Modul 2: Indikatoren für häusliche Gewalt

Indikatoren bei Erwachsenen
Indikatoren bei Kindern
Zeugen und Zeuginnen häuslicher Gewalt
Häusliche Gewalt im Schulsektor

Lernziele

Lernziele dieses Moduls sind Indikatoren für häusliche Gewalt und deren Risikoabschätzung zu lernen und dafür sensibilisiert zu werden. Ein Augenmerk soll hier noch gesondert auf Indikatoren im Schulsektor gelegt werden.


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Indikatoren bei Erwachsenen

Im Folgenden sind Indikatoren aufgeführt, die mit Opfern häuslicher Gewalt in Verbindung gebracht werden, jedoch auch in anderen Zusammenhängen auftreten können. Einige Indikatoren sind recht subtil, und es ist wichtig, aufmerksam zu bleiben und angemessen zu reagieren. Einige Opfer geben auch Hinweise im Gespräch und ihr Verhalten kann ebenfalls aufschlussreich sein. Opfer sind daher darauf angewiesen, dass ihnen zugehört wird, man beharrlich ist und sich nach Zeichen und Hinweisen erkundigt. Die Verwendung dieser Indikatoren kann die Praxis des direkten Fragens ergänzen.

Physische Indikatoren
  • Unerklärliche Blutergüsse und andere Verletzungen (insbesondere Kopf-, Hals- und Gesichtsverletzungen, Blutergüsse verschiedener Stadien, erlittene Verletzungen passen nicht zur Anamnese, Bissspuren, ungewöhnliche Verbrennungen, Verletzungen an nicht einsehbaren Körperteilen (einschließlich Brust, Bauch und/oder Genitalien), insbesondere bei einer Schwangerschaft
  • Fehlgeburten und andere Schwangerschaftskomplikationen
  • Chronische Erkrankungen einschließlich Kopfschmerzen, Schmerzen und Beschwerden in Muskeln, Gelenken und Rücken
  • Sexuell übertragbare Infektionen und andere gynäkologische Probleme
Psychologische Indikatoren
  • Emotionale Belastung, z.B. Angst, Unentschlossenheit, Verwirrung und Feindseligkeit
  • Schlaf- und Essstörungen
  • Angstzustände / Depressionen/ pränatale Depressionen
  • Psychosomatische Beschwerden
  • Selbstverletzung oder Selbstmordversuche
  • Ausweichend oder beschämt über Verletzungen
  • Der Partner bzw. die Partnerin oder ein anderes Familienmitglied übernimmt den Großteil der Gespräche und besteht darauf, bei dem Patienten bzw. der Patientin zu bleiben
  • Ängstlich in der Gegenwart des Partners bzw. der Partnerin oder eines anderen Familienmitgliedes
  • Widerwille, Ratschläge zu befolgen
  • Soziale Isolation / kein Zugang zu Verkehrsmitteln
  • Unterwürfiges Verhalten / geringes Selbstwertgefühl
  • Alkohol- oder Drogenmissbrauch
  • Angst vor Körperkontakt
  • Nervöse Reaktionen auf Körperkontakt / schnelle und unerwartete Bewegungen
Sonstige Indikatoren
  • Mehrere Vorstellungen in der Notaufnahme
  • Patient / Patientin erscheint nach der offiziellen Sprechstunde
  • Häufige Abwesenheit beispielsweise von der Arbeit oder vom Studium
Mögliche Indikatoren für sexuelle Gewalt
  • Selbstschädigendes Verhalten
  • Ungewollte Schwangerschaften / Abtreibungen
  • Komplikationen während der Schwangerschaft
  • Fehlgeburten

Indikatoren bei Kindern

Physische Indikatoren
  • Schwierigkeiten beim Essen/Schlafen
  • Langsame Gewichtszunahme bei Säuglingen
  • Körperliche Beschwerden
  • Essstörungen

Psychologische Indikatoren
  • Aggressives Verhalten und aggressive Sprache
  • Depressionen, Angstzustände und /oder Selbstmordversuche
  • Nervöses und zurückgezogenes Auftreten
  • Schwierigkeiten, sich an Veränderungen anzupassen
  • Regressives Verhalten bei Kleinkindern
  • Verzögerungen oder Probleme bei der Sprachentwicklung
  • Psychosomatische Krankheiten
  • Ruhelosigkeit und Konzentrationsprobleme
  • Abhängige, traurige oder verschwiegene Verhaltensweisen
  • Bettnässen
  • Tierquälerei
  • Auffälliger Rückgang der Schulleistungen
  • Kämpfen mit Gleichaltrigen
  • Überfürsorglich oder Angst davor, die Mutter oder den Vater zu verlassen
  • Diebstahl und soziale Isolation
  • Sexuell missbräuchliches Verhalten
  • Gefühle der Wertlosigkeit



Zeugen und Zeuginnen häuslicher Gewalt

Bezugspersonen und Familienangehörige, aber auch Nachbarn und Nachbarinnen oder Arbeitskollegen und Arbeitskolleginnen können potenzielle Zeugen und Zeuginnen häuslicher Gewalt werden. Die Kooperation und Einwilligung des Opfers sind die wichtigsten Voraussetzungen, um als Zeuge oder Zeugin zu intervenieren. Eine Intervention durch einen Zeugen oder eine Zeugin kann das Gespräch mit dem Opfer, die Hilfe beim Zugang zu Hilfsdiensten oder die Unterstützung bei der Meldung häuslicher Gewalt an die Behörden umfassen.


Faktoren, die eine Intervention von Zeugen und Zeuginnen hemmen oder fördern

  • Zeugen und Zeuginnen haben häufig den starken Wunsch, einzugreifen, aber nicht unbedingt häusliche Gewalt bei der Polizei anzuzeigen. Die Möglichkeit, anonym zu bleiben, kann sie dazu ermutigen, häusliche Gewalt den Behörden zu melden.
  • Das Verständnis von häuslicher Gewalt und das Wissen, wie Opfer unterstützt werden können, kann Zeugen und Zeuginnen zum Einschreiten motivieren. Dies unterstreicht die wichtige Bedeutung von Sensibilisierungskampagnen, die das Verständnis fördern, und helfen die Anzeichen von häuslicher Gewalt (insbesondere nicht-körperliche Gewalt) zu erkennen, sowie eine Anleitung wie Opfer unterstützt werden können an die Hand zu geben.
  • Im Gesundheits- und Sozialwesen ist die Meldepflicht ein entscheidender Faktor, denn Zeugen und Zeuginnen sind dazu verpflichtet den Behörden häusliche Gewalt zu melden. Diese Verpflichtungen unterscheiden sich jedoch von Land zu Land, und der wahrgenommene Konflikt zwischen Melde- und Schweigepflicht kann sie davon abhalten, eine Anzeige zu erstatten.
  • Zeugen und Zeuginnen melden in der Regel eher häusliche Gewalt bei den Behörden, wenn Kinder involviert sind. Wenn sie dennoch häusliche Gewalt nicht melden, kann es daran liegen, dass sie besorgt darüber sein könnten, dass die Kinder von ihren Eltern getrennt werden oder als Ergebnis einer polizeilichen Untersuchung ein Trauma erleben.
  • Weitere Faktoren, die Zeugen und Zeuginnen von einem Eingreifen abhalten können, sind eine negative Wahrnehmung des Polizei- und Justizsystems, Angst um die eigene Sicherheit und das Missverständnis, dass häusliche Gewalt eine Privatangelegenheit sei.

Empfehlungen

  • Es besteht ein großer Handlungsbedarf, Maßnahmen umzusetzen, die Zeugen und Zeuginnen sensibilisieren und zum Handeln ermutigen. Für Fachkräfte, die verpflichtet sind, häusliche Gewalt anzuzeigen, sind weitere Informationen erforderlich.
  • Es ist von entscheidender Bedeutung, dass die Polizei- und Justizbehörden ihre Bemühungen verstärken, Berichte über häusliche Gewalt so zu behandeln, dass sowohl Opfer als auch Zeugen und Zeuginnen geschützt werden.
  • Weitere Forschung ist erforderlich, um sicherzustellen, dass relevante Maßnahmen zur Förderung und Ermöglichung der Zeugenintervention, wie z.B. Sensibilisierungskampagnen und Helplines/Hotlines, überwacht und bewertet werden, um ihre Wirksamkeit zu maximieren.

Weitere Informationen zu den entscheidenden Faktoren für eine Zeugenintervention bei häuslicher Gewalt finden Sie hier: https://eige.europa.eu/gender-based-violence/eiges-work-gender-based-violence/intimate-partner-violence-and-witness-intervention?lang=sl


Häusliche Gewalt im Schulsektor

Äußerungen, sichtbare Verletzungen, Verhaltensauffälligkeiten oder Verhaltensänderungen eines Kindes oder Jugendlichen könnten ein Hinweis dafür sein, dass Gewalt in einer Familie vorhanden ist und Erzieher und Erzieherinnen, Schulsozialarbeiter und Schulsozialarbeiterinnen sowie Lehrer und Lehrerinnen sollten dafür sensibilisiert sein. Das oberste Ziel sollte in jedem Fall die Beendigung der Gewalt gegenüber einem Kind oder Jugendlichen oder einem bzw. einer Erziehungsberechtigten sein. In den meisten Fällen häuslicher Gewalt ist die beste Hilfe für das Kind oder den Jugendlichen, wenn die Erziehungsberechtigten selbst eine Veränderung der Situation anstreben. Sie dazu zu ermutigen und ihnen einen Zugang zur Hilfe zu ermöglichen, ist eine wichtige Aufgabe im Schulsektor.


Mögliche Handlungsschritte für den Umgang mit vermuteter häuslicher Gewalt
  • Beobachtung von Verhaltensauffälligkeiten eines Kindes oder Jugendlichen
  • Dokumentation
  • Reflexion der Beobachtung
  • Vermutungen über mögliche Ursachen für das Verhalten des Kindes oder Jugendlichen (Hypothesen bilden)
  • Einbindung eines/einer Kolleg/-in
  • Teambesprechung (Kollegiale Beratung)
  • Einbindung der Leitung
  • Entscheidung über die weitere Vorgehensweise und Absprache weiterer Handlungsschritte

Der letzte Schritt „Entscheidung über die weitere Vorgehensweise und Absprache weiterer Handlungsschritte” muss je nach Fall individuell gestaltet werden. Eine Möglichkeit wäre das Gespräch mit der Mutter oder/und dem Vater des verhaltensauffälligen Kindes oder Jugendlichen. Dabei sollte an erster Stelle die beobachtete und dokumentierte Verhaltensauffälligkeit des Kindes oder Jugendlichen thematisiert werden. Wenn im Gespräch deutlich wird, dass die Mutter oder der Vater von häuslicher Gewalt betroffen sein könnte, dann ist es wichtig ein weiteres Gespräch mit ihr oder ihm unter vier Augen zu führen. Dabei sollte stets Vertraulichkeit zugesichert und auf Hilfemöglichkeiten wie zum Beispiel Beratungsstellen, anonyme telefonische Beratung, etc. hingewiesen werden.

Die Zusammenarbeit mit der Mutter und dem Vater als Erziehungspartner/-innen sollte sehr sensibel angelegt sein und damit langfristig gesichert werden. Sind Mütter und/oder Väter nicht bereit, die Probleme zu bearbeiten und Hilfeangebote zu nutzen, dann ist eine Zusammenarbeit mit anderen Institutionen ohne das Einverständnis der Eltern nur möglich, wenn das Kindeswohl gefährdet zu sein scheint, sonst muss die Schule den Datenschutz gewährleisten. Es besteht jedoch die Möglichkeit, sich telefonisch oder persönlich von unterschiedlichen Hilfeorganisationen beraten zu lassen, ohne die Daten der betroffenen Familie preiszugeben. Sollte das Kindeswohl gefährdet sein, muss das Jugendamt informiert werden; Kindeswohl geht vor Datenschutz. Auch für die Abklärung einer möglichen Gefährdung des Kindeswohls kann das Jugendamt erst einmal unter Wahrung der Anonymität der betroffenen Familie befragt werden, um dann über weitere Schritte entscheiden zu können, z.B. das Jugendamt offiziell einzuschalten.


Empfehlungen zum Vorgehen bei Verdacht auf häusliche Gewalt

Nichts überstürzen

Eigene Empfindungen, Unsicherheiten und Ängste können im Gespräch mit Kollegen und Kolleginnen, bei Beratungsstellen oder dem bezirklichen Jugendamt thematisiert werden. Gehen Sie dabei behutsam und vorsichtig mit Ihrem Verdacht um, damit unkontrolliertes Agieren anderer Personen vermieden wird. Alles, was Sie tun, muss sich am Wohl des Kindes oder Jugendlichen orientieren.

Verdacht abklären

Auffälliges Verhalten kann sehr unterschiedliche Gründe haben: ein Kind oder Jugendlicher kann sich in einer schwierigen Lebenssituation befinden, vielleicht lassen sich die Eltern gerade scheiden, oder wichtige Bezugspersonen wie Großeltern sind gestorben. Eine mögliche Ursache für auffälliges Verhalten kann jedoch auch das Miterleben von häuslicher Gewalt oder Opfer von häuslicher Gewalt sein. Man sollte sich daher immer fragen worauf sich der Verdacht auf häusliche Gewalt gründet und ob Misshandlung, Vernachlässigung, sexueller Missbrauch oder häusliche Gewalt die einzige Erklärung für die Auffälligkeit des Kindes oder Jugendlichen ist oder ob nicht auch andere Ursachen in Betracht kommen können.

Dokumentieren

Tragen Sie Ihre Beobachtungen zusammen und machen Sie sich Aufzeichnungen. Systematische Aufzeichnungen über Verhaltensweisen, Äußerungen und Handlungen des Kindes sind eine wichtige Informationsquelle für die Bewertung des Verdachtes und die Planung des weiteren Vorgehens. Daraus können dann im Team/Kollegium Ursachen für das Verhalten und weitere Handlungsschritte für das konkret betroffene Kind oder den Jugendlichen entwickelt werden. Die Beobachtungen und Dokumentationen können als Grundlage für die Kommunikation mit den Eltern und mit anderen Institutionen/Organisationen, z.B. dem Jugendamt, dienen.

Mit dem Kind oder Jugendlichen sprechen
  • Suchen Sie den Kontakt und das Gespräch mit dem Kind oder Jugendlichen und signalisieren Sie ihm, dass Sie auf seiner Seite sind und ihm helfen werden. Machen Sie keine Versprechungen, die Sie nicht einhalten können.
  • Benutzen Sie die Sprachebene des Kindes oder Jugendlichen und stellen Sie offene Fragen (keine Alternativ- oder Suggestivfragen). Ermutigen Sie das Kind oder den Jugendlichen, Ihnen von seiner Situation zu Hause zu erzählen. „Nebensächlichkeiten“, die etwas über Regeln und Kontrolle aussagen, können Ihnen einen Eindruck von der Lebenssituation des Kindes oder Jugendlichen vermitteln.
    • „Wie läuft es zu Hause?“ / „Viele Kinder, die auffällig in der Schule sind, haben Probleme zu Hause. Gibt es jemanden in deiner Familie, der Druck auf dich ausübt?“
    • „Wie kommst du mit deinen Eltern/Geschwistern/anderen Familienmitgliedern aus?“
    • „Gibt es etwas, über das du traurig oder besorgt bist?“
    • „Manche Kinder können zu Hause Angst bekommen. Was glaubst du, macht ihnen Angst?“ / „Gibt es Zeiten, in denen du Angst zu Hause hast?“
  • Helfen Sie dem Kind oder Jugendlichen, über seine Erfahrungen, Gefühle und Nöte sprechen zu können. Wenn das Kind oder der Jugendliche nicht sprechen möchte, bieten Sie ein Gespräch zu einem späteren Zeitpunkt an.
  • Stärken Sie das Selbstwertgefühl des Kindes oder Jugendlichen, indem Sie deutlich machen, dass Gewalt niemals in Ordnung ist und es keine Schuld trägt. Bestärken und bestätigen Sie, dass die Gefühle des Kindes oder Jugendlichen richtig sind. Unterstützen Sie das Kind oder den Jugendlichen dabei, die eigenen Grenzen und die der anderen wahrzunehmen und zu respektieren. Ein Geheimnis, das Angst macht und gefährlich ist, sich unheimlich oder bedrohlich anfühlt, von dem man Bauchschmerzen oder sogar Alpträume bekommen kann, ist kein richtiges Geheimnis – man darf darüber sprechen, auch wenn man versprochen hat, es nicht zu tun.
    • „Gewalt ist niemals in Ordnung.“
    • „Du bist nicht schuld.“
    • „Du darfst dich wütend/traurig/verunsichert/etc. fühlen.“
    • „Du darfst darüber sprechen, auch wenn du versprochen hast, es nicht zu tun.“
    • „Wir werden gemeinsam etwas tun, um Hilfe zu bekommen.“
  • Glauben Sie dem Kind oder Jugendlichen. Hören Sie aufmerksam zu und bagatellisieren Sie nichts. Sagen Sie dem Kind oder Jugendlichen, dass es hilfreich ist, darüber zu sprechen.
    • „Ich glaube dir.“
    • „Ich bin froh, dass du zu mir gekommen bist.“
    • „Es tut mir leid, dass das passiert ist.“
  • Stimmen Sie das weitere Vorgehen mit dem Kind oder Jugendlichen ab, sofern das möglich ist.
  • Sie sollten sich versichern, dass eine Kontaktaufnahme zur Unterstützung des Kindes oder Jugendlichen mit Erziehungsberechtigten oder anderen Vertrauenspersonen im Einverständnis mit dem Kind oder Jugendlichen geschieht und seine Lage nicht verschlimmert. Fragen Sie nach den Beziehungen des Kindes oder Jugendlichen zu Vater, Mutter, Geschwistern, anderen Verwandten, Freunden und Bekannten. Nehmen Sie den Kontakt mit der Familie oder Bezugspersonen des Kindes oder Jugendlichen behutsam auf.
Mit den Erziehungsberechtigten sprechen
  • Überprüfen Sie stets Ihre eigenen Erfahrungen und persönlichen Haltungen zu häuslicher Gewalt kritisch.
  • Hinterfragen Sie Ihre eigene Einstellung zur betreffenden Familie.
    • „Bin ich innerlich aggressiv gegen die Eltern?“, „Was könnte dazu beitragen?“
    • „Interessiert mich, was sie selber zu den Problemen zu sagen haben – oder nicht?“
    • „Habe ich ein Gespür für ihre Ängste und kann ich verstehen, warum sie lieber nicht darüber reden wollen?“
  • Teilen Sie Ihre Sorge um das Kind oder den Jugendlichen, anstatt ein Fehlverhalten der Erziehungsberechtigten in den Mittelpunkt zu stellen.
    • „Machen Sie sich auch manchmal Sorgen um…?“
    • „Sie/er wirkt manchmal so bedrückt, und wir wissen nicht, warum.“
  • Benennen Sie mögliche Hürden.
    • „Ich kann verstehen, warum Ihnen dieses Gespräch schwerfällt.“
    • „Wir sehen, dass Ihr Kind verletzt ist. Lassen Sie uns gemeinsam überlegen, wie wir sicher gehen können, dass das nicht wieder vorkommt.“
    • „Ich sehe, dass Sie verletzt sind und ich mache mir Sorgen um Sie und Ihr Kind.“
  • Wenn Sie den Eindruck haben, dass persönliche Grenzen erreicht werden, so dass die Weiterführung des Gesprächs nicht möglich ist, ist es sinnvoll, das Gespräch auf einen späteren Zeitpunkt zu vertagen.
    • Diese Unterbrechung gibt Gelegenheit, „erstmal über das Gesagte nachdenken“ zu können.
    • Jedes Gespräch sollte mit der Verabredung beendet werden, weiter im Austausch zu bleiben.
    • Im Falle des Verdachts auf Gewalt in der Familie muss deutlich werden, dass Ihnen daran liegt, Hilfestellung und Unterstützung insbesondere für das Kind/den Jugendlichen anzubieten, sowie den beteiligten Erwachsenen in offenbar schwieriger Situation zu zeigen, dass es Auswege und Hilfen gibt.
Fachliche Absicherung

Für die Unterstützung bei einem Verdacht von häuslicher Gewalt können Beratungsstellen, Jugendämter und andere Ansprechpartner und Ansprechpartnerinnen kontaktiert werden. Wenn die Lage für das Kind oder den Jugendlichen bedrohlich ist und Sie sicher sind, etwas zu seinem Schutz unternehmen zu müssen, schalten Sie nach Absprache mit der Schulleitung das Jugendamt ein. Bewährt haben sich beim Schutz von Kindern und Jugendlichen vor Misshandlung und Vernachlässigung örtliche und regionale Hilfesysteme. Hier findet eine „institutionalisierte Zusammenarbeit“ durch Arbeitskreise statt, in denen sich regelmäßig Fachkräfte der Jugendhilfeträger, Schulen, Polizei, Justiz, der Gesundheits- und Vorsorgeämter, der Kinder- und Jugendpsychiatrie und der Ärzteschaft treffen, um ihr Handeln aufeinander abzustimmen.

Kenntnisse erweitern

Informieren Sie sich durch Fortbildungen zu diesem Thema, um eigene Unsicherheiten und Ängste abzubauen.

Fort- und Weiterbildungsangebote im Bereich häuslicher Gewalt im sozialen Sektor finden Sie hier.


An wen kann ich mich wenden?

Die Hilfen, die ein von häuslicher Gewalt mitbetroffenes Kind oder Jugendlicher und dessen Familie benötigen, sind meist sehr komplex und zeitintensiv. Sie können nicht von einer Person oder Einrichtung allein erbracht werden. Die Zusammenarbeit mit anderen Hilfeeinrichtungen ist erforderlich.

Sie haben dazu folgende Möglichkeiten, wobei bei allen nachfolgend genannten Angeboten eine anonyme Beratung möglich ist:

  • Bleiben Sie im Austausch mit Kollegen und Kolleginnen und Vorgesetzten, insbesondere in Phasen, in denen Sie verunsichert sind. Führen Sie Fallkonferenzen mit Ihren Kollegen und Kolleginnen (evtl. mit Einbeziehung der/-s Ansprechpartnerin/-s des Jugendamtes) durch.
  • Nehmen Sie eine telefonische oder persönliche Beratung durch die Polizei in Anspruch. Allerdings sollten Sie beachten, dass die Polizei zur Verfolgung von Straftaten verpflichtet ist. Erlangt die Polizei Kenntnis einer Kindeswohlgefährdung durch Misshandlung oder Vernachlässigung, müssen strafrechtliche Maßnahmen ergriffen werden.
  • Kontaktieren Sie das Jugendamt, wenn es Anhaltspunkte für eine Gefährdung des Kindes in der Familie gibt und die Betroffenen Hilfen aus eigenem Antrieb nicht in Anspruch nehmen können oder wollen. Auch hier können Sie zunächst eine telefonische oder persönliche Beratung in Anspruch nehmen. Jugendämter sind nicht verpflichtet, entsprechende Delikte anzuzeigen bzw. die Polizei zu informieren. Vorrang hat der Schutz des Kindeswohls, welches bei Jugendlichen häufig in Absprache mit sozialen Diensten und Beratungsstellen so wahrgenommen wird, dass individuelle Hilfe- und Schutzkonzepte entwickelt werden, die von den Jugendlichen mitgetragen werden können.
  • Die Information von Behörden oder Beratungseinrichtungen freier Träger sollte grundsätzlich mit dem Einverständnis des Kindes und der Erziehungsberechtigten erfolgen. Behördliche Stellen können aber auch ohne dieses Einverständnis einbezogen werden, wenn das Wohl des Kindes oder Jugendlichen hochgradig gefährdet ist. Die Anonymisierung des Falls stellt eine Möglichkeit dar, sich ohne eine Verletzung der Schweigepflicht kompetenten Rat einzuholen. Einrichtungen im Bereich der Jugendhilfe wie Kinder- und Jugendnotdienste, Kinderschutzzentren, Erziehungsberatungsstellen und eine Partner-, Ehe-, Familien- und Lebensberatung bieten Rat und Hilfe an.
  • Schulpsychologische Beratungsstellen können auch zur Konfliktbearbeitung einbezogen werden. Sie beraten Ratsuchende und können Kontakte zu spezialisierten anderen Beratungsstellen herstellen.
  • Einrichtungen des Gesundheitswesens wie Gesundheitsämter, niedergelassene Kinder- und Hausärzte, Kinderkliniken und Kinder- und Jugendpsychiatrische Einrichtungen haben die wichtige Aufgabe, Ursachen von Gesundheitsgefährdungen nachzugehen und schädigende Faktoren zu beseitigen. Gelegenheit hierzu bietet sich insbesondere im Rahmen der Schulgesundheitspflege, vor allem bei Einschulungsuntersuchungen.
  • Beziehen Sie bei jedem Hilfeangebot den jeweiligen kulturellen Hintergrund und die Frage des Aufenthaltsstatus ein.


Welche rechtlichen Pflichten ergeben sich für Lehrkräfte?
Muss ich bei einem Verdacht das Jugendamt informieren?

Lehrpersonen sind verpflichtet, Eltern über Anhaltspunkte für eine Kindeswohlgefährdung zu informieren, solange dadurch der Schutz des Kindes oder Jugendlichen nicht infrage gestellt wird. Es kann deshalb zur Abschätzung der Gefährdungssituation erforderlich sein, fachliche Expertise von außen zu Rate zu ziehen, bevor weitere Schritte in Erwägung gezogen werden. Bei dem begründeten Verdacht auf Vernachlässigung oder Misshandlung, ist in Abstimmung mit der Schulleitung über eine Strafanzeige zu entscheiden. Im Einzelfall kann es jedoch sinnvoller sein, zuständige Stellen wie das Jugendamt einzuschalten und andere geeignete Maßnahmen zu treffen, um dem Schüler oder der Schülerin zu helfen.

Was muss ich tun, wenn ich den Verdacht habe, dass ein Schüler oder eine Schülerin zuhause misshandelt oder vernachlässigt wird?

Es gibt keine einheitliche Anleitung, wie die Hilfe für den Schüler oder die Schülerin in Form der Einbeziehung anderer Stellen beziehungsweise die Meldung an das Jugendamt konkret ausgestaltet sein muss. Manche Bundesländer haben die Verpflichtung zur Hilfe gesetzlich klargestellt. Einige Schulen haben die Verpflichtung, bei Anzeichen auf Kindesmisshandlung oder Vernachlässigung einzuschreiten in ihre Satzung oder in das Schulprogramm aufgenommen.

Die Frage, ob die Eltern über einen Verdacht zu informieren sind, hängt stark vom Einzelfall und den entsprechenden Landesregelungen ab. Grundsätzlich haben die Eltern ein Recht auf Information, da ihnen im Rahmen ihrer Erziehungsverantwortung auch die Aufgabe obliegt, Kinder zu ihrem Wohl vor Gefahren zu schützen. Ist davon auszugehen, dass die Eltern oder andere Erziehungsberechtigte möglicherweise Täter oder Mittäter sind, sollten die Eltern zunächst nicht angesprochen werden. In diesem Einzelfall werden die Eltern auch nicht darüber informiert, dass zum Beispiel die Schule dem Jugendamt den Verdacht weitergegeben hat.

Muss ich überhaupt tätig werden?

Ja. Die Pflicht zum Handeln folgt unmittelbar aus den der Schule und damit den Lehrkräften obliegenden Fürsorgepflichten. Zu berücksichtigen ist auch, dass sich Lehrkräfte und Schulleitung unter Umständen nach dem Strafgesetzbuch strafbar machen können, wenn sie trotz deutlicher Anzeichen für Misshandlungen und Vernachlässigung an einem Schüler oder einer Schülerin gar nichts unternehmen.

Darf ich eigenmächtig handeln?

Nein. Lehrkräfte müssen den Dienstweg einhalten und insbesondere jede Aktion nach außen mit der Schulleitung abstimmen. Der Dienstweg braucht allerdings nicht schon dann eingehalten werden, wenn etwa Elterngespräche geführt oder informeller Rat von anderen Institutionen (zum Beispiel dem Jugendamt) eingeholt werden.

Habe ich eine Anzeigepflicht bei der Polizei?

Nein. Es besteht keine gesetzlich bestimmte Anzeigepflicht bei der Polizei oder einer anderen zuständigen Stelle anlässlich eines Verdachts auf Kindesmisshandlung oder Vernachlässigung.

Angenommen, der Verdacht stellt sich als falsch heraus, muss ich dann nicht selber eine Anzeige der fälschlicherweise verdächtigten Eltern befürchten?

Nur wenn die Lehrkraft bzw. die Schule objektive Tatsachen außer Acht lassen, kann es passieren, dass die zu Unrecht erstattete Anzeige wegen möglicher Kindesmisshandlung nachteilige Folgen für den Anzeigenerstatter hat.

Muss ich kooperieren, wenn ich vom Jugendamt oder der Polizei bei einem Verdacht auf Kindesmisshandlung um Hilfe gebeten werde?

Ja. In einem solchen Ermittlungsverfahren hätten Sie die Stellung eines Zeugen. Weitere Verpflichtungen ergeben sich gegebenenfalls aus den jeweiligen landesbeamtenrechtlichen Vorschriften.

Muss die Schule die Eltern des betroffenen Kindes oder Jugendlichen benachrichtigen, wenn sie sich entschlossen hat, die Polizei oder das Jugendamt über ihren Verdacht zu informieren?

Grundsätzlich sind zunächst die Eltern auf die Anhaltspunkte hinzuweisen und gegebenenfalls aufzufordern, Hilfe des Jugendamtes in Anspruch zu nehmen. Würde durch die Beteiligung der Eltern der wirksame Schutz des Kindes oder Jugendlichen infrage gestellt, ist die Schule befugt, das Jugendamt unmittelbar zu informieren. Ihm obliegt dann die Aufgabe, den Schutzauftrag wahrzunehmen, um eine Kindeswohlgefährdung abzuwenden. Die Aufgabe, Zeugen oder mögliche Tatverdächtige anzuhören, obliegt der Polizei und der Justiz. Hier könnte eine Benachrichtigung der Eltern die Ermittlungen dann gefährden, wenn sie in den Kreis eventueller Tatverdächtiger einbezogen werden müssten.


Fallstudie: Häusliche Gewalt schadet auch Kindern

Gabby heiratete nach einer langen Beziehung ihren Ehemann Nick und zog kurz darauf auf den Bauernhof ihres Mannes um. Das Paar war auf dem Bauernhof glücklich und bekam bald ihr erstes Kind. Während der Schwangerschaft begann sich Nicks Verhalten zu ändern, und als ihre Tochter geboren wurde, „fühlte“ sich die Beziehung nicht mehr wie zuvor an. Nick wirkte zurückgezogen und verbrachte lange Zeit allein. Er begann, Gabby an Nicks Vater zu erinnern, der immer sehr streng gegenüber Nick war.

Nicks Verhalten wurde bedrohlich und kontrollierend, insbesondere in Bezug auf Geld und soziale Kontakte. Er wurde bei Auseinandersetzungen zunehmend aggressiv, schrie oft und warf Gegenstände durch den Raum. Gabby dachte, da er sie nicht körperlich verletzte, stelle sein Verhalten keinen Missbrauch dar. Nick zeigte kein großes Interesse an der Tochter Jane, außer in der Öffentlichkeit, wo er ein vernarrter und liebevoller Vater zu sein schien.

Jane war im Allgemeinen ein wohlerzogenes Kind, aber Gabby stellte fest, dass sie nicht in der Lage war, sie bei jemand anderem zu lassen. Jane weinte und wurde sichtlich verzweifelt, wenn Gabby sie jemand anderem übergab. Dies war für Gabby belastend und bedeutete auch, dass ihre sozialen Aktivitäten weiter eingeschränkt wurden.

Jane brauchte lange Zeit, um zu krabbeln, zu gehen und zu sprechen. Ihr Schlafmuster wurde unterbrochen, und Gabby schlief die Nacht nicht oft durch, selbst als Jane über 12 Monate alt war. Als Jane zu sprechen begann, entwickelte sie ein Stottern, was ihre Sprachentwicklung weiter behinderte. Gabby machte sich große Sorgen um Jane. Ihr Hausarzt sagte ihr, dass dies bei einigen Kindern normal sei und dass sie, wenn die Sprachprobleme fortbestünden, Jane jederzeit zu einem späteren Zeitpunkt zu einem Spezialisten schicken können.

Nach einigen Jahren wurde Nicks Verhalten für Gabby inakzeptabel. Während der Auseinandersetzungen hatte er das Gewehr, das er für landwirtschaftliche Zwecke gekauft hatte, in die Hand genommen, und Gabby empfand dies als sehr bedrohlich. Bei einer Reihe von Gelegenheiten trafen Gegenstände, die Nick warf, Gabby, und sie hatte zunehmend Angst um ihre Tochter. Gabby beschloss, das Haus zu verlassen, und wandte sich an die örtliche Frauenberatungsstelle, die ihr half, ein Annäherungsverbot gegen Nick zu erwirken.

Nachdem Jane keinen Kontakt mir Nick mehr hatte, änderte sich ihr Verhalten. Janes Entwicklung schien sich zu beschleunigen, und Gabby konnte zuerst nicht verstehen, warum. Im Rahmen ihrer Beratung bei einer örtlichen Beratungsstelle erörterte sie dieses Thema, und ihre Beraterin erklärte ihr, dass die die Entwicklungsverzögerung, das Stottern, die Irritation und die Trennungsangst bei Jane dadurch kam, dass sie in einer missbräuchlichen Situation gelebt hatte.

Aufgaben zur weiteren Reflektion

(1) Welche Formen von häuslicher Gewalt liegen vor?
(2) Welche Indikatoren für häusliche Gewalt sind im Fallbeispiel zu erkennen?
(3) Wie schätzen Sie das Risiko für Gabby und ihre Tochter ein?

Zu dem breiten Spektrum von Fachleuten, Diensten und Fachstellen, die möglicherweise an der Unterstützung von Opfern häuslicher Gewalt beteiligt sind gehören – ohne darauf beschränkt zu sein – Dienste der primären und sekundären Gesundheitsfürsorge, der psychischen Gesundheitsfürsorge, der Dienste für sexuelle Gewalt, der Sozialfürsorge, der Strafverfolgungsbehörden, der Polizei, der Bewährungshilfe, der Jugendgerichtsbarkeit, des Substanzmissbrauchs, spezialisierter Agenturen für häusliche Gewalt, Kinderdienste, Wohnungsdienste und Bildung. Die untere Flowchart illustriert die Zusammenarbeit all dieser Dienste im Kontext häuslicher Gewalt.



Adaptiert nach einer Fallstudie aus RACGP (2014): Abuse and Violence: Working with our patients in general practice


Quellen

Böhm, Christian (2013/2014): Kooperation von Jugendhilfe und Schule im Bereich Kinder- und Jugendschutz. In: IzKK-Nachrichten (1), S. 20–25.

Buchholz, Thomas (2011): Kinderschutz bei Kindeswohlgefährdung als Aufgabe von Schule und Jugendhilfe. In: Jörg Fischer, Thomas Buchholz und Roland Merten (Hg.): Kinderschutz in gemeinsamer Verantwortung von Jugendhilfe und Schule. 1. Aufl. Wiesbaden: VS Verlag, S. 93–116.

Buschhorn, Claudia; Rüsch, Detlef (2018): Kindeswohlgefährdung und Kinderschutz. In: Herbert Bassarak (Hg.): Lexikon der Schulsozialarbeit. Baden-Baden: Nomos, S. 277–278.

https://www.big-berlin.info/sites/default/files/medien/wegweiser_erzieherinnen.pdf

http://gewaltpraevention.bildung-rp.de/fileadmin/user_upload/oekonomische.bildung-rp.de/Gewaltpraevention/Handreichung-Kindesmisshandlung.pdf