Fallstudien und Szenarienbasiertes Lernen

Fallstudien
Szenarienbasiertes Lernen
Modulares Instrument – Integration der Risikobewertung in die Ersthilfe bei häuslicher Gewalt

Fallstudien

Fallstudie: Offenlegung von häuslicher Gewalt gegenüber dem Hausarzt

Sabrina ist Buchhalterin, 30 Jahre alt, und seit acht Jahren mit einem Bauarbeiter verheiratet. Sie stellt sich ihrem Hausarzt mit ständiger Müdigkeit und Kopfschmerzen vor, die sie seit über einem Jahr plagen. Die Kopfschmerzen haben sich im letzten Monat (seit der Entlassung ihres Mannes) verschlimmert und sind am Ende des Tages am schlimmsten. Sie hat Schlafprobleme und berichtet über Schmerzen am ganzen Körper. Sie war im vergangenen Jahr in mehreren Kliniken, es wurde aber nichts gefunden. Niemand konnte ihr helfen. Es wurden Bluttests gemacht, ihr wurden Schmerzmittel verschrieben, ihr wurde geraten, sich mehr zu bewegen und ihre Ernährung umzustellen. Beim heutigen Termin, so Sabrina, brauche sie dringend etwas, das für sie getan werden könne, da ihr Mann wegen der fehlenden Ergebnisse langsam ungeduldig werde. Sie sei besorgt, dass er sehr wütend auf sie werden würde, wenn sie heute nach Hause zurückkehre. Sabrinas Arzt fragt: „Was passiert, wenn Ihr Partner wütend wird?“ Diese Frage ist ihr bisher noch nicht gestellt worden, und Sabrina zögert mit der Antwort. Ihr Arzt sagt: „Ich würde wirklich gerne hören, was zu Hause vor sich geht.“ Sabrina bricht in Tränen aus, und langsam erzählt sie von ihren Erfahrungen mit Partnergewalt. Nachdem der Arzt das Risiko mithilfe festgelegter Verfahren bewertet hat, kommt er zu der Einschätzung, dass Sabrina derzeit nicht in akuter Gefahr ist, dass die Gewalt eskaliert. Sabrina bestätigt, dass sie das Gefühl hat, mit dem, was jetzt geschieht, umgehen zu können. Sie möchte daher nicht in ein Frauenhaus vermittelt werden und sich auch nicht bei der Polizei melden. Diese Optionen wurden ihr von ihrem Arzt – trotz des nicht akuten Risikos einer Gewalteskalation – angeboten. Sie vereinbaren einen Folgetermin zur weiteren Unterstützung. Der Arzt weist Sabrina auf die Nummer der Gewaltopferhotline hin, bei der Sabrina sich jederzeit melden kann.

Fallstudie: Offenlegung häuslicher Gewalt in der Arztpraxis

Wir befinden uns in einer Hausarztpraxis und eine 25-jährige Patientin kommt in die Sprechstunde.

A: „Guten Morgen Frau Schmidt, was kann ich heute für Sie tun?“

P: „Ich fühle mich momentan total überlastet und wollte fragen, ob Sie mich vielleicht für zwei Wochen krankschreiben können.“

A: „Gibt es einen bestimmten Grund, warum Sie sich überlastet fühlen? Ist das früher schon mal aufgetreten?“

P: „Ich habe mich noch nie zuvor wegen Überlastung krankschreiben lassen. Ich habe mich gerade frisch getrennt und mir wird momentan einfach alles zu viel.“

A: „Ich kann Sie natürlich gerne krankschreiben. Aber wenn Sie sich durch die Situation so überlastet fühlen, würde ich Ihnen gerne noch weitere Hilfe anbieten. Möchten Sie vielleicht mit mir darüber sprechen?“

P: „Mmh, mir ist es eigentlich sehr unangenehm, darüber zu sprechen. In meiner früheren Beziehung gab es einige Probleme. Mein Freund war sehr kontrollsüchtig und hat immer mein Handy kontrolliert. Wir hatten ständig Streit, sobald ich mich mit meinen Freunden oder meiner Familie treffen wollte. Dadurch habe ich mich immer mehr isoliert und war irgendwann nur noch mit meinem Freund unterwegs. Nachrichten von meinen Freunden wurden gelesen, bevor ich sie lesen konnte. Ich habe mich dann doch letztendlich getrennt, aber ich weiß nicht, ob das die richtige Entscheidung war.

A: „Wenn Ihr Freund Sie so kontrolliert und drangsaliert hat, warum denken Sie, dass die Trennung nicht richtig war?“

P: „Er ruft mich ständig an und schickt mir Nachrichten. Er setzt mich unter Druck, indem er sagt, dass er ohne mich nicht leben könne und sich was antue, wenn ich nicht mehr zurückkäme. Ständig sehe ich sein Auto auf dem Parkplatz, egal ob beim Einkaufen, an der Arbeit oder beim Treffen mit Freunden. Immer habe ich das Gefühl, dass er in der Nähe ist. Kann das noch Zufall sein? Ich habe mich bereits zweimal mit ihm getroffen, weil er mir so leid tat und ich Angst hatte, dass er sich wirklich etwas antut.“

Fallstudie: Häusliche Gewalt kann psychische Probleme verursachen

Mary ist eine berufstätige Frau in den Vierzigern, die während ihrer (inzwischen beendeten) 23-jährigen Ehe erheblicher häuslicher Gewalt ausgesetzt war. Sie verließ ihren sie misshandelnden Partner, nachdem die Gewalt so eskaliert war, dass ihre Sicherheit ernsthaft bedroht war.

„Was mir half, meinen Partner zu verlassen, war der Zugang zu Informationsmaterial über häusliche Gewalt. Ich erinnere mich, dass ich mit einer kleinen Publikation in der Hand dasaß und eine Liste verschiedener Arten von Misshandlungen durchlas: emotionale, psychologische, soziale, finanzielle und körperliche Misshandlungen sowie eine Liste mit häufigen Verhaltensweisen in den jeweiligen Formen von Gewalt. Ich befand mich wie in einem Schockzustand, weil ich die meisten der Formen mit den entsprechenden Verhaltensweisen auf der Liste ankreuzen und als „mein Leben“ wiedererkennen konnte. In dem Buch wurde auch der „Kreislauf der Gewalt“ erörtert, und ich konnte mich eng mit den darin beschriebenen Mustern identifizieren. Ich hatte mich immer für eine intelligente, gebildete Person gehalten, aber der „Kreislauf der Gewalt“ hatte in meinem Leben so viel Unheil angerichtet, dass ich nicht in der Lage war zu sehen, dass vieles eingesetzt wurde, um mich zu kontrollieren, und dass das Leben mit dem damit verbundenen Stress mich zunehmend körperlich krank machte. Ich konnte mich nicht länger selbst belügen.“

Nachdem sich Mary ihrem Hausarzt und ihren Freunden anvertraut hatte und nach vielen Gesprächen änderte sich ihr innerer Dialog. Sie fand die Kraft, sich dem Gewaltmuster zu stellen, selbstbewusster und entschlossener zu werden, wenn es darum ging, ihre Lebensumstände zu ändern.

„Es dauerte lange, lange Zeit, bis ich die Hoffnung, den Traum, dass sich die Dinge ändern würden, aufgegeben hatte. Ich hatte eine Strategie entwickelt, um missbräuchliche Ereignisse so schnell wie möglich zu vergessen, um damit fertig zu werden und sie auszuhalten. Es war oft ein enormer Schock, wenn mein Hausarzt oder Freunde mich an ein Ereignis oder daran erinnerten, wie ich mich damals gefühlt hatte. Ich hatte verzweifelt versucht, mich an die guten Dinge und Freundlichkeiten zu erinnern, die immer auf die Episoden häuslicher Gewalt folgten.

Ich kann mich nicht einmal daran erinnern, was an jenem Samstagabend der Auslöser war, aber er war sehr betrunken. Er hatte gerade den Job verloren, den er vor kurzem erst begonnen hatte. Ich saß stundenlang wie erstarrt vor Angst auf meinem Bett, während er mich anschrie, er wolle uns beide töten. Ich konnte nicht aus dem Haus gehen, aber ich schaffte es, mich in einem Schlafzimmer einzuschließen. Dort wartete ich, bis er am nächsten Tag aus dem Haus ging, bevor ich den Raum verließ. An diesem Tag ging ich zu meiner Mutter, um zu fragen, ob ich eine Weile bei ihr bleiben könnte. Aber sie hatte Angst. Ich ging nach Hause und schloss mich über Nacht wieder in meinem Zimmer ein. Am Montag fasste ich den Mut, zu meinem Hausarzt zu gehen und ihm von den Morddrohungen zu erzählen. Er riet mir, mich an die Polizei zu wenden, um Hilfe zu suchen. Die Polizei half mir dann, eine sichere Unterkunft zu finden. Ich ging nie wieder zurück nach Hause. Ich hatte nichts bei mir außer meiner Handtasche und der Kleidung, die ich trug.

In den ersten Wochen nach meiner Flucht aus dem Haus war ich sehr krank – sowohl körperlich als auch seelisch. Das Gefühl des Verlusts und der Trauer über das Leben, das ich in den letzten 23 Jahren gekannt hatte, war immens. Mein Zuhause, mein Garten, meine Haustiere und alles, was ich geschaffen hatte, befanden sich in diesem Haus. Ich konnte kaum funktionieren und brach Tag und Nacht ständig in Tränen aus – ich konnte es einfach nicht kontrollieren. Ich war extrem ängstlich. Ich konnte nicht essen; ich konnte nicht schlafen, ohne Alkohol zu trinken. Ich hatte das Gefühl, als würde ein elektrischer Strom durch meinen ganzen Körper vibrieren. Ich wollte einfach, dass alles aufhörte. Ich ertappte mich bei dem Gedanken, dass der heftige emotionale Aufruhr und die schmerzhaften körperlichen Symptome verschwinden würden, wenn ich wieder nach Hause ginge. Das war nicht das, was ich wollte, oder wie ich wollte, dass mein Leben verlief. Es war die schrecklichste und schmerzhafteste Zeit meines Lebens. Ich war unglaublich verletzlich und hatte Angst, dass mein Mann seine Selbstmorddrohungen wahr machen würde. Ich hatte Angst um meine eigene persönliche Sicherheit. Diesmal ging ich nicht zurück, obwohl ich es oft in Erwägung zog … Ich wusste, dass ich nicht überleben würde, wenn ich es täte. Ich wusste auch, dass die vielen kleinen Schritte, die ich mit Hilfe einer Reihe von Menschen, darunter auch mein Hausarzt, in Richtung Unabhängigkeit gemacht hatte, bedeuteten, dass ich nun die Kraft, Gesundheit und Unterstützung hatte, für immer wegzugehen und weg zu bleiben.“

Aufgaben

a) Was hat der Arzt getan, um Mary zu helfen?
b) Welche Agenturen und Fachleute waren möglicherweise an der Unterstützung und/oder Bereitstellung von Diensten für Mary beteiligt?
c) Stellen Sie eine Liste der verschiedenen Fachkräfte auf, die in Ihrer Organisation das multidisziplinäre Team bilden und die an der Erbringung von Dienstleistungen für Menschen, die häusliche Gewalt erlebt haben, beteiligt sein könnten (dies hängt von Ihrem Wohnort ab).
d) Sind Sie der Meinung, dass nun alles in Ordnung ist? Wenn Sie Mary sieben Jahre später wiedertreffen würden, was glauben Sie, wie ihre Situation sein könnte? Nennen Sie die verschiedenen Möglichkeiten und die Wahrscheinlichkeit, dass diese eintreten werden.

„Es ist nun sieben Jahre her, dass ich meinen Ehemann verlassen habe. Ein paar Monate, nachdem ich weggegangen und in ein neues Zuhause umgesiedelt war, brach mein früherer Mann in mein Haus ein und griff mich an. Ich dachte ernsthaft, ich würde in dieser Nacht sterben. Kurz nachdem er gegangen war, kam ein Freund, der sah, dass ich verletzt und durcheinander war, und darauf bestand, dass wir die Polizei riefen. Ich erhob Anklage gegen meinen Mann und veranlasste eine einstweilige Verfügung. Obwohl ich wusste, dass die Polizei mich unterstützte, fühlte ich mich nie ganz sicher, da er erneut gedroht hatte, uns beide zu töten. Die folgenden sechs Monate waren die einsamste Zeit in meinem Leben, da ich allein in diesem leeren Haus war und Angst hatte, er würde zurückkommen. Freunde und Familie hatten Angst, mich zu besuchen. Ich begann, Alkohol zu trinken, um damit fertig zu werden und meine Gefühle zu betäuben. Ich trank ziemlich lange zu viel.

Freunden und Verwandten wurde bewusst, dass ich zu viel und zu regelmäßig trank, und sie konfrontierten mich damit. Ich ging deswegen einige Male zu einem Psychologen. Die meiste Zeit war ich verzweifelt, aufgeregt und ängstlich. Ich fühlte mich schrecklich, weil ich mir Alkohol kaufte. Ich trank nie, wenn ich ausging oder wenn ich in Gesellschaft war. Aber sobald ich die Haustür hinter mir geschlossen hatte, schenkte ich mir ein Glas Wein ein. Oft konnte ich nicht aufhören, bis ich, nachdem ich stundenlang fast wie besessen das Haus geputzt hatte, ins Bett fiel.

Ich habe meine Ehe verlassen und überlebt, aber obwohl die risikoreichste Zeit kurz nach meinem Weggang weit hinter mir liegt, habe ich bis heute anhaltende gesundheitliche und psychologische Probleme. Wiederkehrende Albträume sind für mich ein anhaltendes Thema. Es ist nicht ungewöhnlich, dass ich zwei- bis dreimal pro Woche schreiend und unglaublich verzweifelt aufwache. Selbst auf Aggressionen im Fernsehen reagiere ich sehr empfindlich. Allein die Beobachtung von Aggressionen löst bei mir Albträume aus. Ich habe auch anhaltende Schlafprobleme gehabt. Ich wachte nachts häufig auf und konnte nicht wieder einschlafen.

Arbeit und finanzieller Druck können neue Angstzustände auslösen, die ich nicht unter Kontrolle zu bringen vermag. Diese Episoden können wochenlang andauern, wenn ich trotz der Einnahme von Antidepressiva mit einem inneren Zittern, einem Flattergefühl in der Brust und einem Klopfen in den Schläfen und enormer Anspannung lebe. Während solcher Episoden steigt mein Blutdruck beträchtlich an, ich fühle mich sehr, sehr unwohl, kann nicht schlafen und meine Arbeit und meine Beziehungen leiden darunter. Ich fange einfach an, mich zu verstecken und alles zu meiden, was die Anspannung und die Angst noch verschlimmert. In den letzten sieben Jahren hatte ich zudem drei schwere Episoden von Colitis Ulcerosa. Die Auswirkungen auf mein Berufsleben waren aufgrund meiner Gesundheits- und Schlafprobleme beträchtlich. Ich musste mich zeitweise recht häufig krankschreiben lassen.

Mein Hausarzt hat mir geholfen, endlich zu verstehen, dass ich an einer posttraumatischen Belastungsstörung (PTSD) leide, die mit Medikamenten und Therapie behandelt und bewältigt werden muss. Es war wirklich eine Erleichterung, jemanden zu haben, der meine Probleme als PTBS identifiziert hat. Mein Arzt begann, mit mir gemeinsam nach Möglichkeiten zur Behandlung zu suchen. Ich gewinne allmählich wieder das Gefühl der Kontrolle. Ich sehe, dass die Dinge nicht so hoffnungslos sind und dass ich mich mit der Zeit nicht mehr so erschöpft und überwältigt fühlen werde. Ich bin durch die Müdigkeit ein wenig lethargisch geworden. Ich hatte das Gefühl, dass ich nicht für die Zukunft planen konnte, weil ich einfach keine Energie hatte. Ich kann nicht sagen, dass ich glücklich war oder dass ich das Leben genossen habe. Alles, was mir gelungen ist, ist immer wieder einen Fuß vor den anderen zu setzen, um das Leben zusammenzuhalten.

Wenn ich jetzt zurückblicke, wird mir klar, was für eine zentrale Rolle mein Arzt in all den Jahren hatte. Am hilfreichsten war, dass er mich daran erinnerte, warum ich das letzte Mal zu ihm gekommen war, als er mich danach gefragt hatte, wie es in den folgenden ein oder zwei Wochen gelaufen war. Er zwang mich, mich dem beträchtlichen Kummer und den Auswirkungen auf meine Gesundheit zu stellen und mich mit der aktuellen Situation und meiner geistigen und körperlichen Gesundheit in Beziehung zu setzen.“

Aufgaben

a) Welche Gesundheitsprobleme hat Mary noch sieben Jahre, nachdem sie den Täter verlassen hat?
b) Ist dies ein ungewöhnlicher Verlauf der Ereignisse?
c) Was hat letztlich den Unterschied ausgemacht, dass Mary sich besser fühlt?
d) Was fand Mary im Gespräch mit ihrem Arzt hilfreich? Warum war das hilfreich?

Adaptiert nach einer Fallstudie aus RACGP (2014): Abuse and Violence: Working with our patients in general practice

Fallstudie: Gewalt gegen Ältere

Winnie, 69 Jahre alt, lebt allein in einer kleinen Stadt auf dem Land. Sie ist seit einigen Jahren Ihre Patientin. Sie hat schwere Arthritis und benötigt immer mehr Hilfe bei den Aktivitäten des täglichen Lebens. Selbst mit regelmäßigen Besuchen von Sozialdiensten kommt sie nur schwer zurecht, aber sie besteht darauf, dass sie nicht ins Altersheim gehen will.

Schließlich zieht sie zu ihrer Tochter und ihrem Mann und deren kleinen Söhnen. Die Nachbarn fangen an, sich über den Lärm zu beschweren. Seit Winnie eingezogen ist, gibt es nicht mehr viel Platz im Haus; die Kinder streiten sich öfter, schreien und spielen mehr draußen. Winnies Tochter erhält keinerlei Hilfe von ihren Schwestern. Es wird von ihr erwartet, dass sie das vermehrte Waschen, Kochen und andere Pflichten klaglos bewältigt.

Wenn Sie Hausbesuche bei Winnie machen, stellen Sie fest, dass sie Flecken und Prellungen an ihren Armen und am Oberkörper hat. Diese werden von ihrer Tochter so erklärt, dass Winnie immer ungeschickter werde und ständig irgendwo anstoße. Außerdem nehme Winnie Blutverdünner. Winnie schüttelt nur den Kopf und sagt nichts, auch wenn Sie unter vier Augen mit ihr sprechen und fragen, ob alles in Ordnung sei. Sie machen sich Sorgen, wollen aber niemanden durch falsche Anschuldigungen verärgern.

Adaptiert nach einer Fallstudie aus RACGP (2014): Abuse and Violence: Working with our patients in general practice

Aufgaben

Besprechen Sie bitte die Fallstudie:
a) Was würden Sie als Arzt oder Ärztin in dieser Situation tun?
b) Welche sind die Hauptrisikofaktoren, die darauf hinweisen könnten, dass Winnie unter häuslicher Gewalt leidet?

Hausärzte und Hausärztinnen müssen sich bewusst sein, dass es bei auch älteren Menschen zu häuslicher Gewalt kommen kann.

Was könnte man tun?

Sie können den häuslichen Pflegedienst, eine Haushaltshilfe, ein Tageszentrum, Unterstützungsgruppen für pflegende Angehörige oder andere lokale Dienste einbeziehen, um den Druck auf diese Familie zu verringern.

Was im Fall Winnie gemacht wurde:

Winnie bleibt weiterhin im Haus ihrer Tochter. Es werden aber einige zusätzliche Hilfen installiert: z. B. eine Toilettenerhöhung und eine Entlastungspflege. Dies ermöglicht Winnies Tochter, Zeit außer Haus zu verbringen; Winnie besucht einmal pro Woche die Tagesstätte.

Es ist unklar, ob dies die Situation entschärfen wird, deshalb ist es wichtig, Winnie mit wöchentlichen Hausbesuchen genau zu beobachten.

Weitere Informationen zum Thema Gewalt gegen Ältere finden Sie in einem Factsheet hier:

https://mwiaviolencemanual.com/elder_abuse/

Fallstudie: Häusliche Gewalt schadet auch Kindern

Gabby heiratete nach einer langen Beziehung ihren Ehemann Nick und zog kurz darauf auf den Bauernhof ihres Mannes um. Das Paar war auf dem Bauernhof glücklich und bekam bald sein erstes Kind. Während der Schwangerschaft begann sich Nicks Verhalten zu ändern, und als die Tochter der beiden geboren wurde, „fühlte“ sich die Beziehung nicht mehr an wie zuvor. Nick wirkte zurückgezogen und verbrachte viel Zeit allein. Er begann, Gabby an Nicks Vater zu erinnern, der Nick gegenüber immer sehr streng gewesen war.

Nicks Verhalten wurde bedrohlich und kontrollierend, insbesondere in Bezug auf Geld und soziale Kontakte. Er wurde bei Auseinandersetzungen zunehmend aggressiv, schrie oft und warf Gegenstände durch den Raum. Gabby dachte, da er sie nicht körperlich verletze, stelle sein Verhalten keinen Missbrauch dar. Nick zeigte kein großes Interesse an der Tochter Jane – außer in der Öffentlichkeit, wo er ein vernarrter und liebevoller Vater zu sein schien.

Jane war im Allgemeinen ein wohlerzogenes Kind, aber Gabby stellte fest, dass sie sie nicht bei jemand anderem lassen konnte. Jane weinte und verzweifelte sichtlich, wenn Gabby sie jemand anderem übergab. Das war für Gabby belastend und bedeutete auch, dass ihre sozialen Aktivitäten weiter eingeschränkt wurden.

Jane brauchte lange Zeit, um zu krabbeln, zu gehen und zu sprechen. Ihr Schlafmuster war unregelmäßig, und Gabby schlief nachts oft nicht durch, selbst als Jane über 12 Monate alt war. Als Jane zu sprechen begann, entwickelte sie ein Stottern, das ihre Sprachentwicklung weiter behinderte. Gabby machte sich große Sorgen um Jane. Ihr Hausarzt sagte ihr, dass das vorkommen könne und normal sei und dass sie, wenn die Sprachprobleme fortbestünden, Jane jederzeit zu einem späteren Zeitpunkt zu einem Spezialisten schicken könne.

Nach einigen Jahren wurde Nicks Verhalten für Gabby inakzeptabel. Während der Auseinandersetzungen nahm er nun oft das Gewehr, das er für die Jagd gekauft hatte, in die Hand. Gabby empfand dies als sehr bedrohlich. Bei einer Reihe von Gelegenheiten wurde Gabby von Gegenständen, die Nick warf, getroffen, und sie hatte zunehmend Angst um ihre Tochter. Gabby beschloss, das Haus zu verlassen, und wandte sich an die örtliche Frauenberatungsstelle, die ihr half, ein Annäherungsverbot gegen Nick zu erwirken.

Nachdem Jane keinen Kontakt mehr zu Nick hatte, änderte sich ihr Verhalten. Janes Entwicklung schien sich zu beschleunigen, und Gabby konnte zuerst nicht verstehen warum. Im Rahmen ihrer Beratung bei einer örtlichen Beratungsstelle erörterte sie dieses Thema, und ihre Beraterin erklärte ihr, dass die Entwicklungsverzögerung, das Stottern, die Irritation und die Trennungsangst bei Jane daher gerührt hätten, dass sie in einer missbräuchlichen Situation gelebt habe.

Aufgaben zur weiteren Reflektion

(1) Was hätten der Hausarzt oder die Hausärztin besser machen können?
(2) Nehmen Sie sich einen Moment Zeit, um zu überlegen, an welchen Stellen und welche Fachkräfte möglicherweise an der Unterstützung und/oder Bereitstellung von Diensten für Opfer häuslicher Gewalt hätten früher beteiligt werden müssen.
(3) Listen Sie die verschiedenen Professionen auf, die das multidisziplinäre Team in Ihrer Organisation bilden und die an der Erbringung von Dienstleistungen für Menschen, die häusliche Gewalt erlebt haben, beteiligt sein könnten (dies ist je nach Ihrem Standort unterschiedlich).

Zum breiten Spektrum von Fachleuten, Diensten und Fachstellen, die möglicherweise an der Unterstützung von Opfern häuslicher Gewalt beteiligt sind, gehören – ohne darauf beschränkt zu sein – Dienste der primären und sekundären Gesundheitsfürsorge, der psychischen Gesundheitsfürsorge, der Dienste für sexuelle Gewalt, der Sozialfürsorge, der Strafverfolgungsbehörden, der Polizei, der Bewährungshilfe, der Jugendgerichtsbarkeit, des Substanzmissbrauchs, spezialisierter Agenturen für häusliche Gewalt, Kinderdienste, Wohnungsdienste und Bildung. Die untere Flowchart illustriert die Zusammenarbeit all dieser Dienste im Kontext häuslicher Gewalt.

Adaptiert nach einer Fallstudie aus RACGP (2014): Abuse and Violence: Working with our patients in general practice


Szenarienbasiertes Lernen

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Modulares Instrument – Integration der Risikobewertung in die Ersthilfe bei häuslicher Gewalt

Lernziele

Die Lernziele dieses modularen Instruments bestehen darin, sich mit dem Prozess der Risikobewertung bei häuslicher Gewalt, den Risiko- und Gefährdungsfaktoren, sowie dem Zweck einer multiprofessionalen Zusammenarbeit beim Risikomanagement vertraut zu machen.


Einführung

Liebe Ersthelfer und Ersthelferinnen, seien Sie hier herzlich willkommen, um etwas über den Prozess der Risikobewertung häuslicher Gewalt in einem multiprofessionellen Kontext zu erfahren!

Dieses modulare Instrument soll verschiedene Risikobewertungsverfahren miteinander verknüpfen und die Identifizierung häuslicher Gewalt bei den wichtigsten Stellen (z.B. Polizeibeamte und Polizeibeamtinnen, Fachkräfte der Sozialarbeit und des Gesundheitswesens, NRO-Mitarbeiter und -Mitarbeiterinnen, Pädagogen und Pädagoginnen), die mit Opfern/Überlebenden und Tätern und Täterinnen in Kontakt kommen, verbessern. Dieses Instrument stellt die verschiedenen Risikofaktoren und unterschiedlichen Ansätze zur Identifizierung von und Reaktion auf die identifizierten Risiken vor.

Sie können dieses Instrument z.B. als Schulungsmaterial oder als Datenbank verwenden.

Wir stellen die vier Schritte des Risikobewertungsprozesses bei häuslicher Gewalt vor – von der Risikobewertung bis hin zur Nachbereitung.

Im Abschnitt „Lesenswertes“ finden Sie empfehlenswerte Lektüre. Im Abschnitt „Materialien“ finden Sie ausdruckbare Dokumente wie beispielsweise Checklisten. Vergessen Sie nicht, Ihre eigene Checkliste für die Risikobewertung auszudrucken – mit ihr können Sie vielleicht das Leben eines Menschen retten.

Inhalt:

Grundlagen der Risikobewertung

1. Schritt: Identifizierung von Risikofaktoren

2. Schritt: Risikobewertung

3. Schritt: Beschreibung der erforderlichen Maßnahmen

4. Schritt: Nachbereitung

Lesenswertes

Materialien


Grundlagen der Risikobewertung

Die Risikobewertung ist ein Eckpfeiler der Prävention häuslicher Gewalt (Kropp 2004). Der Zweck der Risikobewertung häuslicher Gewalt besteht darin, erneute Gewalt zu verhindern, indem das Rückfallrisiko des Täters bzw. der Täterin (Svalin & Levander 2019, 1), die Umstände, die das Gewaltrisiko erhöhen können, sowie die Gefährdungsfaktoren des Opfers durch die Durchführung einer Risikobewertung und die Umsetzung von Interventionen zur Verringerung des Risikos ermittelt werden.

Im Europäischen Handbuch für Risikobewertung definieren Albuquerque et al. (2013, 41) die Grundlagen der Risikobewertung wie folgt:

  1. Die Risikobewertung ist ein Prozess, der nur in Zusammenarbeit mit Opfern/Überlebenden durchgeführt werden kann.
  2. Die eigene Einschätzung des Opfers/Überlebenden hinsichtlich seiner/ihrer Sicherheit und seines/ihres Risikos muss berücksichtigt werden. Die Forschung zeigt, dass Opfer/Überlebende ihr eigenes Risiko am genauesten einschätzen können.
  3. Opfer/Überlebende müssen ohne die Anwesenheit des Täters bzw. der Täterin, der Familie und/oder Mitgliedern ihrer Gemeinschaft angehört werden.
  4. Kinder sollten die Möglichkeit haben, zu sprechen.
  5. Die Fachkräfte sind dafür verantwortlich, das Risiko durch den Täter bzw. die Täterin zu bewerten, darauf aufbauend entsprechende Schritte einzuleiten und zu überwachen.
  6. Fachkräfte müssen, wenn ein erheblicher Schaden von Kindern vorliegt, das beste Verfahren zu deren Schutz und Sicherheit abwägen und vereinbaren.
  7. Es ist wichtig, die Grenzen des Prozesses der Risikobewertung und des Risikomanagements im Blick zu behalten.
  8. Es sollten keine unzutreffenden oder unrealistischen Versprechungen gemacht werden.

Fachkräfte sollten auch Kenntnisse über die Dynamiken häuslicher Gewalt, die Auswirkungen von Gewalt in Paarbeziehungen auf Opfer und Überlebende, die Faktoren, die die Entscheidung von Frauen über das Verlassen oder Verbleiben in der Gewaltbeziehung beeinflussen, sowie über die Strategien der Täter und Täterinnen und Risikofaktoren haben (Albuquerque et al. 2013, 35).


1. Schritt: Identifizierung von Risikofaktoren

Lernziele

Die Lernziele dieses Schritts bestehen darin, sich mit den Risiko- und Gefährdungsfaktoren häuslicher Gewalt vertraut zu machen und zu verstehen, warum alle Fachkräfte über grundlegende Kenntnisse zur Risikoerkennung verfügen sollten.

Die Risikobewertung ist ein Prozess, der damit beginnt, das Vorhandensein von Risikofaktoren zu ermitteln und die Wahrscheinlichkeit des erneuten Auftretens eines unerwünschten Ereignisses, seiner Folgen und seines Zeitpunkts zu bestimmen (Australian Institute of Health and Welfare 2010; Braaf & Sneddon 2007).

Das ist Nora. Sie wird uns durch die einzelnen Schritte der Risikobewertung führen.

Lesen Sie sich zunächst den Fall von Nora durch und erfahren Sie anschließend mehr über die Risikoermittlung.

Fallbeispiel: Nora

Nora ist eine 34-jährige Frau mit Migrationshintergrund. Sie lebt seit drei Jahren mit ihren Eltern und Schwestern in Ihrem Land. Nora hat vor zwei Jahren Peter geheiratet. Peter ist der Sohn eines Familienfreundes von Noras Eltern. Noras Familie stammt aus einer patriarchalischen Kultur, in der die Gemeinschaft über dem Individuum steht.

Noras Heirat mit Peter war eine Erleichterung für Noras Familie, denn in ihrer Kultur sollte eine Frau in Noras Alter nicht unverheiratet sein. Doch schon bald nach der Heirat begann Peter ihr tägliches Verhalten zu kontrollieren. Peter lässt Nora weder ihre Freunde sehen noch darf sie irgendwo ohne ihn hingehen. Ein verpflichtender Sprachkurs ist der einzige Ort, an den Nora allein hin gehen kann.

Peter nimmt Nora ihre Kreditkarte weg und unter ihrem Namen Kredite auf. Als Nora versucht, sich zu wehren, wird Peter gewalttätig und misshandelt sie. Peter droht damit, Nora in ihr Heimatland zurückzuschicken.

Nora berichtet ihren Eltern von der Situation und bittet sie um Hilfe. Zunächst nehmen die Eltern Peters gewalttätiges Verhalten ernst, doch plötzlich verstirbt Noras Vater. Noras trauernde Mutter ist nicht in der Lage, sich allein gegen Peters Willen zu wehren.

Gleichzeitig streut Peter Gerüchte über Noras unmoralisches Verhalten, um seine gewalttätigen Handlungen vor der Gemeinschaft zu rechtfertigen. Die Gerüchte demütigen Noras Familie. Die Gemeinde setzt Noras Mutter und die Familien ihrer Schwestern unter Druck, ihren Namen reinzuwaschen.

Noras Mutter bittet Nora, bei Peter zu bleiben, um die Situation zu beruhigen, und ihre Schwestern bitten sie, ihre Mutter nicht mehr mit diesem Thema zu belästigen. Nora fühlt sich für die Gewalt und den Ruf ihrer Familie verantwortlich und akzeptiert, dass eine Scheidung von Peter nicht in Frage kommt.

Mit der Zeit wird die Gewalt immer schlimmer und häufiger. Einmal würgt Peter Nora so lange, dass sie das Bewusstsein verliert. Nach der Strangulation beginnt sie, vor allem in Stresssituationen, Probleme mit der Sprache zu entwickeln. Nora fühlt sich isoliert, hilflos und deprimiert.

Peter hat damit gedroht, einige private Bilder von Nora öffentlich zu zeigen, wenn Nora „seinen Ruf als Ehemann ruiniert“. Nora ist verunsichert, da sie mit niemandem – auch nicht mit ihrer Familie – über ihre Gefühle sprechen kann.

Aufgaben

Das war Noras Geschichte. Nehmen Sie sich eine Minute lang Zeit, um über die folgenden Fragen nachzudenken:
 
(1) Welche Handlungen, Situationen oder Bedingungen gefährden Nora?
 
(2) Welche der in der Geschichte beschriebenen Situationen halten Sie zwar nicht angenehm für Nora, aber nicht zu ihrem Aufgabenbereich als Ersthelfer oder als Ersthelferin gehörend?
 
Möglicherweise gibt es einige Risikofaktoren, die außerhalb Ihres beruflichen Aufgabenbereichs liegen. Es ist jedoch wichtig, diese Risikofaktoren dennoch zu identifizieren und zu dokumentieren, um ein umfassendes Verständnis des Gesamtrisikos zu erhalten. Dies ist in der Phase des Risikomanagements notwendig.
 
Lesen Sie jetzt mehr über die Identifizierung und Dokumentation von Risikofaktoren.

Risikobewertung – geht Sie das eigentlich etwas an? Lesen Sie hier, warum es das tut.

Ersthelfer und Ersthelferinnen sind die wichtigsten Akteure und Akteurinnen im Prozess der Risikobewertung. Polizeibeamte und Polizeibeamtinnen, Sozialarbeiter und Sozialarbeiterinnen, Ärzte und Ärztinnen, Krankenpfleger und Krankenpflegerinnen, Sanitäter und Sanitäterinnen, Mitarbeiter und –Mitarbeiterinnen von Nichtregierungsorganisationen (NRO) sowie Erzieher und Erzieherinnen gehören zu den Fachkräften, die am häufigsten als Erstes mit einem Opfer häuslicher Gewalt in Kontakt kommen.

Sie haben am häufigsten Zugang zu den Wohnungen der Menschen und können deren Lebenssituation, Beziehungen, Ressourcen und Gesundheitsprobleme beobachten. Sie sind wahrscheinlich die Türöffner und Türöffnerinnen, die das Problem erkennen und das Opfer als auch den Täter bzw. die Täterin unterstützen können, Hilfe zu erhalten.

Die Identifikation von Risikofaktoren ist bereits beim ersten Kontakt mit dem Opfer wichtig, um einen ganzheitlichen Ansatz für die Risikobewertung und das Risikomanagement zu verfolgen.

Rechtzeitiges Handeln kann ein Leben retten!

Zu identifizierende Risikofaktoren

Die wichtigsten Risikofaktoren für häusliche Gewalt

Wichtigste Punkte

Möglicherweise gibt es einige Risikofaktoren, die außerhalb Ihres beruflichen Aufgabenbereichs liegen. Es ist jedoch wichtig, diese Risikofaktoren dennoch zu identifizieren und zu dokumentieren, um ein umfassendes Verständnis des Gesamtrisikos zu erhalten. Dies ist in der Phase des Risikomanagements notwendig.

Mehrere Faktoren können auf eine Eskalation häuslicher Gewalt hinweisen. Jeder Ersthelfer und jede Ersthelferin sollten über ausreichende Ausbildung und Kenntnisse verfügen, um die wichtigsten Risikofaktoren zu erkennen. Damit meinen wir Polizeibeamte und Polizeibeamtinnen, Kriminalbeamte und Kriminalbeamtinnen, Sozialarbeiter und Sozialarbeiterinnen, Krankenpfleger und Krankenpflegerinnen, Ärzte und Ärztinnen, Erzieher und Erzieherinnen oder Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen von NROs.

In der folgenden Tabelle sind die wichtigsten Risikofaktoren und ihre Erklärungen aufgeführt.

*) = beim Vergleich von Opfern von Femizid (n = 220) und zufällig identifizierten misshandelten Frauen (n = 343).
*) = beim Vergleich von Opfern von Femizid (n = 220) und zufällig identifizierten misshandelten Frauen (n = 343).

Risikofaktoren, die von jeder Fachkraft überprüft werden sollten

Die in Fällen von häuslicher Gewalt involvierten Behörden sollten sich auf ein gemeinsames Risikoverständnis verständigen. Die Perspektive eines Polizeibeamten bzw. einer Polizeibeamtin unterscheidet sich von der Perspektive eines Sozialarbeiters bzw. einer Sozialarbeiterin. In der folgenden Tabelle sind Risikofaktoren aufgeführt, die sich auf die verschiedenen Perspektiven der jeweiligen Fachkräfte beziehen.

Faktoren mit hohem Gefährdungspotential für Opfer

Wichtigste Punkte

Die Identifizierung der Faktoren, die ein Opfer gefährden können, hilft den Fachkräften, die entsprechend relevanten Dienste in die Zusammenarbeit einzubeziehen, das Opfer damit ganzheitlich zu unterstützen und die Fähigkeit des Opfers zu stärken, die Sicherheitsmaßnahmen zu befolgen.

Die Faktoren, die sich auf die Gefährdung eines Opfers beziehen häusliche Gewalt zu erleiden, haben mit dem Opfer und seiner Lebensumstände zu tun. Sie können sich z.B. auf die Fähigkeit des Opfers beziehen, den Behörden zu vertrauen, den Täter bzw. die Täterin zu verlassen, oder auf Ausmaß der Abhängigkeit vom Täter bzw. von der Täterin. Dies sind jedoch nicht die einzigen Gründe, warum der Missbrauch stattfindet. Die Täter und Täterinnen können sich beispielsweise auch dafür entscheiden, die Schwachstellen der Opfer auszunutzen oder die Lebenserfahrungen und -umstände einiger Opfer können es schwieriger machen dem Missbrauch zu entkommen. Im Folgenden haben wir diese Faktoren aufgelistet und erläutert, wie sich diese auf die Ressourcen und Lebensumstände des Opfers sowie auf seine Fähigkeit zur Zusammenarbeit mit Fachkräften auswirken können.

Ältere Person

  • Ein Opfer kann von einem gewalttätigen Familienmitglied abhängig sein, oder das Opfer kann die einzige verantwortliche Betreuungsperson für ein gewalttätiges Familienmitglied sein. Das Verlassen des gewalttätigen Familienmitglieds kann daher für das Opfer keine Option sein. Das Opfer ist möglicherweise bereits sozial isoliert.
  • Ein Täter bzw. eine Täterin als Pflegeperson hat möglicherweise ein Burnout.
  • Ältere Menschen schämen sich unter Umständen sehr für die Situation, insbesondere wenn es sich bei dem Täter oder der Täterin um ein erwachsenes Kind handelt.
  • Missbrauch kann in vielen Formen auftreten, z.B. körperlicher, sexueller, emotionaler oder finanzieller Missbrauch, Vernachlässigung, Isolation und Einsamkeit. Achten Sie auch auf Anzeichen für die Verletzung der Würde des Opfers (z.B. unordentliches Erscheinungsbild, verschmutzte Kleidung) oder den Verlust der Entscheidungsfreiheit über alltägliche Angelegenheiten, Anzeichen für unzureichende Pflege (z.B. Druckgeschwüre) oder Über- oder Untermedikation (WHO 2020).

Kind

  • Minderjährige sind fast immer von den Tätern und Täterinnen abhängig.
  • Das Aufwachsen in einem feindseligen Umfeld normalisiert die Gewalterfahrungen, so dass die Opfer ihre Erlebnisse möglicherweise nicht als Gewalt wahrnehmen.
  • Minderjährige denken vielleicht, dass ihre Erfahrungen von Außenstehenden nicht geglaubt werden.
  • Die Muster der Zwangskontrolle, wie Einschränkung, Isolierung und Entzug der persönlichen Freiheit, können schwer von der elterlichen Erziehung und den Schutzmaßnahmen zu unterscheiden sein.
  • Hinweis: In einigen Familien mit Migrationshintergrund oder anderweitig sozial oder religiös stark kontrollierten Familien können Unterschiede zwischen kulturellen Werten, Lebensstilen und Ansichten zu Konflikten zwischen den Minderjährigen und ihren Eltern führen. Kulturell unsensible Kontaktaufnahme oder unüberlegte Maßnahmen der Behörden können das Risiko erhöhen, dass die Eltern das Kind in ihrem Heimatland in ein Internat schicken oder es von Verwandten aufziehen lassen. Dies kann das Risiko von weiblicher Genitalverstümmelung, Kinderheirat sowie Brüchen in der Ausbildung, den sozialen Beziehungen und fehlende Integration erhöhen.

Behinderte Person

  • Behinderte Personen können im Alltag grundlegend vom Täter bzw. von der Täterin abhängig sein und Hilfe beim Bewegen, Essen, Kommunizieren oder bei der Einnahme von Medikamenten benötigen.
  • Die gewalttätigen Familienmitglieder oder Betreuer bzw. Betreuerinnen können unter einem Burnout leiden.
  • Opfer und Überlebende können Schwierigkeiten haben, sich Gehör zu verschaffen, verstanden oder geglaubt zu werden.
  • Der Täter bzw. die Täterin kann Verletzungen als Unfälle erklären, die durch Bewegungsungeschicklichkeiten verursacht wurden.

Abhängig von dem Täter bzw. von der Täterin

Es gibt verschiedene Formen der Abhängigkeit, z.B. finanzielle und emotionale Abhängigkeit. Auch strukturelle Gründe wie hierarchische Geschlechterbeziehungen oder Leben auf dem Land tragen zu Abhängigkeiten bei; so sind Frauen in ländlichen Gebieten im Vergleich zu Frauen in der Stadt häufiger von Gewalt betroffen, leben aber weiter entfernt von verfügbaren Ressourcen (Peek-Asa et al. 2011).

Geflüchtete

Die Häufigkeiten psychischer Störungen wie Angststörungen, PTBS und Depressionen sind in der Flüchtlingsbevölkerung höher als in der Allgemeinbevölkerung. Diese erhöhte Anfälligkeit steht im Zusammenhang mit den Erfahrungen vor der Migration, wie z.B. Belastungen und Traumata. (Hameed et al. 2018.) Darüber hinaus können Sprachbarrieren oder negative Erfahrungen mit der Polizei und Misstrauen gegenüber Behörden die Opfer davon abhalten, Hilfe zu suchen.

Obdachlose Person

Obdachlosigkeit ist häufig eine Folge von häuslicher Gewalt und erhöht die Verletzlichkeit und Abhängigkeit des Opfers. Die soziale Ausgrenzung kann die Opfer davon abhalten, Hilfe zu suchen.

Zugehörigkeit zu einer ethnischen Minderheit

Sprachbarrieren, negative oder diskriminierende Erfahrungen mit der Polizei, die Angst, dass ihnen nicht geglaubt wird, Rassismuserfahrungen, soziale Ausgrenzung oder die Macht von Parallelgesellschaften können die Opfer davon abhalten, Hilfe zu suchen.

Gehört einer sexuellen oder geschlechtlichen Minderheit an

Ein Opfer kann befürchten, vor Familienmitgliedern, Freunden und Freundinnen und Arbeitskollegen und Arbeitskolleginnen „geoutet“ zu werden, wenn es bei der Polizei Anzeige wegen häuslicher Gewalt erstattet. Ein Opfer kann Diskriminierung oder respektlose Behandlung durch die Polizei befürchten.

Starke Angst

Die Angst vor einem misshandelnden Partner bzw. einer misshandelnden Partnerin kann die Fähigkeit von Frauen schwächen, ihre Lebenssituation zu verbessern (Sabri et al. 2014). Eine Atmosphäre der Angst verstärkt wahrscheinlich fehlerhafte Denkmuster, die das Lösen von Problemen behindern und Verleugnung und Vermeidung verstärken (Calvete, Susana & Este’Vez 2007).

Fragen der psychischen Gesundheit

Abgesehen davon, dass eine posttraumatische Belastungsstörung eine Folge von häuslicher Gewalt ist, kann z.B. dies auch ein Risikofaktor für eine erneute Viktimisierung durch Gewalt in Paarbeziehungen sein (Kuijpers, van der Knaap & Winkel 2012).

Familie oder Gemeinschaft rechtfertigt Gewalt aus Gründen der Ehre/Kultur/Religion

Wenn die Familie oder die Gemeinschaft des Opfers Gewalt billigt und rechtfertigt, kann das Opfer extrem verängstigt, isoliert, gezwungen und kontrolliert sein. Das Opfer kann sich machtlos fühlen, Hilfe zu suchen. Für viele Opfer ist es undenkbar, ihre gesamte Gemeinschaft zu verlassen, um ohne Gewalt zu leben, und selbst wenn sie es täten, könnte das Verlassen der Familie oder Gemeinschaft die Gewalt eskalieren lassen.

Leitlinien für die Falldokumentation

Wichtigste Punkte

Die Falldokumentation von häuslicher Gewalt ist ein wichtiges Verfahren. Die Fachkräfte benötigen möglicherweise zuvor dokumentierte Informationen für die dynamische Risikobewertung und das Risikomanagement. Standardisierte Risikobewertungsinstrumente unterstützen die Arbeit der Ersthelfer und Ersthelferinnen bei der Dokumentation des Falles.

Da die Risikobewertung ein dynamischer Prozess ist – oder zumindest sein sollte -, der neu begonnen werden muss, wenn sich die Risikosituation ändert, ist die Falldokumentation der häuslichen Gewalt und ihrer Risikofaktoren ein wichtiges Verfahren. Eine sorgfältige Falldokumentation sollte sicherstellen, dass die Fachkraft früher dokumentierte Informationen findet, um die Risikobewertung zu überarbeiten. Standardisierte Risikobewertungsinstrumente unterstützen die Arbeit der Fachkräfte bei der Dokumentation des Falles. Dennoch sollte die Risikobewertung die Sicherheit des Opfers zu keinem Zeitpunkt gefährden. Daher sollte es klare Protokolle und Sicherheitsbeschränkungen für die Dokumentation der Risikobewertung, des Risikomanagements und bestimmter Risikofaktoren geben. So sollten diese Daten beispielsweise nicht in die Ermittlungsakten aufgenommen werden, die Teil des Gerichtsverfahrens sind: Der Täter bzw. die Täterin sollte keinen Zugang zu den Unterlagen über die Risikobewertung des Opfers haben. Der Datenschutz und das Bewusstsein um die Grenzen der Vertraulichkeit sowie die Zustimmung des Opfers/der Überlebenden zur Weitergabe von Informationen sind zentrale Themen bei der Intervention bei häuslicher Gewalt und Missbrauch (Albuquerque et al. 2013).

In den folgenden Tabellen sind die allgemeinen Leitlinien für die Falldokumentation aufgeführt.


2. Schritt: Risikobewertung

Lernziele

Die Lernziele dieses Schritts bestehen darin, sich mit dem Verfahren zur Risikobewertung häuslicher Gewalt, verschiedenen Instrumenten zur Risikobewertung und Situationen, die das Risiko erhöhen können, vertraut zu machen.

Die Risikobewertung ist eine Phase, in der das Ausmaß des Risikos und was für eine Art von Risiko vorhanden ist, beurteilt werden. Lesen Sie zunächst, wie die Risiken im Fall von Nora bewertet werden. Werfen Sie dann einen Blick auf die allgemeinen Leitlinien, die Instrumente zur Risikobewertung und was risikoreiche Situationen sein können.

Fallbeispiel: Nora

Eines Tages findet Nora die Telefonnummer einer NRO, die Immigrantinnen hilft. Der Telefondienst ist auch in Noras Muttersprache. Nora ruft das Servicetelefon anonym an und bittet um Rechtsberatung darüber, was im Falle einer Scheidung mit ihrer Aufenthaltsgenehmigung geschieht. Die NRO-Mitarbeiterin befragt Nora zu ihrer Lebenssituation. Nora schildert ihre schwierige Situation und ihre Ängste.

Eines Tages findet Nora die Telefonnummer einer NRO, die Immigrantinnen hilft. Der Telefondienst ist auch in Noras Muttersprache. Nora ruft das Servicetelefon anonym an und bittet um Rechtsberatung darüber, was im Falle einer Scheidung mit ihrer Aufenthaltsgenehmigung geschieht. Die NRO-Mitarbeiterin befragt Nora zu ihrer Lebenssituation. Nora schildert ihre schwierige Situation und ihre Ängste.

Die NRO-Mitarbeiterin trifft Nora nach dem Sprachkurs in der Schule, da dies der einzige Ort ist, an den Nora allein gehen kann. Mit Noras Einverständnis kontaktiert die NRO-Mitarbeiterin die Polizei und einen zuständigen Sozialdienstmitarbeiter.

In einigen EU-Ländern erlaubt die Gesetzgebung Fachkräften die gemeinsame Nutzung und den Austausch von Informationen für eine umfassendere Risikobewertung, wenn dies zum Schutz eines Kindes oder zur Verhinderung einer Gewalttat erforderlich ist oder wenn das Opfer seine Zustimmung gegeben hat. In anderen EU-Ländern wiederum gibt es keine gesetzliche Unterstützung für den Informationsaustausch zwischen der Polizei, der Sozialarbeit oder dem Gesundheitswesen. Daher reichen die behördenübergreifenden Mechanismen in der EU von der Annahme formeller oder informeller Überweisungsmechanismen bis hin zu multidisziplinären Teams oder Konferenzen, die durch die Gesetzgebung oder die Politik zur Risikobewertung vorgeschrieben sind.

Nach der Istanbul-Konvention sind die Vertragsstaaten verpflichtet, die erforderlichen gesetzgeberischen oder sonstigen Maßnahmen zu ergreifen, um sicherzustellen, dass alle zuständigen Behörden eine Bewertung des Risikos der Tötung, des Ernstes der Situation und des Risikos wiederholter Gewaltanwendung vornehmen, um das Risiko zu bewältigen und, falls erforderlich, koordinierte Sicherheit und Unterstützung zu bieten. Deutschland hat die Istanbul-Konvention ebenfalls ratifiziert.

Das nächste Beispiel, wie Noras Fall in den behördenübergreifenden Risikobewertungsprozess einbezogen wird, basiert auf den Anforderungen der Istanbul-Konvention.

Mit dem Einverständnis von Nora nehmen die Polizei, der Sozialarbeiter, der NRO-Mitarbeiterin und eine Vertreterin des Gesundheitswesens an einer Risikobewertungskonferenz teil. Nora hat ihr Einverständnis gegeben, dass die Fachkräfte Informationen über Nora teilen und austauschen können.

Schauen Sie sich die Kästchen an, um zu sehen, welche Art von Informationen durch die Zusammenarbeit mehrerer Stellen gesammelt werden können:

Wenn Nora zu ihrer Situation befragt wird, kann sie uns dies sagen:

Ihre Sprachprobleme traten vor vier Monaten auf, nachdem Peter sie gewürgt hatte.

Sie befürchtet, dass Peter sie töten wird, wenn sie sich von ihm trennt.

Sie befürchtet, dass ihre Aufenthaltsgenehmigung aufgehoben wird, wenn sie sich trennt; das hat Peter ihr gesagt.

Sie ist besorgt, dass die Polizei ihr nicht glauben wird, da sie eine Immigrantin ist, Peter aber die deutsche Staatsangehörigkeit besitzt.

Peter hat angekündigt, dass er intime Bilder von ihr veröffentlichen wird, wenn sie jemandem von der Gewalt erzählt oder versucht, ihn zu verlassen.

Peter hat gesagt, dass er dafür sorgen wird, dass kein anständiger Mann Nora jemals auch nur ansehen wird, wenn sie sich von Peter trennt.

Die identifizierten Risikofaktoren

Die Instrumente zur Risikobewertung sollen den Ersthelfern und Ersthelferinnen helfen, alle Risikofaktoren zu ermitteln und sich einen vollständigen Überblick über die Situation des Opfers zu verschaffen, um festzustellen, ob es weiterhin Gefahr läuft, ernsthaft geschädigt zu werden, und sie können bei der Entwicklung eines Sicherheitsplans helfen.

Eine Berechnung der Wahrscheinlichkeit, dass ein Opfer erneut schwere Gewalt erleben wird, unterstützt die Ersthelfer und Ersthelferinnen dabei, die notwendigen Maßnahmen zum Schutz des Opfers und zur Prävention künftiger Gewalt zu ergreifen. In unserem Fall Nora haben die Ersthelfer und Ersthelferinnen die folgenden Risikofaktoren und Gefährdungsfaktoren des Opfers ermittelt:

Peter

  • wendet Gewalt häufiger an
  • wendet zunehmend intensivere (schädlichere, verletzendere) Gewalt an

Peter hat

  • Nora gewürgt
  • Zwangskontrolle angewendet
  • körperliche Gewalt angewendet
  • wirtschaftliche, digitale und psychologische Gewalt angewendet
  • frühere Einträge im Strafregister

Nora

  • plant eine Scheidung
  • hat einen Migrationshintergrund

Nora Erfahrungen

  • starke Angst
  • soziale Isolation
  • Fragen der geistigen Gesundheit

Die Gemeinschaft von Nora und Peter rechtfertigt Gewalt durch

  • Ehre

Aufgabe

Um eine konstruktive und reibungslose Zusammenarbeit zwischen den verschiedenen Behörden zu ermöglichen, sollten die Rechtsvorschriften klar sein und jeder Partner und jede Partnerin sollte seine und ihre Aufgaben und Zuständigkeiten kennen.

(1) Wissen Sie, in welchen Situationen Sie Informationen mit anderen Behörden teilen und austauschen dürfen?

Allgemeine Leitlinien für die Risikobewertung

Wichtigste Punkte

Eine Risikobewertung ist für die Sicherheitsplanung des Opfers und für das Management des Risikos erforderlich.

  • Sammeln Sie so viele Informationen wie möglich über die identifizierten Risikofaktoren.
  • Die Risikobewertung muss sich sowohl an Erwachsene als auch an Kinder als Opfer richten.
  • Die Risikobewertung sollte mit dem Opfer/der überlebenden Person durchgeführt werden, nicht über sie/ihn.
  • Im Idealfall werden die Informationen mit Zustimmung des Opfers/Überlebenden z.B. an die Polizei, die Staatsanwaltschaft, die Sozialarbeit, das Gesundheitswesen und einschlägige NROs weitergegeben.
  • Respektieren Sie den Wunsch des Opfers/der Überlebenden, mit wem er/sie zusammenarbeiten möchten.
  • Bewerten Sie die unmittelbaren Risiken für die Sicherheit des Klienten bzw. der Klientin/des Patienten bzw. der Patientin oder etwaiger Kinder.
  • Nutzen Sie Ihr lokales Risikobewertungsinstrument, um Risiken zu bewerten und bitten Sie um eine Schulung, falls Sie noch Schulungsbedarf haben.
  • Falls Sie keinen Zugang zu lokalen Risikobewertungsinstrumenten haben, verwenden Sie international anerkannte Risikobewertungsinstrumente und bitten Sie um eine Schulung. Sie finden die Instrumente unter „Instrumente zur Risikobewertung“.
  • Beurteilen Sie das Risiko nach Möglichkeit auch anhand der Informationen, die Sie über den Täter bzw. die Täterin haben (z.B. als Bewährungshelfer bzw. Bewährungshelferin, Staatsanwalt bzw. Staatsanwältin oder Gefängnismitarbeiter bzw. Gefängnismitarbeiterin).
Instrumente zur Risikobewertung

Wichtigste Punkte

Es gibt mehrere Risikobewertungsinstrumente für das Screening und die Dokumentation häuslicher Gewalt sowie für die Bewertung des Risikogrades. Die angemessene Anwendung dieser Instrumente erfordert eine Schulung.

Es gibt verschiedene Arten von Risikobewertungsinstrumenten, die von Ersthelfern und Ersthelferinnen verwendet werden. Einige Organisationen haben ihre eigenen Instrumente entwickelt. Im Folgenden finden Sie einige der am häufigsten verwendeten Risikobewertungsinstrumente.

Instrument zur Gefahreneinschätzung (DA)

Die Gefährdungsbeurteilung ist ein Instrument, mit dessen Hilfe der Grad der Gefahr bestimmt werden kann, dass eine missbrauchte Frau von ihrem Partner getötet wird.

Das Instrument besteht aus zwei Teilen: einem Kalender und einem 20-Punkte-Bewertungsinstrument. Der Kalender hilft bei der zeitlichen Beurteilung der Schwere und Häufigkeit der Misshandlungen im vergangenen Jahr. Der Kalenderteil wurde als eine Möglichkeit konzipiert, das Bewusstsein der Frau zu schärfen und das Leugnen und Minimieren des Missbrauchs zu verringern, zumal die Verwendung eines Kalenders das genaue Erinnerungsvermögen in anderen Situationen erhöht (Campbell, 1995; Ferraro et al., 1983).

Das Instrument, bestehend aus 20 Positionen, verwendet ein gewichtetes System zur Bewertung von Ja/Nein-Reaktionen auf Risikofaktoren im Zusammenhang mit Tötungsdelikten an Intimpartnern. Zu den Risikofaktoren gehören Todesdrohungen in der Vergangenheit, der Beschäftigungsstatus des Partners und der Zugang des Partners zu einer Waffe. Das Instrument ist derzeit in Englisch, Spanisch, Französisch (Kanada) und brasilianischem Portugiesisch verfügbar: https://www.dangerassessment.org/DATools.aspx.

Eine kurze Version mit vier Punkten, die so genannte Lethalitätsbewertung, wurde für Strafverfolgungsbeamte entwickelt, die auf Aufrufe zu häuslicher Gewalt reagieren.  Frauen mit hohem Risiko werden dann an Rechtsanwälte verwiesen, die in der Gefährdungsbeurteilung geschult wurden. Klicken Sie hier, um mehr über diese Lethalitätsbewertung zu erfahren: https://www.dangerassessment.org/About.aspx.

Leitfaden zur Risikobewertung bei häuslicher Gewalt (Häusliche Gewalt RAG)

Der Leitfaden zur Risikobewertung bei häuslicher Gewalt (Häusliche GewaltRAG) enthält die gleichen Punkte wie die Risikobewertung bei häuslicher Gewalt in Ontario (Ontario Domestic Assault Risk Assessment, ODARA), berücksichtigt aber auch die Ergebnisse der überarbeiteten Psychopathie-Checkliste (PCL-R). Der DVRAG ist ein versicherungsmathematisches Instrument mit 14 Positionen, mit dem die Wahrscheinlichkeit von IPV, die von Männern gegen eine weibliche Partnerin verübt wird, bewertet wird. Diese Instrumente können auch die Geschwindigkeit und Anzahl erneuter Übergriffe und die Schwere der verursachten Verletzungen vorhersagen. Zu den allgemeinen Bewertungskriterien gehören die Anweisungen zur Bewertung und Interpretation der ODARA in jedem Umfeld. Die DVRAG ist für Gerichtsmediziner und Strafverfolgungsbeamte bestimmt, die Zugang zu vertiefenden Informationen haben.

https://www.rma.scot/wp-content/uploads/2019/09/RATED_DVRAG_August-2019_Hyperlink-Version.pdf

https://vawnet.org/material/ontario-domestic-assault-risk-assessment-odara-domestic-violence-risk-appraisal-guide

DASH-Risikobewertung

DASH steht für häusliche Gewalt, Stalking und “Ehre”-basierte Gewalt. Das Risikobewertungsinstrument war das Ergebnis der Dokumentation von 47 häuslichen Tötungsdelikten und der Katalogisierung der wichtigsten Risikovariablen zur Entwicklung des CAADA – DASH-Risikomodells. Zweck der DASH-Risiko-Checkliste ist es, Praktikern, die mit erwachsenen Opfern von häuslicher Gewalt arbeiten, ein konsistentes und einfaches Instrument an die Hand zu geben, um ihnen zu helfen, diejenigen zu identifizieren, die ein hohes Schadensrisiko haben und deren Fälle an eine MARAC-Sitzung verwiesen werden sollten, um ihr Risiko zu managen.

Ein MARAC (oder behördenübergreifende Risikobewertungskonferenz) ist ein regelmäßiges Treffen vor Ort, bei dem erörtert wird, wie Opfern mit hohem Risiko eines Mordes oder schweren Schadens geholfen werden kann. Ein Spezialist für häusliche Gewalt, die Polizei, die Sozialdienste für Kinder, das Gesundheitswesen und andere relevante Stellen sitzen alle an einem Tisch. Sie sprechen über das Opfer, die Familie und den Täter und tauschen Informationen aus. Die Sitzung ist vertraulich. Gemeinsam ein Aktionsplan für jedes Opfer verfasst. Ein MARAC führt zu den besten Resultaten, wenn alle Beteiligten ihre Rollen und die richtigen Prozesse verstehen.

Ressourcen für MARAC-Sitzungen:

https://safelives.org.uk/practice-support/resources-marac-meetings

Die DASH Checkliste wird von einer Reihe von Stellen in Schottland verwendet, darunter auch von der Polizei. Sie ist jedoch nicht überall in Schottland eingeführt worden.

Weitere Ressourcen zur Identifizierung der Risiken, denen die Opfer ausgesetzt sind:

https://safelives.org.uk/practice-support/resources-identifying-risk-victims-face

BIG 26

Das Domestic Abuse Intervention Program (DAIP) in Duluth, Minnesota, USA, hat 26 Fragen entwickelt, um die Gefährlichkeit eines Täters einzuschätzen. Das Modell von Duluth betont die Bedeutung einer behördenübergreifenden Zusammenarbeit und einer koordinierten Reaktion der Gemeinschaft auf Misshandlungen, der Sicherheit der Opfer und der Rechenschaftspflicht des Täters. Für weitere Einzelheiten siehe: https://www.theduluthmodel.org/.

DyRiAS-Intimpartner

DyRiAS steht für Dynamisches Risiko Analyse System. Seit Januar 2012 ist DyRiAS-Intimpartner in Deutschland, Österreich und der Schweiz in Wirkbetrieb. Das Instrument misst dabei zum einen das Risiko für Taten von schwerer Gewalt gegen die Intimpartnerin. In einer eigenen Skala wird zusätzlich das Risiko für leichte bis mittlere körperliche Gewalt erfasst. DyRiAS-Intimpartner erfasst ausschließlich Gewalt in heterosexuellen Beziehungen, ausgehend vom männlichen (ehemaligen) Partner. Dabei ist die Dauer der aktuellen oder früheren Beziehung unwesentlich und kann von einer kurzen bis hin zu einer langjährigen Beziehung reichen. Insgesamt umfasst DyRiAS-Intimpartner 39 Items.

Weitere Informationen zu DyRiAS-Intimpartner erhalten Sie hier.

Risikosituationen und Auslöser für eine Zunahme des Risikos

Wichtigste Punkte

Achten Sie auf Situationen, die mit einem hohen Risiko einhergehen und Auslöser, die das Risiko erhöhen könnten. Behörden sollten sich der Notwendigkeit einer zusätzlichen Sicherheitsplanung und Unterstützung für die Opfer im Zusammenhang mit Ereignissen bewusst sein, die zu einem erhöhten Risiko beitragen können.

  • Der Täter bzw. die Täterin erhält eine (gerichtliche) Entscheidung über
    • eine einstweilige Verfügung.
    • eine Scheidung/Vermögensaufteilungspflicht.
    • einen negativen Aufenthaltstitel.
    • andere als die gewünschte Sorgerechtsentscheidung/Kinderkontaktregelung.
  • Der Täter bzw. die Täterin bemerkt, dass die Situation der Polizei gemeldet wurde.
  • Der Täter bzw. die Täterin wird aus der Untersuchungshaft entlassen.
  • Der Täter bzw. die Täterin wird angeklagt.
  • Die Gerichtsverhandlung ist angesetzt.
  • Der Prozess wird vorbereitet.
  • Die Urteilsverkündung ist geplant/erfolgt.
  • Der Täter bzw. die Täterin wird aus einer Haftstrafe entlassen.
  • Ein Gerichtsbeschluss läuft aus.
  • Ein früherer Gewalttäter bzw. eine frühere Gewalttäterin will sich „ein letztes Mal“ treffen.
  • Der Täter bzw. die Täterin erfährt die neue Adresse des Opfers.
  • Das Opfer erklärt seine Absicht zu gehen/Trennung.
  • Das Opfer versucht, sich zu trennen.
  • Das Opfer beginnt eine neue Beziehung.

3. Schritt: Beschreibung der erforderlichen Maßnahmen

Lernziele

Die Lernziele dieses Schritts bestehen darin, sich mit der Sicherheitsplanung, dem Risikomanagement und der behördenübergreifenden Zusammenarbeit vertraut zu machen.

Die Festlegung der erforderlichen Maßnahmen ist eine Phase, in der die Ersthelfer und Ersthelferinnen in enger Zusammenarbeit Sicherheitsmaßnahmen planen und Maßnahmen ergreifen, um die Sicherheit des Opfers zu gewährleisten. Auch hier lesen Sie zuerst über Noras Fall. Schauen Sie sich dann die Aufgabenliste an, um zu verstehen, warum ein starkes Kooperationsnetz so wichtig ist.

Fallbeispiel: Nora

Eine umfassende Risikobewertung sollte zu einem wirksamen Risikomanagement führen. Schauen Sie sich die folgenden Kästchen an: Die Unterstützung eines Opfers häuslicher Gewalt erfordert manchmal die Hilfe mehrerer verschiedener Stellen. Alle Einrichtungen haben ihre eigene Rolle bei der Unterstützung des Opfers. Es ist wichtig, rechtliche Schritte einzuleiten und Noras Wohlergehen sowie ihre Beziehung zu ihrer Mutter und ihren Schwestern zu unterstützen. Nora braucht die Unterstützung ihrer Familienmitglieder, um eine missbräuchliche Beziehung verlassen zu können.

Warum brauchen wir ein gut funktionierendes Kooperationsnetz?

Wirksame sektor- und behördenübergreifende Maßnahmen setzen voraus, dass die Politik und alle Akteure und Akteurinnen einbezogen werden und verantwortlich sind, d.h. Strafverfolgung, Justiz, Gesundheits-, Sozialfürsorge- und Kinderbetreuungsdienste, Arbeitsstellen, Bildung sowie allgemeine und spezialisierte Dienste für Opfer. Umfassende Untersuchungen und Bewertungen bestehender koordinierter Maßnahmen zeigen auch, wie wichtig es ist, neben den sektoralen Akteuren und Akteurinnen auch unabhängige Anwälte und Anwältinnen für die Rechte der Opfer und andere einschlägige NROs, die im Bereich der Gewalt gegen Frauen und Männer tätig sind, einzubeziehen. Die Entwicklung eines gemeinsamen Verständnisses von Gewalt gegen Frauen und Männer sowie die Verbesserung des Informationsaustauschs und der Risikobewertung durch die Entwicklung gemeinsamer Standards, Leitlinien und Protokolle können wesentlich dazu beitragen, wertvolle Ressourcen zu bündeln und eine systematische Zusammenarbeit aufzubauen. Solche Instrumente tragen auch dazu bei, das aktive Engagement aller Beteiligten zu sichern. (Krizsan & Pap 2016, 12.)

To-do-Listen für Ersthelfer und Ersthelferinnen
Polizei
  • Informieren Sie das Opfer über Notunterkünfte und begleiten Sie ein Opfer bei Bedarf zu einer Unterkunft.
  • Leiten Sie ein Kinderschutzverfahren ein, falls dies noch nicht geschehen ist.
  • Nehmen Sie eine Strafanzeige auf, falls dies noch nicht geschehen ist.
  • Nehmen Sie, mit dem Einverständnis des Opfers, Kontakt mit dem Opferhilfsdienst auf.
  • Dokumentieren Sie die bei der Risikobewertung gewonnenen Informationen und behandeln Sie sie vertraulich.
  • Informieren Sie das Opfer über die Möglichkeit eines Erlasses einer einstweiligen Verfügung.
  • Informieren Sie das Opfer über mögliche Zeitpunkte, zu denen die Polizei den Täter bzw. die Täterin kontaktieren wird.
  • Informieren Sie das Opfer, wenn der Täter bzw. die Täterin aus dem Gewahrsam entlassen wird, wenn der Täter bzw. die Täterin in Gewahrsam genommen wurde*.
  • Erstellen Sie einen Sicherheitsplan für das Opfer.
  • Kümmern Sie sich darum, dass das Opfer bei körperlichen Verletzungen eine medizinische Versorgung erhält, um diese zu behandeln und dokumentieren zu lassen.
  • Leiten Sie das das Opfer, je nach Unterstützungsbedarf, an die Sozialdienste weiter.
  • Stellen Sie sicher, dass alle relevanten NROs zur Teilnahme an der Risikobewertung eingeladen werden.
  • Unterstützen Sie das Opfer beim Schutz seiner persönlichen Daten.
  • Berücksichtigen Sie die Risiken von digital unterstütztem Stalking und Cyberstalking und helfen Sie dem Opfer, seine digitalen Geräte entsprechend zu schützen.
  • Bedenken Sie die Vorteile eines tragbaren Alarmsystems für das Opfer.
  • Unterstützen Sie den Täter bzw. die Täterin bei der Teilnahme an einem Täterprogramm*.

 * = wenn diese Aufgabe nicht von einer anderen Behörde übernommen wird

Sozialarbeit
  • Wenn eine unmittelbare oder auch nur wahrscheinliche Gefahr für die Sicherheit des Klienten oder der Klientin oder von Kindern besteht, sollten Sie die Polizei einschalten.
  • Leiten Sie ein Kinderschutzverfahren ein, falls dies noch nicht geschehen ist.
  • Informieren Sie das Opfer über Notunterkünfte und begleiten Sie es bei Bedarf zu einer Unterkunft.
  • Helfen Sie dem Opfer, finanzielle Probleme zu lösen.
  • Schaffen Sie für eine sichere Unterbringung desOpfers.
  • Unterstützen Sie das Opfer beim Schutz seiner persönlichen Daten.
  • Helfen Sie dem Opfer, sofortige Krisenhilfe und psychosoziale Unterstützung zu erhalten.
Gesundheitswesen
  • Untersuchen Sie den Patienten bzw. die Patientin immer in Abwesenheit seiner Familienangehörigen oder seines/ihres Ehepartners/Ehepartnerin.
  • Helfen Sie dem Opfer, sofortige Krisenhilfe und psychosoziale Unterstützung zu erhalten.
  • Wenn eine unmittelbare Gefahr für die Sicherheit des Patienten oder der Patientin oder von Kindern besteht, sollten Sie die Polizei einschalten.
  • Leiten Sie ein Kinderschutzverfahren ein, falls dies noch nicht geschehen ist.
  • Holen Sie die Zustimmung des Opfers ein, bevor Sie Besucher oder Besucherinnen einlassen.

4. Schritt: Nachbereitung

Lernziele

Die Lernziele dieses Schritts bestehen darin, sich mit dem Zweck der Nachbereitungsphase vertraut zu machen und die Notwendigkeit eines dynamischen Risikobewertungsprozesses zu verstehen.

Die Nachbereitung ist eine Phase, in der der Ersthelfer oder die Ersthelferin regelmäßig mit dem Opfer in Kontakt steht. Lesen Sie zunächst, warum die Nachbereitung wichtig ist, und sehen Sie dann, wie die Nachbereitung in Noras Fall aussieht.

Warum brauchen wir die Nachbereitung als Teil des Risikobewertungsprozesses?

Trotz einer wirksamen Intervention kann es vorkommen, dass ein Täter bzw. eine Täterin weiterhin gewalttätig gegenüber dem Opfer ist und es weiterhin unterdrückt. Es gibt viele Gründe, warum ein Gewaltopfer nicht in der Lage ist, den Täter bzw. die Täterin zu verlassen: z.B. (gegenseitige) Abhängigkeit, Angst oder finanzielle Probleme. In der Regel bedarf es mehrerer Versuche, den Täter bzw. die Täterin zu verlassen, bevor man sich endgültig von ihm bzw. ihr trennt. Manchmal führt eine Trennung zu einer Eskalation der Gewalt. Das Opfer kann versuchen, die Gewalt zu kontrollieren, indem es in der Beziehung bleibt. Das Opfer kann den Täter bzw. die Täterin verlassen, aber der Täter bzw. die Täterin beginnt, das Opfer zu verfolgen und zu belästigen. Umgangsregelungen mit Kindern können als Mittel benutzt werden, um das Opfer weiterhin der Gewalt auszusetzen. Kurz gesagt, die Situation kann sich verschlimmern.

Idealerweise ist die Risikobewertung ein dynamischer Prozess. Die Risikobewertung muss regelmäßig überprüft werden. Wenn die Bedrohung durch Gewalt weiter besteht, muss der Prozess der Risikobewertung von neuem beginnen. Eine wirksame Prävention von Gewalttaten und die Durchbrechung des Gewaltkreislaufs kann mehrere Maßnahmen erfordern.

Fallbeispiel: Nora

Seit Noras erstem Treffen mit einer NRO-Mitarbeiterin ist viel passiert.

Nora wohnt derzeit in einem Frauenhaus. Sie wird von einem Mitarbeiter des Opferhilfsdienstes und einer NRO unterstützt, die sich um gewaltbetroffene Migrantinnen kümmert. Außerdem hat sie regelmäßige Treffen mit einer psychiatrischen Krankenschwester.

Die Polizei hat eine Anzeige wegen Körperverletzung, Verleumdung, Bedrohung und Betrug gegen Peter erstattet. Nora hat eine einstweilige Verfügung gegen Peter erwirkt. Nora hat von ihrem Anwalt erfahren, dass eine Scheidung keine Auswirkungen auf ihren Einwanderungsstatus hat.

Nora hat ein neues Bankkonto und eine neue geheime Telefonnummer. Sie besucht den Sprachkurs in einer anderen Schule. Nora trifft sich jede Woche mit der NRO-Mitarbeiterin. Die NRO-Mitarbeiterin hat den Konflikt zwischen Nora und ihrer Mutter und ihren Schwestern erfolgreich geschlichtet.

Jetzt scheint alles in Ordnung zu sein, oder?

Doch Nora hat Angst. Sie fürchtet sich vor der Möglichkeit, dass Peter sie finden könnte. Die Angst vor dem Tod nimmt ihr Leben in Beschlag.

Als Nora mit Peter zusammenlebte, hatte sie das Gefühl, dass sie ihre Angst kontrollieren konnte. Sie konnte Peters Erregung spüren und tat immer alles, um eine Explosion zu vermeiden. Sie versuchte Peter zu gefallen und, mit ihm zu reden. Sie spürte, wie sich die Spannung aufbaute, und als die Gewalttätigkeiten begannen, spürte sie Erleichterung: „Bald wird das für einige Wochen vorbei sein. Bald kann ich wieder aufatmen“.

Traumatisierende Erlebnisse lassen Nora an sich selbst zweifeln und sich Vorwürfe machen.

Die NRO-Mitarbeiterin und die psychiatrische Krankenschwester fragen Nora immer wieder nach ihrer Angst, aber sie kann es ihnen nicht sagen. Sie schämt sich zu sehr, ihren Helfern und Helferinnen gegenüber zuzugeben, dass sie trotz aller Hilfe und Unterstützung, die sie erhalten hat, Angst hat. Das Leben mit einem misshandelnden Partner war einfacher, als sie nicht ständig Angst haben musste. Sie kann diese Gedanken niemandem gegenüber offenbaren.

Nora ist noch verwirrter, als sie zufällig einen Freund von Peter trifft. Der Freund erzählt, dass Peter traurig und bestürzt ist. Der Freund sagt, dass Peter sich große Sorgen um Nora gemacht hat und versucht hat, sie zu finden.

„Es geht ihm nicht sehr gut.“

„Bitte ruf ihn an.“

Was könnte in Noras Fall als nächstes passieren? Was, wenn Nora Peter anruft? Wird Peter Nora finden oder wird Nora zu Peter zurückkehren? Was ist, wenn Nora beim nächsten Treffen mit der NRO-Mitarbeiterin von diesem Vorfall erzählt?

Die Überwachung der Situation und die Aufrechterhaltung einer vertrauensvollen und sicheren Beziehung zu dem Opfer sind äußerst wichtig. Hier offenbart Nora der NRO-Mitarbeiterin, dass sie sich Sorgen um Peters Zustand macht. Dies führt zu einer Diskussion über Noras Ängste und Selbstvorwürfe. Die NRO-Mitarbeiterin beachtet die Mitteilung, dass Peter versucht hat, Nora zu finden.

Sollte sich Noras Situation ändern, würden die Ersthelfer und Ersthelferinnen die Risikobewertung überarbeiten und neue geeignete Maßnahmen ergreifen. Ein tragbares Alarmsystem könnte die Angst, die Nora erlebt, lindern. Es gibt viele Möglichkeiten.

Vielen Dank, dass Sie Noras Geschichte gelesen haben.

Erfahren Sie mehr über die Risikobewertung bei häuslicher Gewalt im Abschnitt „Lesenswertes“. Vergessen Sie nicht, Ihre eigene Checkliste zur Gefährdungsbeurteilung auszudrucken, die Sie im Abschnitt „Materialien“ finden.


Lesenswertes

Quellen

Albuquerque, M., Basinskaite, D., Medina Martins, M., Mira, R., Pautasso, E., Polzin, I., Satke, M., Shearman de Madeco, M., Alberta Silva, M., Sliackiene A., Manuel Soares, M., Viegas, P. & Wiemann, S. (2013). E-MARIA: European manual for risk assessment. Bupnet, Göttingen.

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Materialien