Fallstudien und Szenarien-basiertes Lernen

Fallstudien
Szenarien-basiertes Lernen
IMPRODOVA Szenarien-basiertes Lernmodul zur Risikobeurteilung bei häuslicher Gewalt

Fallstudien

Fallstudie: Offenlegung von häuslicher Gewalt gegenüber dem Hausarzt

Sabrina ist Buchhalterin, 30 Jahre alt, und seit 8 Jahren mit einem Bauarbeiter verheiratet. Sie stellt sich ihrem Hausarzt mit ständiger Müdigkeit und Kopfschmerzen vor, die sie seit über einem Jahr plagen. Die Kopfschmerzen haben sich im letzten Monat (seit der Entlassung ihres Mannes) verschlimmert und sind am Ende des Tages am schlimmsten. Sie hat Schlafprobleme und berichtet über Schmerzen am ganzen Körper. Sie war im vergangenen Jahr in mehreren Kliniken; es wurde aber nichts gefunden, was ihr helfen konnte. Es wurden Bluttests gemacht, ihr wurden Schmerzmittel verschrieben, ihr wurde geraten, sich mehr zu bewegen und ihre Ernährung umzustellen. Beim heutigen Termin brauche sie dringend etwas, was für sie getan werden kann, da ihr Mann wegen der fehlenden Ergebnisse langsam ungeduldig werde. Sie sei besorgt, dass er sehr wütend auf sie werde, wenn sie heute nach Hause zurückkehrt. Sabrinas Arzt fragt: “Was passiert, wenn Ihr Partner wütend wird?“ Diese Frage ist ihr bisher noch nicht gestellt worden, und Sabrina zögert mit der Antwort. Ihr Arzt sagt: “Ich würde wirklich gerne hören, was zu Hause vor sich geht.”. Sabrina bricht in Tränen aus, und langsam erzählt sie von ihren Erfahrungen mit Partnergewalt. Nachdem der Arzt das Risiko mithilfe von festgelegten Verfahren bewertet hat, kommt er zu der Einschätzung, dass Sabrina derzeit nicht in akuter Gefahr ist, dass die Gewalt eskaliert. Sabrina bestätigt, dass sie das Gefühl hat, mit dem, was jetzt geschieht, umgehen zu können. Sie möchte daher nicht in ein Frauenhaus vermittelt werden und sich auch nicht bei der Polizei melden. Diese Optionen wurden ihr von dem Arzt – trotz des nicht akuten Risikos einer Gewalteskalation – angeboten. Sie vereinbaren einen Folgetermin zur weiteren Unterstützung. Der Arzt weist Sabrina auf die Nummer der Gewaltopferhotline hin, bei der Sabrina sich auch ansonsten jederzeit melden kann.

Fallstudie: Offenlegung von häuslicher Gewalt in der Arztpraxis

Wir befinden uns ich einer Hausarztpraxis und eine 25-jährige Patientin kommt zur Sprechstunde.

A: „Guten Morgen Frau Schmidt, was kann ich heute für sie tun?“

P: „Ich fühle mich momentan total überlastet und wollte fragen, ob Sie mich vielleicht für zwei Wochen krankschreiben können?“

A: „Gibt es einen bestimmten Grund warum Sie sich überlastet fühlen und ist das früher schon mal aufgetreten?“

P: „Ich habe mich noch nie zuvor wegen Überlastung krankschreiben lassen. Ich habe mich gerade frisch getrennt und mir wird momentan einfach alles zu viel.“

A: „Ich kann Sie natürlich gerne krankschreiben, aber wenn Sie sich durch die Situation so überlastet fühlen, würde ich Ihnen gerne noch weitere Hilfe anbieten. Möchten Sie vielleicht mit mir darüber sprechen?“

P: „Mmh, mir ist das eigentlich sehr unangenehm darüber zu sprechen. In meiner früheren Beziehung gab es einige Probleme. Mein Freund war sehr kontrollsüchtig und hat ständig mein Handy kontrolliert. Wir hatten ständig Streit, sobald ich mich mit meinen Freunden oder meiner Familie treffen wollte. Dadurch habe ich mich immer mehr isoliert und war dann nur noch mit meinem Freund unterwegs. Nachrichten von meinen Freunden wurden gelesen, bevor ich sie lesen konnte. Ich habe mich dann doch letztendlich getrennt, aber ich weiß nicht, ob das die richtige Entscheidung war.

A: „Wenn Ihr Freund Sie so kontrolliert und drangsaliert hat, warum denken Sie, dass die Trennung nicht richtig war?“

P: „Er ruft mich ständig an und schickt mir Nachrichten. Er setzt mich unter Druck indem er sagt, dass er ohne mich nicht leben könne und sich was antue, wenn ich nicht mehr zurückkäme. Ständig sehe ich sein Auto auf dem Parkplatz, egal ob beim Einkaufen, der Arbeit oder beim Treffen mit Freunden. Immer habe ich das Gefühl, dass er in der Nähe ist. Kann das noch Zufall sein? Ich habe mich bereits zweimal mit ihm getroffen, weil er mir so leidtat und ich Angst hatte, dass er sich wirklich etwas antut.“

Fallstudie: Häusliche Gewalt kann psychische Probleme verursachen

Mary ist eine berufstätige Frau in den Vierzigern, die während ihrer (inzwischen beendeten) 23-jährigen Ehe erheblicher häuslicher Gewalt ausgesetzt war. Sie verließ ihren sie misshandelnden Partner, nachdem die Gewalt so eskalierte, dass ihre Sicherheit ernsthaft bedroht war.

„Was mir half meinen Partner zu verlassen, war der Zugang zu Informationsmaterial über häusliche Gewalt. Ich erinnere mich, dass ich mit einer kleinen Publikation in der Hand dasaß und eine Liste verschiedener Arten von Misshandlungen durchlas: emotionale, psychologische, soziale, finanzielle und körperliche Misshandlungen, sowie eine Liste mit häufigen Verhaltensweisen in den jeweiligen Formen von Gewalt. Ich befand mich wie in einem Schockzustand, weil ich die meisten der Formen mit den entsprechenden Verhaltensweisen auf der Liste als “mein Leben” ankreuzen konnte. In dem Buch wurde auch der “Kreislauf der Gewalt” erörtert, und ich konnte mich eng mit den darin beschriebenen Mustern identifizieren. Ich hatte mich immer für eine intelligente, gut gebildete Person gehalten, aber der “Kreislauf der Gewalt” in meinem Leben hatte so viel Unheil in meinem Leben angerichtet, dass ich nicht in der Lage war zu sehen, dass das vieles eingesetzt wurde, um mich zu kontrollieren, und dass das Leben mit dem damit verbundenen Stress mich zunehmend körperlich krank machte. Ich konnte mich nicht länger selbst belügen.“

Nachdem sich Mary ihrem Hausarzt und ihren Freunden anvertraute und nach vielen Gesprächen änderte sich ihr innerer Dialog und fand so die Kraft, um sich dem Gewaltmuster zu stellen und selbstbewusster und entschlossener zu werden, wenn es darum ging, ihre Lebensumstände zu ändern.

„Es dauerte lange, lange Zeit, bis ich die Hoffnung, den Traum, dass sich die Dinge ändern würden, aufgegeben hatte. Ich hatte eine Strategie entwickelt, um missbräuchliche Ereignisse so schnell wie möglich zu vergessen, um damit fertig zu werden und es auszuhalten. Es war oft ein enormer Schock, wenn mein Hausarzt oder Freunde mich an ein Ereignis erinnerten oder daran, wie ich mich damals gefühlt hatte, weil ich verzweifelt versuchte, mich an die guten Dinge und Freundlichkeiten zu erinnern, die immer auf Episoden von häuslicher Gewalt folgten.

Ich kann mich nicht einmal daran erinnern, was an jenem Samstagabend der Auslöser war, aber er war sehr betrunken, und er hatte gerade den Job verloren, den er vor kurzem begonnen hatte. Ich saß stundenlang wie erstarrt vor Angst auf meinem Bett, während er mich anschrie, er wolle uns beide töten. Ich konnte nicht aus dem Haus gehen, aber ich schaffte es, mich in einem Schlafzimmer einzuschließen und wartete, bis er am nächsten Tag das Haus verließ, bevor ich den Raum verließ. An diesem Tag ging ich zu meiner Mutter, um zu fragen, ob ich eine Weile bei ihr bleiben konnte, aber sie hatte Angst. Ich ging nach Hause und schloss mich über Nacht wieder in meinem Zimmer ein. Am Montag fasste ich den Mut, zu meinem Hausarzt zu gehen und ihm von den Morddrohungen zu erzählen, und er riet mir, mich an die Polizei zu wenden, um Hilfe zu suchen. Sie halfen mir, eine sichere Unterkunft zu finden, und ich ging nie wieder zurück nach Hause. Ich hatte nichts bei mir außer meiner Handtasche und der Kleidung, die ich trug.

In den ersten Wochen nach meiner Flucht aus dem Haus war ich sehr krank, sowohl körperlich als auch seelisch. Das Gefühl des Verlusts und der Trauer über das Leben, das ich in den letzten 23 Jahren gekannt hatte, war immens; mein Zuhause, mein Garten, meine Haustiere und alles, was ich geschaffen hatte, befand sich in diesem Haus. Ich konnte kaum funktionieren und brach Tag und Nacht ständig in Tränen aus – ich konnte es einfach nicht kontrollieren. Ich war extrem ängstlich. Ich konnte nicht essen … ich konnte nicht schlafen, ohne Alkohol zu trinken. Ich hatte das Gefühl, als ob ein elektrischer Strom durch meinen ganzen Körper vibrieren würde, und ich wollte einfach, dass alles aufhört. Ich ertappte mich bei dem Gedanken, dass, wenn ich wieder nach Hause käme, der heftige emotionale Aufruhr und die schmerzhaften körperlichen Symptome verschwinden würden. Das ist nicht das, was ich wollte, oder wie ich wollte, dass mein Leben verläuft. Es war die schrecklichste und schmerzhafteste Zeit meines Lebens. Ich war unglaublich verletzlich und hatte Angst, dass mein Mann seine Selbstmorddrohungen zu Ende bringen würde. Ich hatte Angst um meine eigene persönliche Sicherheit. Diesmal ging ich nicht zurück, obwohl ich es oft überlegte … Ich wusste, dass ich nicht überleben würde, wenn ich es tat, und die vielen kleinen Schritte, die ich mit Hilfe einer Reihe von Menschen, darunter auch meinem Hausarzt, in Richtung Unabhängigkeit gemacht hatte, bedeuteten, dass ich nun die Kraft, Gesundheit und Unterstützung hatte, für immer wegzugehen und weg zu bleiben.“

Aufgaben

a) Was hat der Arzt getan, um Mary zu helfen?
b) Welche Agenturen und Fachleute waren möglicherweise an der Unterstützung und/oder Bereitstellung von Diensten für Mary beteiligt?
c) Stellen Sie eine Liste der verschiedenen Fachkräfte auf, die das multidisziplinäre Team in Ihrer Organisation bilden und die an der Erbringung von Dienstleistungen für Menschen, die häusliche Gewalt erlebt haben, beteiligt sein könnten (dies hängt von Ihrem Wohnort ab).
d) Sind Sie der Meinung, dass nun alles in Ordnung ist? Wenn Sie Mary 7 Jahre später wieder treffen würden, was glauben Sie, wie ihre Situation sein könnte? Nennen Sie die verschiedenen Möglichkeiten und die Wahrscheinlichkeit, dass diese eintreten werden.

Wie ging Mary´s Geschichte nach 7 Jahren weiter?

„Es ist nun 7 Jahre her, dass ich meinen Ehemann verlassen habe. Ein paar Monate, nachdem ich weggegangen war und in ein neues Zuhause umgesiedelt war, brach mein früherer Mann in mein Haus ein und griff mich an. Ich dachte ernsthaft, ich würde in dieser Nacht sterben. Kurz nachdem er gegangen war, kam ein Freund, der sah, dass ich verletzt und durcheinander war, und bestand darauf, dass wir die Polizei rufen. Ich erhob Anklage gegen meinen Mann und veranlasste eine einstweilige Verfügung. Obwohl ich wusste, dass Polizei mich unterstützte, fühlte ich mich nie ganz sicher, da er erneut gedroht hatte, uns beide zu töten. Die folgenden 6 Monate waren die einsamste Zeit in meinem Leben, da ich allein in diesem leeren Haus war und Angst hatte, er würde wieder zurückkommen. Freunde und Familie hatten dadurch Angst mich zu besuchen. Ich begann, Alkohol zu trinken, um damit fertig zu werden und meine Gefühle zu betäuben. Ich trank ziemlich lange zu viel.

Freunden und Verwandten wurde bewusst, dass ich zu viel und zu regelmäßig trinke, und sie konfrontierten mich damit, und ich ging einige Male zu einem Psychologen. Die meiste Zeit war ich so verzweifelt aufgeregt und ängstlich. Ich fühlte mich schrecklich, weil ich mir Alkohol kaufte. Ich trank nie, wenn ich ausging oder wenn ich in Gesellschaft war. Aber sobald ich die Haustür hinter mir geschlossen hatte, schenkte ich mir ein Glas Wein ein, und oft konnte ich nicht aufhören, bis ich ins Bett fiel, nachdem ich stundenlang fast wie besessen das Haus geputzt hatte.

Ich verließ meine Ehe und überlebte, aber obwohl die risikoreichste Zeit kurz nach meinem Weggang weit hinter mir liegt, habe ich bis heute anhaltende gesundheitliche und psychologische Probleme. Wiederkehrende Alpträume sind für mich ein anhaltendes Problem. Es ist nicht ungewöhnlich, dass ich zwei- bis dreimal pro Woche schreiend und unglaublich verzweifelt aufwache. Selbst im Fernsehen reagiere ich sehr empfindlich auf Aggressionen. Allein die Beobachtung von Aggressionen löst einen Alptraum aus. Ich habe auch anhaltende Schlafprobleme gehabt. Ich wachte nachts häufig auf und konnte nicht wieder einschlafen.

Arbeit und finanzieller Druck können neue Angstzustände auslösen, die ich nicht unter Kontrolle zu bringen vermag. Diese Episoden können wochenlang andauern, wenn ich trotz der Einnahme von Antidepressiva mit einem inneren Zittern, einem Flattergefühl in der Brust und einem Klopfen in den Schläfen und enormer Anspannung lebe. Während solcher Episoden steigt mein Blutdruck beträchtlich an, ich fühle mich sehr, sehr unwohl, kann nicht schlafen und meine Arbeit und meine Beziehungen leiden darunter. Ich fange einfach an, mich zu verstecken und alles zu meiden, was die Anspannung und die Angst noch verschlimmert. In den letzten 7 Jahren hatte ich zudem drei schwere Episoden von Colitis Ulcerosa. Die Auswirkungen auf mein Berufsleben waren aufgrund meiner Gesundheits- und Schlafprobleme beträchtlich. Ich musste mich zeitweise recht häufig krankschreiben lassen.

Mein Hausarzt hat mir geholfen, endlich zu verstehen, dass ich an einer posttraumatischen Belastungsstörung (PTSD) leide, die mit Medikamenten und Therapie behandelt und bewältigt werden muss. Es war wirklich eine Erleichterung, jemanden zu haben, der sie als PTBS identifiziert und begann mit mir gemeinsam nach Behandlungsmöglichkeiten zu suchen. Ich gewinne allmählich wieder das Gefühl der Kontrolle, dass die Dinge nicht so hoffnungslos sind und dass ich mich mit der Zeit nicht mehr so erschöpft und überwältigt fühlen werde. Ich bin durch die Müdigkeit ein wenig lethargisch geworden. Ich hatte das Gefühl, dass ich nicht für die Zukunft planen konnte, weil ich einfach keine Energie hatte. Ich kann nicht sagen, dass ich glücklich war oder dass ich das Leben sehr lange genossen habe. Alles, was mir gelungen ist, ist, immer wieder einen Fuß vor den anderen zu setzen, um das Leben zusammenzuhalten.

Wenn ich jetzt zurückblicke, wird mir klar, was für eine zentrale Rolle mein Arzt in all den Jahren hatte. Am hilfreichsten war, dass er mich daran erinnerte, warum ich das letzte Mal zu ihm gekommen war, und mich fragte, wie es in den folgenden ein oder zwei Wochen gelaufen war. Er zwang mich, mich dem beträchtlichen Kummer und den Auswirkungen auf meine Gesundheit zu stellen und mit der aktuellen Situation und meiner geistigen und körperlichen Gesundheit in Beziehung zu setzen.“

Aufgaben

a) Welche Gesundheitsprobleme hat Mary noch 7 Jahre nachdem sie den Täter verlassen hatte?
b) Ist dies ein ungewöhnlicher Verlauf der Ereignisse?
c) Was hat letztlich den Unterschied ausgemacht, dass sich Mary besser fühlt?
d) Was fand Mary hilfreich im Gespräch mit ihrem Arzt und warum war das hilfreich?

Adaptiert nach einer Fallstudie aus RACGP (2014): Abuse and Violence: Working with our patients in general practice

Fallstudie: Gewalt gegen Ältere

Winnie, 69 Jahre alt, lebt allein in einer kleinen Stadt auf dem Land. Sie ist seit einigen Jahren eine Patientin von Ihnen. Sie hat schwere Arthritis und benötigt immer mehr Hilfe bei den Aktivitäten des täglichen Lebens. Selbst mit regelmäßigen Besuchen von Sozialdiensten kommt sie nur schwer zurecht, aber sie besteht darauf, dass sie nicht ins Altersheim gehen will.

Schließlich zieht sie zu ihrer Tochter und ihrem Mann und deren kleinen Söhnen. Die Nachbarn fangen an, sich über den Lärm zu beschweren. Seit Winnie eingezogen ist, gibt es nicht mehr viel Platz im Haus, und die Kinder streiten sich öfter, schreien und spielen mehr draußen. Winnie’s Tochter erhält keinerlei Hilfe von ihren anderen Schwestern und es wird von ihr erwartet, dass sie das vermehrte Waschen, Kochen und andere Pflichten klaglos bewältigt.

Wenn Sie Hausbesuche bei Winnie machen, stellen Sie fest, dass sie Flecken und Prellungen an ihren Armen und am Oberkörper hat. Diese werden von ihrer Tochter so erklärt, dass Winnie immer ungeschickter wird und sich ständig irgendwo anstößt, außerdem nimmt Winnie Blutverdünner. Winnie schüttelt nur den Kopf und sagt nichts, auch wenn Sie unter vier Augen mit ihr sprechen und fragen ob alles in Ordnung sei. Sie machen sich Sorgen, wollen aber niemanden durch falsche Anschuldigungen verärgern.

Adaptiert nach einer Fallstudie aus RACGP (2014): Abuse and Violence: Working with our patients in general practice

Aufgaben

Besprechen Sie bitte die Fallstudie:
a) Was würden Sie als Arzt oder Ärztin in dieser Situation tun?
b) Welches sind die Hauptrisikofaktoren, die darauf hinweisen könnten, dass Winnie unter häuslicher Gewalt leidet?

Hausärzte und Hausärztinnen müssen sich bewusst sein, dass es bei auch Älteren zu häuslicher Gewalt kommen kann.

Was könnte man tun?

Sie können den häuslichen Pflegedienst, eine Haushaltshilfe, ein Tageszentrum, Unterstützungsgruppen für pflegende Angehörige oder andere lokale Dienste einbeziehen, um den Druck auf diese Familie zu verringern.

Was im Fall Winnie gemacht wurde:

Winnie bleibt weiterhin im Haus ihrer Tochter mit einigen zusätzlichen Hilfen – wie z.B. einer Toilettenerhöhung und einer Entlastungspflege wohnen; dies ermöglicht ihrer Tochter Zeit außer Haus zu verbringen; Winnie besucht einmal pro Woche die Tagesstätte.

Es ist unklar, ob dies die Situation entschärfen wird, deshalb ist es wichtig, Winnie mit wöchentlichen Hausbesuchen genau zu beobachten.

Weitere Informationen zum Thema Gewalt gegen Ältere finden sie in einem Factsheet hier: https://mwiaviolencemanual.com/elder_abuse/

Fallstudie: Häusliche Gewalt schadet auch Kindern

Gabby heiratete nach einer langen Beziehung ihren Ehemann Nick und zog kurz darauf auf den Bauernhof ihres Mannes um. Das Paar war auf dem Bauernhof glücklich und bekam bald ihr erstes Kind. Während der Schwangerschaft begann sich Nicks Verhalten zu ändern, und als ihre Tochter geboren wurde, „fühlte“ sich die Beziehung nicht mehr wie zuvor an. Nick wirkte zurückgezogen und verbrachte lange Zeit allein. Er begann, Gabby an Nicks Vater zu erinnern, der immer sehr streng gegenüber Nick war.
Nicks Verhalten wurde bedrohlich und kontrollierend, insbesondere in Bezug auf Geld und soziale Kontakte. Er wurde bei Auseinandersetzungen zunehmend aggressiv, schrie oft und warf Gegenstände durch den Raum. Gabby dachte, da er sie nicht körperlich verletzte, stelle sein Verhalten keinen Missbrauch dar. Nick zeigte kein großes Interesse an der Tochter Jane, außer in der Öffentlichkeit, wo er ein vernarrter und liebevoller Vater zu sein schien.
Jane war im Allgemeinen ein wohlerzogenes Kind, aber Gabby stellte fest, dass sie nicht in der Lage war, sie bei jemand anderem zu lassen. Jane weinte und wurde sichtlich verzweifelt, wenn Gabby sie jemand anderem übergab. Dies war für Gabby belastend und bedeutete auch, dass ihre sozialen Aktivitäten weiter eingeschränkt wurden.
Jane brauchte lange Zeit, um zu krabbeln, zu gehen und zu sprechen. Ihr Schlafmuster wurde unterbrochen, und Gabby schlief die Nacht nicht oft durch, selbst als Jane über 12 Monate alt war. Als Jane zu sprechen begann, entwickelte sie ein Stottern, was ihre Sprachentwicklung weiter behinderte. Gabby machte sich große Sorgen um Jane. Ihr Hausarzt sagte ihr, dass dies bei einigen Kindern normal sei und dass sie, wenn die Sprachprobleme fortbestünden, Jane jederzeit zu einem späteren Zeitpunkt zu einem Spezialisten schicken können.
Nach einigen Jahren wurde Nicks Verhalten für Gabby inakzeptabel. Während der Auseinandersetzungen hatte er das Gewehr, das er für landwirtschaftliche Zwecke gekauft hatte, in die Hand genommen, und Gabby empfand dies als sehr bedrohlich. Bei einer Reihe von Gelegenheiten trafen Gegenstände, die Nick warf, Gabby, und sie hatte zunehmend Angst um ihre Tochter. Gabby beschloss, das Haus zu verlassen, und wandte sich an die örtliche Frauenberatungsstelle, die ihr half, ein Annäherungsverbot gegen Nick zu erwirken.
Nachdem Jane keinen Kontakt mir Nick mehr hatte, änderte sich ihr Verhalten. Janes Entwicklung schien sich zu beschleunigen, und Gabby konnte zuerst nicht verstehen, warum. Im Rahmen ihrer Beratung bei einer örtlichen Beratungsstelle erörterte sie dieses Thema, und ihre Beraterin erklärte ihr, dass die die Entwicklungsverzögerung, das Stottern, die Irritation und die Trennungsangst bei Jane dadurch kam, dass sie in einer missbräuchlichen Situation gelebt hatte.

Aufgaben zur weiteren Reflektion

(1) Was hätten der Hausarzt oder die Hausärztin besser machen können?
(2) Nehmen Sie sich einen Moment Zeit, um zu überlegen, an welchen Stellen und welche Fachkräfte möglicherweise an der Unterstützung und/oder Bereitstellung von Diensten für Opfer häuslicher Gewalt hätten früher beteiligt werden müssen.
(3) Listen Sie die verschiedenen Professionen auf, die das multidisziplinäre Team in Ihrer Organisation bilden und die an der Erbringung von Dienstleistungen für Menschen, die häusliche Gewalt erlebt haben, beteiligt sein könnten (dies ist je nach Ihrem Standort unterschiedlich).

Zu dem breiten Spektrum von Fachleuten, Diensten und Fachstellen, die möglicherweise an der Unterstützung von Opfern häuslicher Gewalt beteiligt sind gehören – ohne darauf beschränkt zu sein – Dienste der primären und sekundären Gesundheitsfürsorge, der psychischen Gesundheitsfürsorge, der Dienste für sexuelle Gewalt, der Sozialfürsorge, der Strafverfolgungsbehörden, der Polizei, der Bewährungshilfe, der Jugendgerichtsbarkeit, des Substanzmissbrauchs, spezialisierter Agenturen für häusliche Gewalt, Kinderdienste, Wohnungsdienste und Bildung. Die untere Flowchart illustriert die Zusammenarbeit all dieser Dienste im Kontext häuslicher Gewalt.

Adaptiert nach einer Fallstudie aus RACGP (2014): Abuse and Violence: Working with our patients in general practice


Szenarien-basiertes Lernen

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IMPRODOVA Szenarien-basiertes Lernmodul zur Risikobeurteilung bei häuslicher Gewalt

Im Rahmen eines Teilprojektes des EU-Projektes IMPRODOVA wurde von den Partnern ein Szenarien-basiertes Lernmodul zur Risikobeurteilung bei häuslicher Gewalt entwickelt (D 3.3).

Das Szenarien-basierte Lernmodul zur Risikoeinschätzung häuslicher Gewalt ermöglicht es, online mehr über die verschiedenen Verfahren der Risikoeinschätzung im Fall von Nora zu erfahren, um ein besseres Verständnis der beteiligten Prozesse zu erlangen. Das Modul kann auch heruntergeladen werden, um es zum Beispiel in einem Workshop zu verwenden.

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