Modul 2: Indikatoren für häusliche Gewalt

Identifizierung häuslicher Gewalt
Indikatoren bei Erwachsenen
Indikatoren bei Kindern
Häufige radiologische Befunde
Zeugen und Zeuginnen häuslicher Gewalt

Einführung ins Thema

Opfer, die häuslicher Gewalt ausgesetzt sind, suchen oft zuerst Ärzte und Ärztinnen wegen der damit verbundenen seelischen oder physischen Verletzungen auf. Häufig erzählen sie jedoch aus Scham, Angst vor Verurteilung oder aus Angst vor dem Partner bzw. der Partnerin nichts über die Gewalt. Um gegen häusliche Gewalt vorzugehen, ist es wichtig, dass die Opfer frühzeitig identifiziert werden und die Gewalt so früh wie möglich offengelegt wird.

Lernziele

Lernziele dieses Moduls bestehen darin, die verschiedenen Indikatoren für häusliche Gewalt und die damit verbundenen Risiken kennen zu lernen und dafür sensibilisiert zu werden.


S.I.G.N.A.L. e.V.: Signale wahrnehmen – statt wegschauen


Fallstudie: Offenlegung von häuslicher Gewalt in der Arztpraxis

Wir befinden uns ich einer Hausarztpraxis und eine 25-jährige Patientin kommt zur Sprechstunde.

A: „Guten Morgen Frau Schmidt, was kann ich heute für sie tun?“

P: „Ich fühle mich momentan total überlastet und wollte fragen, ob Sie mich vielleicht für zwei Wochen krankschreiben können?“

A: „Gibt es einen bestimmten Grund warum Sie sich überlastet fühlen und ist das früher schon mal aufgetreten?“

P: „Ich habe mich noch nie zuvor wegen Überlastung krankschreiben lassen. Ich habe mich gerade frisch getrennt und mir wird momentan einfach alles zu viel.“

A: „Ich kann Sie natürlich gerne krankschreiben, aber wenn Sie sich durch die Situation so überlastet fühlen, würde ich Ihnen gerne noch weitere Hilfe anbieten. Möchten Sie vielleicht mit mir darüber sprechen?“

P: „Mmh, mir ist das eigentlich sehr unangenehm darüber zu sprechen. In meiner früheren Beziehung gab es einige Probleme. Mein Freund war sehr kontrollsüchtig und hat ständig mein Handy kontrolliert. Wir hatten ständig Streit, sobald ich mich mit meinen Freunden oder meiner Familie treffen wollte. Dadurch habe ich mich immer mehr isoliert und war dann nur noch mit meinem Freund unterwegs. Nachrichten von meinen Freunden wurden gelesen, bevor ich sie lesen konnte. Ich habe mich dann doch letztendlich getrennt, aber ich weiß nicht, ob das die richtige Entscheidung war.

A: „Wenn Ihr Freund Sie so kontrolliert und drangsaliert hat, warum denken Sie, dass die Trennung nicht richtig war?“

P: „Er ruft mich ständig an und schickt mir Nachrichten. Er setzt mich unter Druck indem er sagt, dass er ohne mich nicht leben könne und sich was antue, wenn ich nicht mehr zurückkäme. Ständig sehe ich sein Auto auf dem Parkplatz, egal ob beim Einkaufen, der Arbeit oder beim Treffen mit Freunden. Immer habe ich das Gefühl, dass er in der Nähe ist. Kann das noch Zufall sein? Ich habe mich bereits zweimal mit ihm getroffen, weil er mir so leidtat und ich Angst hatte, dass er sich wirklich etwas antut.“


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Identifizierung häuslicher Gewalt

Die Gesundheitsprobleme eines Opfers können durch Gewalt verursacht oder verschlimmert werden. Opfer, die häuslicher Gewalt ausgesetzt sind, suchen Ärzte und Ärztinnen für damit einhergehende emotionale oder physische Zustände, einschließlich Verletzungen, auf. Häufig erzählen sie jedoch aus Scham, Angst vor Verurteilung oder aus Angst vor dem Partner bzw. der Partnerin nichts über die Gewalt. Fachkräfte des Gesundheitswesens werden für viele eine erste Anlaufstelle sein.

Verschiedene Indikatoren machen es möglich zu erkennen, dass ein Patient bzw. eine Patientin möglicherweise häuslicher Gewalt ausgesetzt sein könnte. Einige davon sind recht subtil, und es ist wichtig, aufmerksam zu bleiben und angemessen zu reagieren. Einige Opfer geben auch Hinweise in ihrem Verhalten. Sie sind darauf angewiesen, dass ihnen zugehört wird, man beharrlich ist und sich nach Zeichen und Hinweisen erkundigt. Die Gespräche sollten unter vier Augen geführt werden, Einzelheiten des Verhaltens, der Gefühle und der Verletzungen, die gesehen und gemeldet werden, sollten dokumentiert werden und die Opfer sollten dabei unterstützt werden, Maßnahmen zu ergreifen, die den Organisationsstrukturen und örtlichen Gepflogenheiten entsprechen.

Um Diagnose und die anschließende Versorgung von Patienten zu verbessern, sollten Mitarbeitende des Gesundheitswesens bei der Aufnahme der Anamnese immer auch nach häuslicher Gewalt fragen.

Viele Gesundheitseinrichtungen sind belebte Orte, an denen Menschen in Kabinen und Büros ein- und ausgehen, und das ist nicht die passende Umgebung, häusliche Gewalt anzusprechen oder über Gefühle zu sprechen.


Indikatoren bei Erwachsenen

Im Folgenden sind Indikatoren aufgeführt, die mit Opfern häuslicher Gewalt in Verbindung gebracht werden, jedoch auch in anderen Zusammenhängen auftreten können. Einige Indikatoren sind recht subtil, und es ist wichtig, aufmerksam zu bleiben und angemessen zu reagieren. Opfer sind daher darauf angewiesen, dass ihnen zugehört wird, man beharrlich ist und sich nach Zeichen und Hinweisen erkundigt. Die Verwendung dieser Indikatoren kann die Praxis des direkten Fragens ergänzen.

Physische Indikatoren
  • Unerklärliche Blutergüsse und andere Verletzungen (insbesondere Kopf-, Hals- und Gesichtsverletzungen, Blutergüsse verschiedener Stadien, erlittene Verletzungen passen nicht zur Anamnese, Bissspuren, ungewöhnliche Verbrennungen, Verletzungen an nicht einsehbaren Körperteilen (einschließlich Brust, Bauch und/oder Genitalien), insbesondere bei einer Schwangerschaft
  • Fehlgeburten und andere Schwangerschaftskomplikationen
  • Chronische Erkrankungen einschließlich Kopfschmerzen, Schmerzen und Beschwerden in Muskeln, Gelenken und Rücken
  • Sexuell übertragbare Infektionen und andere gynäkologische Probleme
Psychologische Indikatoren
  • Emotionale Belastung, z.B. Angst, Unentschlossenheit, Verwirrung und Feindseligkeit
  • Schlaf- und Essstörungen
  • Angstzustände / Depressionen/ pränatale Depressionen
  • Psychosomatische Beschwerden
  • Selbstverletzung oder Selbstmordversuche
  • Ausweichend oder beschämt über Verletzungen
  • Der Partner bzw. die Partnerin oder ein anderes Familienmitglied übernimmt den Großteil der Gespräche und besteht darauf, bei dem Patienten bzw. der Patientin zu bleiben
  • Ängstlich in der Gegenwart des Partners bzw. der Partnerin oder eines anderen Familienmitgliedes
  • Widerwille, Ratschläge zu befolgen
  • Soziale Isolation / kein Zugang zu Verkehrsmitteln
  • Unterwürfiges Verhalten / geringes Selbstwertgefühl
  • Alkohol- oder Drogenmissbrauch
  • Angst vor Körperkontakt
  • Nervöse Reaktionen auf Körperkontakt / schnelle und unerwartete Bewegungen
Sonstige Indikatoren
  • Mehrere Vorstellungen in der Notaufnahme
  • Patient / Patientin erscheint nach der offiziellen Sprechstunde
  • Häufige Abwesenheit beispielsweise von der Arbeit oder vom Studium
Mögliche Indikatoren für sexuelle Gewalt

Verletzungen der Genitalien, der Innenseite der Oberschenkel, der Brüste, des Afters:

  • Irritationen und Rötungen im Genitalbereich
  • Häufige Infektionen im Genitalbereich
  • Schmerzen im Unterbauch und/oder im Beckenbereich
  • Sexuell übertragbare Krankheiten
  • Blutungen im vaginalen oder rektalen Bereich
  • Schmerzen beim Urinieren oder Stuhlgang
  • Schmerzen beim Sitzen oder Gehen
  • Starke Ängste vor Untersuchungen im Genitalbereich; Vermeidung von Untersuchungen
  • Starke Krämpfe im Vaginalbereich bei gynäkologischen Untersuchungen
  • Sexuelle Probleme
  • Selbstschädigendes Verhalten
  • Ungewollte Schwangerschaften / Abtreibungen
  • Komplikationen während der Schwangerschaft
  • Fehlgeburten

Indikatoren bei Kindern

Physische Indikatoren
  • Schwierigkeiten beim Essen/Schlafen
  • Langsame Gewichtszunahme bei Säuglingen
  • Körperliche Beschwerden
  • Essstörungen

Psychologische Indikatoren
  • Aggressives Verhalten und aggressive Sprache
  • Depressionen, Angstzustände und /oder Selbstmordversuche
  • Nervöses und zurückgezogenes Auftreten
  • Schwierigkeiten, sich an Veränderungen anzupassen
  • Regressives Verhalten bei Kleinkindern
  • Verzögerungen oder Probleme bei der Sprachentwicklung
  • Psychosomatische Krankheiten
  • Ruhelosigkeit und Konzentrationsprobleme
  • Abhängige, traurige oder verschwiegene Verhaltensweisen
  • Bettnässen
  • Tierquälerei
  • Auffälliger Rückgang der Schulleistungen
  • Kämpfen mit Gleichaltrigen
  • Überfürsorglich oder Angst davor, die Mutter oder den Vater zu verlassen
  • Diebstahl und soziale Isolation
  • Sexuell missbräuchliches Verhalten
  • Gefühle der Wertlosigkeit

Häufige radiologische Befunde

Die folgende Darstellung bezieht sich insbesondere auf häusliche Gewalt gegen Erwachsene. Spezielle Aspekte im weiteren Kontext sind Kindesmisshandlung (für deren Erkennung können radiologische Befunde ausschlaggebend sein).

Umstände der Klinikvorstellung
  • In vielen Fällen geben Opfer häusliche Gewalt nicht als Grund einer Verletzung bzw. Klinikvorstellung an.
  • Auch ärztliche Vorstellungen, bei denen es nicht direkt um eine Verletzung geht, können Hinweise auf häusliche Gewalt liefern.
  • Opfer häuslicher Gewalt erhalten häufiger radiologische Untersuchungen, insbesondere für traumatische Fragestellungen (in einer Studie (George et al. 2019) etwa viermal öfter als bei Kontrollen).
Häufige mittels Bildgebung erkennbare Verletzungen
  • Verletzungen der Geschlechtsorgane (auch in der Schwangerschaft, z.B. Chorionhämatom)
  • akute Frakturen (insbesondere im Gesichtsbereich, z.B. Nasenbeinfraktur, Orbitabodenfraktur; aber auch Frakturen der Extremitäten)
  • subakute und zeitlich unklare Frakturen (insbesondere Gesicht, Extremitäten und Wirbelsäule)
  • Weichteilverletzungen (z.B. Hämatome und Lazeration)
Bewertung der Bildbefunde und Rolle der Radiologie
  • Radiologische Befunde und Bilddaten tragen auch zur Dokumentation des physischen Verletzungsausmaßes bei.
  • Die Verletzungsmuster bei erwachsenen Opfern häuslicher Gewalt ähneln allerdings denen aufgrund anderer Verletzungsursachen.
  • Der positive prädiktive Wert für das mögliche Vorliegen von häuslicher Gewalt einer radiologischen Untersuchung allein, ist begrenzt, kann jedoch durch die Beachtung des Gesamtkontextes besser eingeschätzt und dadurch gesteigert werden.
  • Dazu können gehören: nicht zur Anamnese passende Verletzungsmuster, die Darstellung mehrzeitiger Verletzungen und gehäufte radiologische Untersuchungen in der Vergangenheit.
  • Die ergänzende Sichtweise des Radiologen/der Radiologin auf den Fall und die oft etwas ruhigere Situation beim Anfertigen und Befunden der Untersuchungen (verglichen mit der Notaufnahme) können dadurch die Erkennung von häuslicher Gewalt erleichtern.



Zeugen und Zeuginnen häuslicher Gewalt

Bezugspersonen und Familienangehörige, aber auch Nachbarn und Nachbarinnen oder Arbeitskollegen und Arbeitskolleginnen können potenzielle Zeugen und Zeuginnen häuslicher Gewalt werden. Die Kooperation und Einwilligung des Opfers sind die wichtigsten Voraussetzungen, um als Zeuge oder Zeugin zu intervenieren. Eine Intervention durch einen Zeugen oder eine Zeugin kann das Gespräch mit dem Opfer, die Hilfe beim Zugang zu Hilfsdiensten oder die Unterstützung bei der Meldung häuslicher Gewalt an die Behörden umfassen.


Faktoren, die eine Intervention von Zeugen und Zeuginnen hemmen oder fördern

  • Zeugen und Zeuginnen haben häufig den starken Wunsch, einzugreifen, aber nicht unbedingt häusliche Gewalt bei der Polizei anzuzeigen. Die Möglichkeit, anonym zu bleiben, kann sie dazu ermutigen, häusliche Gewalt den Behörden zu melden.
  • Das Verständnis von häuslicher Gewalt und das Wissen, wie Opfer unterstützt werden können, kann Zeugen und Zeuginnen zum Einschreiten motivieren. Dies unterstreicht die wichtige Bedeutung von Sensibilisierungskampagnen, die das Verständnis fördern, und helfen die Anzeichen von häuslicher Gewalt (insbesondere nicht-körperliche Gewalt) zu erkennen, sowie eine Anleitung wie Opfer unterstützt werden können an die Hand zu geben.
  • Im Gesundheits- und Sozialwesen ist die Meldepflicht ein entscheidender Faktor, denn Zeugen und Zeuginnen sind dazu verpflichtet den Behörden häusliche Gewalt zu melden. Diese Verpflichtungen unterscheiden sich jedoch von Land zu Land, und der wahrgenommene Konflikt zwischen Melde- und Schweigepflicht kann sie davon abhalten, eine Anzeige zu erstatten.
  • Zeugen und Zeuginnen melden in der Regel eher häusliche Gewalt bei den Behörden, wenn Kinder involviert sind. Wenn sie dennoch häusliche Gewalt nicht melden, kann es daran liegen, dass sie besorgt darüber sein könnten, dass die Kinder von ihren Eltern getrennt werden oder als Ergebnis einer polizeilichen Untersuchung ein Trauma erleben.
  • Weitere Faktoren, die Zeugen und Zeuginnen von einem Eingreifen abhalten können, sind eine negative Wahrnehmung des Polizei- und Justizsystems, Angst um die eigene Sicherheit und das Missverständnis, dass häusliche Gewalt eine Privatangelegenheit sei.

Empfehlungen

  • Es besteht ein großer Handlungsbedarf, Maßnahmen umzusetzen, die Zeugen und Zeuginnen sensibilisieren und zum Handeln ermutigen. Für Fachkräfte, die verpflichtet sind, häusliche Gewalt anzuzeigen, sind weitere Informationen erforderlich.
  • Es ist von entscheidender Bedeutung, dass die Polizei- und Justizbehörden ihre Bemühungen verstärken, Berichte über häusliche Gewalt so zu behandeln, dass sowohl Opfer als auch Zeugen und Zeuginnen geschützt werden.
  • Weitere Forschung ist erforderlich, um sicherzustellen, dass relevante Maßnahmen zur Förderung und Ermöglichung der Zeugenintervention, wie z.B. Sensibilisierungskampagnen und Helplines/Hotlines, überwacht und bewertet werden, um ihre Wirksamkeit zu maximieren.

Weitere Informationen zu den entscheidenden Faktoren für eine Zeugenintervention bei häuslicher Gewalt finden Sie hier: https://eige.europa.eu/gender-based-violence/eiges-work-gender-based-violence/intimate-partner-violence-and-witness-intervention?lang=sl