachentwicklung weiter behinderte. Gabby machte sich große Sorgen um Jane. Ihr Hausarzt sagte ihr, dass dies bei einigen Kindern normal sei und dass sie, wenn die Sprachprobleme fortbestünden, Jane jederzeit zu einem späteren Zeitpunkt zu einem Spezialisten schicken können.
Nach einigen Jahren wurde Nicks Verhalten für Gabby inakzeptabel. Während der Auseinandersetzungen hatte er das Gewehr, das er für landwirtschaftliche Zwecke gekauft hatte, in die Hand genommen, und Gabby empfand dies als sehr bedrohlich. Bei einer Reihe von Gelegenheiten trafen Gegenstände, die Nick warf, Gabby, und sie hatte zunehmend Angst um ihre Tochter. Gabby beschloss, das Haus zu verlassen, und wandte sich an die örtliche Frauenberatungsstelle, die ihr half, ein Annäherungsverbot gegen Nick zu erwirken.
Nachdem Jane keinen Kontakt mir Nick mehr hatte, änderte sich ihr Verhalten. Janes Entwicklung schien sich zu beschleunigen, und Gabby konnte zuerst nicht verstehen, warum. Im Rahmen ihrer Beratung bei einer örtlichen Beratungsstelle erörterte sie dieses Thema, und ihre Beraterin erklärte ihr, dass die die Entwicklungsverzögerung, das Stottern, die Irritation und die Trennungsangst bei Jane dadurch kam, dass sie in einer missbräuchlichen Situation gelebt hatte.

Aufgaben zur weiteren Reflektion

(1) Was hätten der Hausarzt oder die Hausärztin besser machen können?
(2) Nehmen Sie sich einen Moment Zeit, um zu überlegen, an welchen Stellen und welche Fachkräfte möglicherweise an der Unterstützung und/oder Bereitstellung von Diensten für Opfer häuslicher Gewalt hätten früher beteiligt werden müssen.
(3) Listen Sie die verschiedenen Professionen auf, die das multidisziplinäre Team in Ihrer Organisation bilden und die an der Erbringung von Dienstleistungen für Menschen, die häusliche Gewalt erlebt haben, beteiligt sein könnten (dies ist je nach Ihrem Standort unterschiedlich).

Zu dem breiten Spektrum von Fachleuten, Diensten und Fachstellen, die möglicherweise an der Unterstützung von Opfern häuslicher Gewalt beteiligt sind gehören – ohne darauf beschränkt zu sein – Dienste der primären und sekundären Gesundheitsfürsorge, der psychischen Gesundheitsfürsorge, der Dienste für sexuelle Gewalt, der Sozialfürsorge, der Strafverfolgungsbehörden, der Polizei, der Bewährungshilfe, der Jugendgerichtsbarkeit, des Substanzmissbrauchs, spezialisierter Agenturen für häusliche Gewalt, Kinderdienste, Wohnungsdienste und Bildung. Die untere Flowchart illustriert die Zusammenarbeit all dieser Dienste im Kontext häuslicher Gewalt.

Adaptiert nach einer Fallstudie aus RACGP (2014): Abuse and Violence: Working with our patients in general practice


Szenarien-basiertes Lernen

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IMPRODOVA Szenarien-basiertes Lernmodul zur Risikobeurteilung bei häuslicher Gewalt

Im Rahmen eines Teilprojektes des EU-Projektes IMPRODOVA wurde von den Partnern ein Szenarien-basiertes Lernmodul zur Risikobeurteilung bei häuslicher Gewalt entwickelt (D 3.3).

Das Szenarien-basierte Lernmodul zur Risikoeinschätzung häuslicher Gewalt ermöglicht es, online mehr über die verschiedenen Verfahren der Risikoeinschätzung im Fall von Nora zu erfahren, um ein besseres Verständnis der beteiligten Prozesse zu erlangen. Das Modul kann auch heruntergeladen werden, um es zum Beispiel in einem Workshop zu verwenden.

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