Modul 1: Formen und Dynamiken häuslicher Gewalt

Opfer von häuslicher Gewalt

Definition

Der Begriff Opfer/Überlebende bezieht sich auf Menschen, die häusliche Gewalt erlebt haben oder erleben, und spiegelt die Terminologie der strafrechtlichen Verfolgung bzw. der Inanspruchnahme von Unterstützungsleistungen wider.


IMPRODOVA: Wer sind die Opfer von häuslicher Gewalt?

Das Video erklärt, wer die Opfer häuslicher Gewalt sind.


Häusliche Gewalt wird oft als etwas angesehen, „das anderen passiert“. Menschen, die nicht betroffen sind, verstehen oft nicht, warum das Opfer den Täter bzw. die Täterin oder die Situation nicht verlässt und warum er bzw. sie es niemandem erzählt. Hier sind einige Aspekte, die Ihnen mehr Einblick geben und Ihnen helfen können, dies zu verstehen.

Wer sind die Opfer häuslicher Gewalt?

Opfer häuslicher Gewalt kommen aus allen sozialen, kulturellen, ökonomischen und religiösen Hintergründen.

Wann beginnt häusliche Gewalt?

Menschen gehen eine Beziehung nicht in der Erwartung ein, dass sie gewalttätig wird.

Der Kreislauf der Gewalt ist oft vorhersehbar und kann aus drei Phasen bestehen, auch wenn häusliche Gewalt nicht immer einem linearen Prozess folgt: Spannungsaufbau; Missbrauch oder Explosion; und Flitterwochen oder Vergebung und Reue. In der ersten Phase bauen sich Spannungen innerhalb der häuslichen Beziehung auf, und der Täter bzw. die Täterin beginnt, frustriert zu werden und lässt dies in Form von häuslicher Gewalt an seinem/seiner bzw. ihrem/ihrer Partner/in oder einem anderen Familienmitglied aus. Gewalt kann verschiedene Formen annehmen, einschließlich physischen, psychischen, emotionalen oder sexuellen Missbrauchs, der Sekunden bis Tage dauern kann. Der Täter bzw. die Täterin fühlt sich dann erleichtert, bereut seine bzw. ihre Handlungen oder deren Konsequenzen und beginnt, sich zu entschuldigen oder den Schaden wiedergutzumachen. Das Paar genießt dann eine Flitterwochen-Periode, in der das Opfer glaubt, dass sich der Täter bzw. die Täterin ändern und die Gewalt aufhören wird. In einigen Fällen verringert sich die Intensität der Gewalt oder stoppt für einige Zeit, bis der Zyklus von vorne anfängt.

Warum verlässt das Opfer den Täter bzw. die Täterin oder die Situation nicht einfach?
  • Das Opfer könnte Angst vor dem Täter bzw. der Täterin haben und davor, dass der Missbrauch eskaliert und nach der Trennung oder dem Weggehen weitergeht.
  • Das Opfer könnte finanziell vom Täter abhängig sein, Angst haben, allein zu sein, seine bzw. ihre Selbstachtung und sein bzw. ihr Selbstvertrauen verloren haben, um den Täter bzw. die Täterin zu verlassen, ihn bzw. sie noch lieben oder eine „traumatische Bindung“ zu ihm bzw. ihr empfinden (oft als „Geiselsyndrom“ bezeichnet).
  • Das Opfer wünscht sich vielleicht, dass die Mutter bzw. der Vater ihrer bzw. seiner Kinder oder ein anderes Familienmitglied, das gewalttätig ist, in der Nähe ist, wenn sie aufwachsen, und/oder dass sie innerhalb oder in der Nähe ihrer Familie, ihrer sozialen Netzwerke und ihrer Gemeinschaft bleiben.
  • Das Opfer leidet möglicherweise unter langfristigem posttraumatischem Stress und ist nicht in der Lage, Entscheidungen zu treffen.
  • Angst und finanzielle Zwänge könnten es vor allem jungen Opfern unmöglich machen, einen gewalttätigen Partner bzw. eine gewalttätige Partnerin zu verlassen, besonders wenn sie dieselben sozialen Kreise teilen, wie z. B. dieselbe Bildungseinrichtung besuchen oder derselben Peer-Group angehören.
  • Häufig ist das Opfer von dem Partner bzw. der Partnerin finanziell abhängig, verfügt nicht über eigene finanzielle Mittel, ist nicht in der Lage, den Anteil für die Wohnung an den Partner bzw. die Partnerin zu zahlen, oder ist verschuldet.
Warum sagt das Opfer es nicht einfach jemandem?
  • Das Opfer könnte aus Liebe zum Täter bzw. zur Täterin und dem Willen, ihn bzw. sie zu schützen, nichts sagen.
  • Vielleicht wagt das Opfer es nicht, sich jemandem anzuvertrauen, weil es Angst vor dem Täter bzw. der Täterin hat und befürchtet, dass ihm bzw. ihr niemand glauben wird, insbesondere wenn keine körperlichen Verletzungen vorliegen.
  • Das Opfer vertraut sich möglicherweise niemandem an, weil es nicht gefragt wird, oder weil es nicht mit jemandem allein gelassen wird, dem er bzw. sie es erzählen könnte.
  • Das Opfer könnte die eigene Erfahrung nicht als Missbrauch anerkennen, oder schämt sich für das, was er/sie erlebt hat.
  • Kulturelle oder religiöse Barrieren könnten es dem Opfer erschweren, sich jemandem anzuvertrauen. Das Opfer könnte z. B. wegen seines bzw. ihres Einwanderungsstatus besorgt sein.
  • Das Opfer könnte besorgt sein, seine bzw. ihre Kinder zu verlieren, wenn das Jugendamt eingeschaltet wird.
  • Möglich wäre auch, dass sich das Opfer niemandem anvertraut, weil es ein geringes Selbstvertrauen und Selbstwertgefühl oder Verlustängste hat, körperlich gebrechlich ist oder den Eindruck hat, dass die Misshandlung nicht ernst genug ist, um ein Eingreifen zu rechtfertigen.
  • Das Opfer fürchtet sich vielleicht davor, Familie und Freunde zu verlieren und isoliert zu werden.
  • Das Opfer will gegebenenfalls kein „Aufsehen erregen“.
  • Das Opfer könnte sich davor fürchten, beschuldigt zu werden und sich zu blamieren.
  • Das Opfer macht sich vielleicht Sorgen darüber, was die Folgen für seine bzw. ihre Familie und andere wichtige Personen sein könnten.
  • Vielleicht stellt eine Behinderung des Opfers ein Hindernis für die Suche nach Hilfe dar.
  • Möglicherweise erkennt das Opfer die eigene Erfahrung nicht als Gewalt an, weil sie Teil der eigenen Gemeinschaft und des Lebensumfeldes ist und toleriert wird.

Täter häuslicher Gewalt

Während es wichtig ist, sich auf die Opfer von Missbrauch und Gewalt zu konzentrieren, ist es auch wichtig, die Rolle des Täters bzw. der Täterin nicht aus dem Blick zu verlieren. Daher gibt es Einrichtungen und Behörden (Bewährungshilfe, Haftentlassenenhilfe, Männerberatungsstellen, Justizanstalten), die sich auf die Arbeit mit Tätern und Täterinnen spezialisiert haben.

Definition

Ein Täter ist eine Person, die Missbrauch, Vernachlässigung oder Ausbeutung begeht oder wissentlich zulässt.


IMPRODOVA: Wer sind die Täter und Täterinnen von häuslicher Gewalt?

Das Video erklärt, wer die Täter und Täterinnen in Fällen von häuslicher Gewalt sind.


„Ich kann nicht verstehen, wie ein menschliches Wesen einem anderen ein solches Grauen antun kann. Ich kann nicht begreifen, wie ein Opfer sich fühlen muss. Wie eine Frau sich fühlt, wenn ihr sämtliche Würde genommen wird. Wenn Kinder zuschauen müssen. […] Und an dieser Stelle mache ich es mir wieder zu einfach. Ich baue Schutzmauern auf, um mich vor der Gewalt, die ich nicht fassen kann, vor dem Elend, in das ein Mensch sich selbst und andere stürzen kann, zu schützen. Um die Machtlosigkeit nicht spüren zu müssen und die Angst, ohne Wissen, selbst schon Leid übersehen zu haben und nicht geholfen zu haben. Also hinterfrage ich meine Einstellung besser: Was muss im Leben eines Menschen geschehen sein, damit er sein Leben nur durch die Erniedrigung anderer lebenswert machen kann? Und wie tief muss der Schmerz sitzen, wie normal muss derartige Erniedrigung in der eigenen Kindheit gewesen sein, damit er nicht mehr zu der Erkenntnis fähig ist, genau gleich zu handeln und die Gewalt und Herabwürdigung unverändert oder noch stärker weiterzugeben? Wenn ich darüber nachdenke, wird mir schlecht. Wenn ich darüber nachdenke, wie vielen Seelen jeden Tag, in genau diesem Moment, auf die eine oder andere Art Gewalt angetan wird, fängt sich in meinem Kopf alles an zu drehen, und ich kann keinen klaren Gedanken mehr fassen. Wie kann man nur? Und wie kann man nicht? Wie kann ich nicht?“

Teilnehmer eines Trainings zu häuslicher Gewalt

Wer ist der Täter bzw. die Täterin?

Täter bzw. Täterinnen häuslicher Gewalt kommen aus allen sozialen, kulturellen und religiösen Hintergründen. Eines der Hauptprobleme beim Erkennen des Ausmaßes von Missbrauch und Gewalt ist die Tatsache, dass es nicht das eine spezifische Merkmal eines Täters bzw. einer Täterin gibt, das dafür verantwortlich ist, ob jemand dem Partner oder der Partnerin gegenüber gewalttätig wird.

Warum wird jemand gewalttätig?

Persönliche, situative und soziokulturelle Faktoren spielen eine Rolle dabei, ob jemand gewalttätig wird. Einige Faktoren (z. B. Drogenmissbrauch, geschlechtsspezifische Rollen, vergangene Traumata, Erfahrungen mit Missbrauch in der Kindheit) können Risikofaktoren für häusliche Gewalt sein. Aber nichts kann wirklich vorhersagen, ob eine Person gewalttätig wird.


Ursachen für häusliche Gewalt

Eine Methode, um Gewalt zu beschreiben, ist das ökologische Modell, das vorschlägt, dass Gewalt das Ergebnis von Faktoren ist, die auf vier Ebenen wirken: Individuum, Beziehung, Gemeinschaft und Gesellschaft (vgl. Ali, McGarry, 2020; Lauritsen & Schaum, 2004). Einige Risikofaktoren werden in Studien aus vielen verschiedenen Ländern einheitlich identifiziert, während andere kontextspezifisch sind und zwischen und innerhalb von Ländern variieren (z. B. zwischen ländlichen und städtischen Milieus). Auf der individuellen Ebene stehen einige Faktoren mit Täterschaft, andere mit Viktimisierung und wieder andere mit beidem in Verbindung.

Gesellschaft
  • Ungleichheit zwischen den Geschlechtern: Stereotype Vorstellungen über die Rolle von Frauen und Männern in der Gesellschaft und die Art und Weise, wie sie sich verhalten sollten, fördern ein Umfeld für häusliche Gewalt.
Beziehung
  • Verhaltenskontrolle: Überwachung alltäglicher Aktivitäten wie Telefongespräche, soziale Interaktionen einschließlich sozialer Medien, Kleidung
  • Zwanghaftes und/oder übermäßig eifersüchtiges Verhalten
  • Finanzielle Schwierigkeiten
  • Jüngste Trennung
  • Verletzungen des Selbstwerts durch verbale Gewaltausübung
Gemeinschaft
  • Genderfaktoren: ungleiche soziale Normen (insbesondere solche, die Vorstellungen von Männlichkeit mit Dominanz und Aggression verbinden)
  • Soziale und geographische Isolation
  • Sozio-ökonomische Ungleichheit
  • Fehlender Zugang zu unterstützenden Netzwerken und Dienstleistungen
Individuell
  • Drogenmissbrauch
  • Als Kind Missbrauch erleben oder Zeuge davon werden
  • Niedriges Bildungsniveau
  • Sozio-ökonomischer Status

Es gibt besondere Gruppen, bei denen andere Ursachen für häusliche Gewalt relevant sind.

Weitere Informationen finden Sie unter den folgenden Links:

Geflüchtete und Asylbewerber/innen:
Co-creating a Counselling Method for Refugee Women GBV Victims

Häusliche Gewalt in LGBTIQ-Beziehungen:
Another Closet


Folgen häuslicher Gewalt

Häusliche Gewalt hat physische Auswirkungen auf Erwachsene. Hier werden nur einige Beispiele aufgezählt.

  • Knochenbrüche
  • Gynäkologische Probleme
  • Langfristige Schmerzen
  • Verbrennungen oder Stichwunden
  • Sexuelle Funktionsstörungen
  • Schlechte Ernährung
  • Blutergüsse
  • Fehlgeburten
  • Allgemein schlechter Gesundheitszustand
  • Selbst zugefügte Verletzungen
  • Tod
  • Müdigkeit
  • Säuglinge mit niedrigem Geburtsgewicht/Frühgeburten/Totgeburten
  • Sexuell übertragbare Infektionen

Häusliche Gewalt hat auch psychologische Auswirkungen auf Erwachsene.

  • Zunehmende Wahrscheinlichkeit des Missbrauchs von Drogen, Alkohol oder verschriebenen Antidepressiva
  • Depressionen/schlechte psychische Gesundheit
  • Verlust von Selbstachtung und Vertrauen
  • Selbstmordgedanken oder Selbstmordversuche
  • Essstörungen
  • Schlafstörungen
  • Selbstverletzungen
  • PTBS
  • Verlust der Hoffnung
  • Abhängigkeitsgefühle
  • Gefühle der Isolation
  • Schuld
  • Ärger
  • Panik oder Angstgefühle

Auswirkungen häuslicher Gewalt auf Kinder

Häusliche Gewalt hat auch massive Auswirkungen auf Kinder.

Kinder, die in Haushalten, in denen häusliche Gewalt stattfindet oder die durch diese direkt betroffen sind, können durch die daraus resultierende Vernachlässigung erheblich geschädigt werden.

Zeuge häuslicher Gewalt zu sein, ist für Kinder aller Altersgruppen schädlich, aber in manchen Altersphasen hat häusliche Gewalt besonders schwerwiegende Auswirkungen auf das Gehirn der Kinder und indirekt auf ihre körperliche und emotionale Entwicklung. Es gibt zwei Zeiträume, in denen Kinder besonders gefährdet sind: in den ersten drei Lebensjahren sowie in den Jahren zwischen 13 und 17. Die rasche Entwicklung des Gehirns in diesen beiden Zeiträumen ist eine sensible Phase mit erhöhter Anfälligkeit für Traumata. Gute Erfahrungen können sich in diesen Zeiträumen positiv auf die Entwicklung des Kindes auswirken, Vernachlässigung und traumatische Erfahrungen zu lebenslangen Defiziten führen. Die Auswirkungen von häuslicher Gewalt auf Kinder sind jedoch in allen Altersgruppen massiv.

Ein Kind in einem von häuslicher Gewalt betroffenen Haushalt wird wahrscheinlich auf eine oder mehrere der folgenden Arten betroffen sein.

  • Erlebt emotionalen Missbrauch als Folge der Gewalttätigkeit/Misshandlung, die sich gegen eines seiner Elternteile richtet
  • Erleben schwerer körperlicher Gewalt bis hin zu Mord
  • Unbeabsichtigte Verwicklung in die Gewalt/den Missbrauch, zum Beispiel versehentlich in einen Angriff verwickelt zu werden oder als Teil einer emotionalen Erpressung oder Manipulation vom Täter benutzt zu werden
  • Eingreifen, um die Gewalttätigkeit/Misshandlung zu beenden, die sich gegen eines seiner Elternteile richtet
  • Kinder können ein direktes Ziel physischer, emotionaler und/oder sexueller Gewalt oder Missbrauch durch den Täter sein.
Psychische Auswirkungen häuslicher Gewalt auf Kinder

Es hat sich gezeigt, dass belastende Ereignisse in der Kindheit oder „nachteilige Kindheitserfahrungen“ lebenslange Auswirkungen haben.

  • Kinder, die Zeugen häuslicher Gewalt werden, zeigen in einer Reihe von Entwicklungs- und Verhaltensdimensionen deutlich schlechtere Ergebnisse als Kinder, die ohne Gewalt leben. Die Ergebnisse ähneln denen von Kindern, die direkt körperlich missbraucht wurden.
  • Kinder in Häusern, in denen häusliche Gewalt stattfindet, haben, auch wenn sie den Missbrauch nicht direkt miterleben, mit größerer Wahrscheinlichkeit Verhaltensprobleme und leiden unter Angstzuständen, Depressionen, posttraumatischen Belastungsstörungen und Erziehungsproblemen. Im Vergleich zu ihren Altersgenossen, die in einer gewaltfreien Umgebung aufgewachsen sind, haben Kinder aus Familien, in denen es häusliche Gewalt gab, als Erwachsene häufiger Probleme in Bezug auf ihre psychische Gesundheit, sind häufiger arbeitslos und erleben oder begehen selbst häusliche Misshandlungen.
  • Kinder können lernen, dass es akzeptabel ist, durch Gewaltanwendung Kontrolle auszuüben oder Stress abzubauen, oder dass Gewalt mit dem Ausdruck von Intimität und Zuneigung verbunden zu sein scheint. Diese negativen Lernerfahrungen können sich auf Kinder in sozialen Situationen und Beziehungen während der gesamten Kindheit und im späteren Leben sehr nachteilig auswirken.
  • Kinder können auch durch vorübergehende Obdachlosigkeit, den Wechsel des Wohnortes und der Schule, den Verlust von Freunden, Haustieren und persönlichen Gegenständen, die fortgesetzte Belästigung durch den Täter und den Stress beim Aufbau neuer Beziehungen zu kämpfen haben.
  • Kinder, die mit häuslicher Misshandlung leben, leiden wahrscheinlich unter Vernachlässigung, die in einigen Fällen durch elterliche Drogen-, Alkohol- oder psychische Gesundheitsprobleme, „das toxische Trio“, noch verschlimmert wird.

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Weitere Informationen finden Sie hier:

https://www.apa.org/topics/bullying/

https://www.who.int/bulletin/volumes/88/6/10-077123/en